bedeckt München 22°

Syrienkonflikt:Sarin: Geruchlos, farblos, tödlich

Mitarbeiter eines Krankenhauses in Damaskus protestieren gegen den Giftgasangriff.

(Foto: AFP)
  • Sarin ist schwer nachzuweisen. Es ist unklar, ob das Gift bei dem jüngsten Chemiewaffenangriff in Syrien tatsächlich eingesetzt wurde.
  • Sarin führt zu Muskelkrämpfen, unkontrolliertem Stuhlgang und schwerer Atemnot.
  • Ärzte bemerkten an Opfern des Angriffs einen Geruch, der ein Hinweis auf Chlorgas sein könnte. Womöglich wurden zwei verschiedene Substanzen eingesetzt.

Es ist erst ein paar Wochen her, da warnte der Microsoft-Milliardär Bill Gates auf der Sicherheitskonferenz in München vor dem Einsatz von Biowaffen. Durch Gentechnik veränderte Erreger könnten von Terroristen eingesetzt und binnen eines Jahres 30 Millionen Menschen töten, sagte Gates. Manch einem der Zuhörer wird ein Schaudern über den Rücken gelaufen sein ob solch düsterer Visionen. Doch wie der jüngste Chemiewaffenangriff in Syrien zeigen, braucht es für Tod und Schrecken keinen Bioterror. Dafür reichen auch ein paar Kanister Chemie.

Das Gift, das mutmaßlich für die Attacke zum Einsatz kam, heißt Sarin. Es wurde Ende der 1930er Jahre als mögliches Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft entdeckt und während des zweiten Weltkrieges dann als chemischer Kampfstoff weiter entwickelt. Es handelt sich bei Raumtemperatur um eine meist farb- und stets geruchlose Flüssigkeit, die jedoch in etwa so schnell verdunstet wie Wasser, also stark flüchtig ist. Eine Explosion zerstäubt die Flüssigkeit in feinste Tröpfchen, die rasch verdampfen.

Sarin wird daher hauptsächlich über die Atemwege aufgenommen, dringt aber auch durch Haut und Augen in den Körper ein. Seine neurotoxische Wirkung entfaltet der Wirkstoff auf die gleiche Weise, wie alle Nervengifte, die als chemische Waffen zum Einsatz kommen: Die Substanz verhindert den Abbau eines wichtigen Botenstoffes und versetzt das zentrale Nervensystem damit in einen Dauererregungszustand. Typische Symptome dieses neuronalen Feuerwerks sind Muskelkrämpfe, unkontrollierter Stuhlgang und schwere Atemnot, die schließlich zum Atemstillstand führen kann.

Noch bevor sich diese drastischen Wirkungen entfalten, wirkt Sarin jedoch auf das Auge: Die Pupillen verengen sich auf Stecknadelkopfgröße und können Ärzten einen wichtigen Hinweis auf die bereits eingetretene, aber noch nicht ausgeprägte Vergiftung liefern. Doch auch zahlreiche andere Gifte und Drogen, wie das Fliegenpilzgift Muskarin lassen die Pupillen zum Punkt schrumpfen. Nach dem Sarinanschlag auf die U-Bahn in Tokio vor 22 Jahren war es für die Ärzte in den überfüllten Notaufnahmen deshalb schwer zu erkennen, dass sie es mit Opfern einer Sarinattacke zu tun hatten. Erst die Häufung von weiteren Symptomen brachte die Mediziner auf die entscheidende Spur.

Der Bluttest ist nicht eindeutig

Die Wirkung von Sarin lässt sich außerdem im Blut nachweisen. Das Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr in München hat einen Schnelltest entwickelt, der binnen Minuten nachweisen kann, ob der Abbau des besagten Botenstoffs im Zentralnervensystem gestört ist. Auch hier gilt zwar, dass ein positiver Test auch auf andere Stoffe wie Muskarin hinweisen kann. Die Behandlung des gestörten Botenstoffabbaus aber erfolgt grundsätzlich mit dem gleichen Mittel: Atropin.

Das Gift der Tollkirsche wirkt als sogenannter Antagonist, es verdrängt den Botenstoff an den Nervenzellen, ohne ein Signal auszulösen. Die Dauererregung lässt dadurch nach. Zusätzlich kann der Abbau des überschüssigen Botenstoffes durch das Mittel Obidoxim eingeleitet werden. Laut Empfehlung des Giftnotrufs an der Technischen Universität München sollte die Gabe von Atropin zuerst erfolgen. Beide Behandlungen setzen natürlich voraus, dass die Mittel im Falle einer Massenvergiftung auch in ausreichender Menge verfügbar sind.

So schwierig die Diagnose und Behandlung in Krisengebieten auch ist: Es gibt weitere Maßnahmen grundsätzlicher Art, die von der Organisation zur Bekämpfung von Chemiewaffen (Organisation for the Prohibition of Chemical Warfare, OPCW) empfohlen werden, um die fortdauernde Wirkung potenzieller Gifte zumindest abzubrechen. Da chemische Kampfstoffe sich leicht in der Kleidung festsetzen und von dort weiter auf das Opfer und andere Personen einwirken können, müssen zuallererst Textilien vom Leib. Pullover und T-Shirts sollen dabei nicht über den Kopf gezogen, sondern zerschnitten und vom Oberkörper entfernt werden. Noch auf der Haut haftendes Gift wird danach mit reichlich Wasser abgeduscht. Sämtliche Kleidung muss vernichtet werden.

Möglicherweise wurde auch Chlorgas eingesetzt

Was die jüngste Giftgasattacke in Syrien betrifft, ist aber noch unklar, welche und wie viele Substanzen tatsächlich eingesetzt wurden und auf die Opfer wirkten. Ein Team von Ärzte ohne Grenzen war kurz nach dem Angriff auf Zivilisten in Khan Sheikhun zur medizinischen Betreuung der Opfer in ein Krankenhaus geeilt, das 100 Kilometer nördlich des Schauplatzes liegt. Demnach zeigten die dort eingelieferten Patienten zwar deutliche Symptome einer neurologischen Vergiftung, wie sie unter anderem für Sarin typisch ist. In anderen Notaufnahmen fiel den Medizinern allerdings auch ein Chlorgeruch an den Opfern auf, was nach Aussage der Organisation für einen Einsatz von Chlorgas spricht. Chlorgas verursacht ebenfalls Atemnot, der Wirkmechanismus ist jedoch ein völlig anderer: Das Gas verbindet sich mit Wassermolekülen in der Lunge zu Salzsäure. Die Folge sind schwere Verätzungen der Atemwege, die Opfer ersticken.

Möglicherweise seien die Opfer des Angriffs mindestens zwei verschiedenen chemischen Substanzen ausgeliefert gewesen, sagt Ärzte ohne Grenzen. Ob der Hergang der Attacke jemals restlos aufgeklärt wird, bleibt offen. Das einzige zertifizierte Labor der OPCW in Deutschland gehört zur Bundeswehr, es hat seinen Sitz im norddeutschen Munster. Auf Anfrage ließ das zugehörige Bundesamt mitteilen, man könne auf Fragen zur Aufklärung solcher Attacken "keine seriösen Antworten" geben.

© Sz.de/beu

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite