China Im Bann des Öls

Nach mehr als 5000 Kilometern mündet der Gelbe Fluss ins Meer. Im Delta gibt es eine Menge Konkurrenz: Tiere, Menschen, Öl existieren auf engstem Platz. Satellitenbilder sollen nun helfen, das Chaos zu ordnen.

(Foto: Landsat Satellitendaten)

Das Delta des Gelben Flusses ist ein einzigartiges Naturreservat, genau dort liegt ein riesiges Ölfeld. Die Konflikte um das Land sind gewaltig, nun probiert China es mit nachhaltiger Entwicklung.

Von Christoph Behrens, Dongying

Schwer zu sagen, wo der Fluss endet und der Himmel beginnt. Im Smog verschwimmt alles zu einem grauen Brei. Träge schleppt sich der Gelbe Fluss die letzten Meter bis zum Meer, die Bucht von Bohai, ein Randmeer des Pazifik. Bis hierhin hat er 5464 Kilometer zurückgelegt, hat die Täler des tibetischen Hochlands, die steppenartige Innere Mongolei und acht andere Provinzen, mehr als ein Dutzend Staudämme und mehrere Millionenstädte passiert. Jetzt wirkt der Strom erschöpft und grau, wie ermattet von seinem langen Weg. Abgesehen davon ist es hier idyllisch: Insekten zirpen, Angler sitzen faul am schlammigen Ufer, gelegentlich durchbricht ein Schwarm Vögel das Schilfrohr. So weit man sehen kann eine grüne Landschaft, durchzogen von kleinen Tümpeln und Nebenflüssen. Ein paar Hundert Meter vom Flussufer entfernt aber auch: ein Ölbohrturm.

Er sollte da eigentlich nicht stehen, so mitten im Naturschutzgebiet. Doch der Bohrturm ist nur einer von Hunderten in der Delta-Region. Mensch und Natur haben in China selten ein einfaches Verhältnis, doch hier an der Mündung des Gelben Flusses ist die Konkurrenz extrem. Da ist zunächst die einzigartige Natur. Das Feuchtbiotop beherbergt etwa 2200 verschiedene Tier- und Pflanzenarten, allein 152 geschützte Arten von Zugvögeln machen in den Auen halt. Mitte der 1960er stieß man genau unter dem Ökosystem auf Öl. Das Shengli-Ölfeld ist mit mindestens 4,6 Milliarden Tonnen Reserven das zweitgrößte Ölvorkommen Chinas. Obwohl das Land riesig ist, gibt es so gut wie nirgends Öl, fast alles wird importiert, das macht das schwarze Gold hier besonders begehrt. Deshalb ist ebenfalls gleich nebenan in den vergangenen Jahrzehnten die Retortenstadt Dongying im Delta herangewachsen. In der Metropolregion leben heute sechs Millionen Menschen, viele arbeiten in der Ölbranche. Das ist die Ausgangssituation, und irgendwie müssen nun alle miteinander auskommen: der Fluss, die Vögel, die Ölfirmen und all die Menschen.

Die Ölpumpen stehen oft mitten im Naturschutzgebiet.

(Foto: DLR / DELIGHT)

"In den vergangenen 20 Jahren hat sich hier alles ziemlich rasch entwickelt", sagt Liu Gaohuan von der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking. Der Geograf erforscht seit Jahrzehnten die Veränderungen im Delta. Ob es um die Urbanisierung, den Bau neuer Fabriken oder Straßen geht - für Liu vollzieht sich hier die ohnehin schnelle Entwicklung Chinas noch einmal verschärft in einem Mikrokosmos. Zusammen mit deutschen Forschern arbeitet Liu seit einigen Jahren daran, die rapiden Veränderungen in geordnete Planung zu verwandeln. Er ist in Peking federführend für das deutsch-chinesische Verbundprojekt "Delight" verantwortlich, das den ökologischen Wandel der Region kartiert. Hierfür haben Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) die Region jahrelang mit Satelliten beobachtet, die hochauflösenden Bilder und Daten fließen nun in eine moderne Planungs-Software. Chinesische Stadtplaner und Politiker sollen damit die Umweltveränderungen besser verstehen können, und - so die Hoffnung - mehr Rücksicht auf die Natur nehmen als bislang.

"Es ist eine starke Methode um zu sehen, wo die Region ökologisch verwundbar ist", sagt Liu. Auch die Risiken für den Menschen ließen sich nun besser einschätzen. "Risiken für Überschwemmungen oder Dürren, sogar für die Ausbreitung von Infektionskrankheiten". Delight ist ein Pilotprojekt, ließe sich aber auch auf andere verwundbare Ökosysteme übertragen, hoffen die Forscher. Der Mangel an verlässlichen Daten gilt auch in anderen Delta-Systemen der Erde, wie etwa am Mekong in Südostasien, als ein Grund, warum der Artenschwund dort besonders schnell verläuft.

Die Frage ist, ob das System für das Delta des Gelben Flusses rechtzeitig kommt. Wenn man durch die Region fährt, sieht man einige Auswüchse des Booms der vergangenen Jahrzehnte. Neben der Straße, die vom Naturschutzgebiet in die Stadt Dongying führt, reihen sich nicht nur Öltürme, sondern auch Aquakulturen aneinander. In den hundert Meter langen Becken, ausgelegt mit grober Plastikfolie, werden Shrimps und Fische gezüchtet, daneben stehen heruntergekommene Zelte und Hütten für die Arbeiter. Die Wasserverschmutzung durch die Aquakulturen ist ein weiteres Problem. "Der Gelbe Fluss ist die Hauptwasserquelle für die Region", sagt Liu. Da sehr wenig Niederschlag falle, sei der Schutz der Wasserressourcen besonders wichtig.

Boomtown am Fluss: Dongying ist innerhalb weniger Jahre zur Millionenstadt geworden - nachhaltige Stadtplanung spielte bislang kaum eine Rolle.

(Foto: DLR / DELIGHT)

Gleich am Rand des Naturschutzgebiets entstehen Dutzende neue achtstöckige Wohnhäuser, hauptsächlich als Wertanlage für reiche Investoren. Auch Dongying ist kaum nachhaltig angelegt, durch die grotesk weitläufige Stadt führen achtspurige Autobahnen. Zwischen manchen Hochhäusern hämmern Pferdekopfpumpen wie man sie aus Texas kennt in den ölreichen Boden.

In einem hellen Eckbüro eines Neubauviertels fließen die Delight-Daten zusammen. Eine Mitarbeiterin klickt sich durch die Grafiken. Wo ist die Stadt gewachsen? Wie hat der Gelbe Fluss seinen Lauf durch das Delta verändert? Außerdem versuche man, lokale Behörden dazu zu bringen, ihre Daten zur Verfügung zu stellen, sagt die Mitarbeiterin. Dass chinesische Behörden so eng kooperieren, sei ein Novum. Einige Beamte sind nicht gerade begeistert, wenn Daten öffentlich werden, und sei es nur für Wissenschaftler. Denn natürlich vermag das System auch eine Menge Brisantes zu enthüllen. So konnten Wissenschaftler um Claudia Künzer vom DLR Oberpfaffenhofen anhand der Satellitendaten nachweisen, wie massiv sich die Stadt und die Landwirtschaft in den vergangenen Jahren auf Kosten der Natur ausgedehnt haben. Mithilfe der Satellitenaufnahmen lässt sich vor allem die Expansion der Ölindustrie beobachten. Demnach hat sich die Zahl der Ölpumpen in den vergangenen 20 Jahren auf etwa 1200 fast vervierfacht.

Links eine Landsat-Aufnahme von 1989, rechts von 2009: In 20 Jahren ist die Stadt Dongying stark expandiert, es gibt neue Ölförderpumpen und Aquakulturen.

(Foto: Landsat-Satellitendaten)

Besonders heikel ist, dass die Ölfirmen die beiden bestehenden Naturschutzgebiete wohl systematisch verletzen. Die Reservate am Delta bestehen aus drei Zonen: einer experimentellen Zone, einer Pufferzone und einer Kernzone. In der Kernzone ist laut chinesischem Gesetz im Prinzip keine menschliche Aktivität mehr erlaubt. Im Fachmagazin Applied Geography berichten die Forscher jedoch, dass auch dort die Zahl der Pumpen kontinuierlich ansteigt. Vor allem im Norden gebe es immer mehr Verstöße, im Osten dagegen so gut wie keine. Die Geografen vermuten, dass dies damit zusammenhängt, dass der östliche Teil des Parks gut über eine Straße erreichbar ist, der nördliche dagegen ziemlich weit ab vom Schuss liegt. Hier kommt so gut wie nie ein Tourist hin. Bevor es die Satellitendaten gab, bekam wohl einfach keiner mit, was in dieser Ecke geschieht. Allerdings ist es mit Information allein wohl auch nicht getan. Im örtlichen Planungsbüro von Dongying bestreitet man bislang, dass die Ölpumpen auch im Zentrum des Naturschutzgebiets existieren.

Liu Gaohuan kennt diese Widersprüche und ist doch optimistisch. Nicht nur die Wirtschaft habe sich rasch entwickelt. "Immer mehr Menschen erkennen den Wert der Umwelt", sagt der Geograf. Zarte Anfänge dieser Entwicklung lassen sich ebenfalls im Naturschutzgebiet sehen. Am Rande der Straße durch das Delta sieht man gelegentlich auch einen aufgestellten Sonnenschirm. Darunter sitzen Männer mit breitem Hut auf dem Kopf und Fernglas vor den Augen, und spähen durch den Smog nach Vögeln.

SZ-Karte: Mainka

(Foto: )

Dieser Text ist der letzte Teil einer vierteiligen Serie zum Gelben Fluss. Der Autor hat den Huang He - den Gelben Fluss - von seinem Quellgebiet im Hochland von Tibet bis zur Mündung ins Gelbe Meer verfolgt. Alle Texte finden Sie hier.