Super-GAU von Tschernobyl:Strahlend im Winter

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In Wintern, in denen es wenig Baumfrüchte gibt, graben die Sauen tiefer im Boden, um Hirschtrüffel zu finden. Mit diesem und dem ebenfalls stark Cäsium-belasteten Maronen-Röhrling nehmen die Tiere eine hohe Dosis Radioaktivität auf. "In betroffenen Gebieten und den Nachbarkreisen muss jede erlegte Sau zur Kontrolle, ehe sie beim Verbraucher landet", sagt Reddemann. "Bei verstrahlten Tieren messen wir 2000 bis 3000 Becquerel pro Kilogramm, Werte jenseits der 10.000 Becquerel sind auch schon vorgekommen."

Im Frühjahr und Sommer beobachten Jäger ein Absinken der Verstrahlung, Wildschweine wühlen dann weniger. Auch wenn aufgrund der starken Kontrollen keine Gefahr für den Verbraucher besteht, ein Ärgernis sind die verseuchten Sauen dennoch. "Wir erlegen die Tiere ja nicht für die Abfalltonne", sagt Reddemann. Deshalb werden Möglichkeiten zur Dekontamination der Schweine erforscht.

Als wirkungsvoll hat sich Ammoniumeisenhexacyanoferrat, bekannt unter dem Namen Giese-Salz, erwiesen. Schon ein halbes Gramm könnte die Cäsium-Belastung der Wildschweine um 50 bis 97 Prozent reduzieren. Doch wie kommt das Giese-Salz ins Schwein? Sauen sind keine Futtertiere.

Pflanzen, die auf radioaktiv verseuchtem Boden wachsen, nehmen meist nur wenig Cäsium auf. Belastet sind vor allem der Dornfarn mit 4000 Becquerel pro Kilogramm, die Heidelbeere mit 2500 Becquerel und die Seegras-Segge mit 1800 Becquerel. Naschen vom Heidelbeerstrauch ist dennoch erlaubt, für eine radioaktive Verstrahlung müsste man Unmengen verzehren. Das Gleiche gilt für Pilze und Wild aus kontaminierten Gebieten.

Das Bundesumweltministerium schreibt dazu: "Bei normalen Verzehrgewohnheiten von Wildpilzen und Wildfleisch, die im Regelfall nur in relativ geringen Mengen verzehrt werden, besteht aus strahlenhygienischer Sicht keine gesundheitliche Gefährdung." Wer 200 Gramm Pilze isst, die mit 4000 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm verstrahlt sind, wird mit 0,01 Millisievert belastet - das entspricht der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria.

Die erste radioaktive Wolke, die in Richtung Skandinavien zog, hat ihre Spuren auch in Nord- und Ostsee hinterlassen. Während in der Nordsee ein intensiver Wasseraustausch für schnelle Verdünnung sorgte, werden bei Fischen in der strömungsarmen Ostsee noch heute höhere Cäsium-Werte gemessen.

Der Dorsch als oberster Raubfresser ist mit fünf bis zehn Becquerel pro Kilogramm belastet, direkt nach der Katastrophe von Tschernobyl waren es mehr als 20 Becquerel.

"Das sind so niedrige Werte, dass sich niemand Sorgen machen muss", sagt Fischereiökologe Ulrich Rieth vom Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut, Leitstelle für die Überwachung der Umweltradioaktivität in Fischen. Jeder Bundesbürger bekommt jährlich eine durchschnittliche Strahlendosis von 2,1 Millisievert ab - im Alltag, vom Essen, durch Röntgenuntersuchungen und Flugreisen.

"Die Dosis würde sich um weniger als ein Prozent erhöhen, wird der Fischanteil in der Nahrung ein Jahr lang mit Ostseefisch gedeckt", sagt Rieth. "Auch Baden in der Ostsee ist kein Problem. Im Meer befindet sich ja immer ein wenig natürliche radioaktive Strahlung, das macht kaum einen Unterschied zur aktuellen Belastung." Und wie bekommt den Fischen das krebserregende Cäsium? "Für die ist das nur eines von vielen Umweltgiften. Wir wissen nicht genau, ob ihnen das Quecksilber, organische Schadstoffe oder die Radioaktivität mehr schaden", sagt Rieth.

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