Synthetische Biologie:Leben maßgeschneidert

Aus dem Baukasten der Moleküle können Wissenschaftler möglicherweise in Zukunft Leben erschaffen. Der Wissenschaftszweig birgt Chancen wie Risiken - und soll frühzeitig öffentlich diskutiert werden.

Patrick Illinger

Die britische Zeitung Guardian schaffte im Sommer 2006, was Journalisten einen Scoop nennen - eine exklusive, aufregende und in diesem Fall auch erschreckende Meldung. Der Redaktion war es gelungen, über das Internet ein Fläschchen mit genetischem Material von Pocken-Viren zu bestellen. Zwar waren es nur winzige Erbgutschnipsel und noch lange keine gefährlichen Krankheitserreger, die da im Verlag eintrafen. Doch die öffentliche Resonanz war unmissverständlich: So etwas sollte nicht im Online-Versand verfügbar sein. Zumal es um Bestandteile eines Virus ging, das eigentlich seit mehr als 30 Jahren weltweit ausgerottet ist.

Die Gen-Schnipsel waren auf Bestellung von einer Biotech-Firma hergestellt worden. Als Vorlage diente der ebenfalls im Internet verfügbare genetische Bauplan des Pocken-Virus. Der Guardian brachte somit nicht nur einen Skandal, sondern ein ganz neues Forschungsgebiet ins Gerede.

Dabei geht es um eine neue Form der Gentechnik, bei der nicht mehr nur vorhandene Organismen analysiert und verändert werden, wie beim Genmais, sondern die Strukturen des Lebens von Grund auf wie mit einem Baukasten zusammengefügt werden. "Synthetische Biologie" heißt diese aus Sicht der Forscher viel versprechende Disziplin, bei der chemische Moleküle mit Ingenieurmethoden zu biologischen Strukturen kombiniert werden.

Weil das keineswegs nur eine gefährliche Spielerei ist, haben sich Deutschlands Spitzenforscher nun entschlossen, das Thema synthetische Biologie offensiv und frühzeitig in die öffentliche Diskussion zu bringen. In einer am Montag publizierten Stellungnahme skizzieren die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG und die zwei nationalen Akademien der Wissenschaften, Leopoldina und acatech, Chancen und Risiken des jungen Forschungsgebiets.

"Fundamentale Fragen unseres Selbstverständnisses"

Die Wissenschaftler versprechen sich neue Einblicke in die Mechanismen des Lebens sowie marktfähige Produkte, von Medikamenten bis zu Biobrennstoffen. Es könnte zum Beispiel gelingen, kleine Organismen herzustellen, die mit einem künstlichen Genom ausgestattet Impfstoffe produzieren oder sich in Kohlendioxidfresser verwandeln und Treibhausgas aus der Erdatmosphäre filtern.

Doch die Forscher sprechen auch Risiken und ethische Fragen an. Das neue Forschungsfeld berühre "fundamentale Fragen unseres Selbstverständnisses", erklärt der ehemalige DFG-Vizepräsident Jörg Hacker. Es sei durchaus möglich, dass in Zukunft mit Hilfe von Methoden der synthetischen Biologie sich selbst replizierende Einheiten geschaffen werden. Dies könne so etwas wie 'Leben aus dem Reagenzglas' sein, auch wenn es momentan noch nicht möglich sei.

Hacker, der in seiner aktuellen Funktion als Präsident des Robert-Koch-Instituts durch sein bedachtes Auftreten zum Thema Schweinegrippe öffentliches Vertrauen gewonnen hat, war Koautor der Stellungnahme. Dass er im Zusammenhang mit der synthetischen Biologie den frühzeitigen Dialog mit Ethikern und Kirchen fordert, dürften ihm auch hartnäckige Forschungsgegner nicht verübeln.

Insgesamt klingt die 40-seitige Stellungnahme recht ausgewogen - anders als manche Werbebotschaft der Forschungsorganisationen aus der Vergangenheit, etwa zur grünen Gentechnik. Neue Gesetze erachten die Wissenschaftler dennoch als unnötig. Und in der Frage, ob künstlich erzeugte Organismen patentiert werden dürfen, zeigen sie sich arg industriefreundlich.

© SZ vom 28.07.2009/beu
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