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Super-GAU in Fukushima-1:Welche Verantwortung tragen die Verbraucher?

Süddeutsche.de: Sind nicht auch wir Verbraucher und Wähler mitverantwortlich? Schließlich lassen wir uns das gefallen und handeln selbst häufig unverantwortlich.

Klaus Heilmann

"Die Situationen, die zu Unglücken führen, entstehen auch durch unsere Maßlosigkeit", sagt der Risikoforscher Klaus Heilmann.

(Foto: privat)

Heilmann: Es gibt freiwillige Risiken, denen wir uns selbst aussetzen. Das sind die allermeisten Risiken des täglichen Lebens, vom Rauchen über häusliche Unfälle bis zum Straßenverkehr. Aber es gibt auch Risiken, wie die in der Energiegewinnung, für die die Hauptverantwortung bei den Unternehmen und den Politikern liegt. Und über die erfahren wir nicht die Wahrheit. Die Moral der Verantwortlichen ist da leider sehr, sehr schlecht. Dabei haben Untersuchungen gezeigt, dass Menschen in einem hochtechnisierten Land, wie beispielsweise Deutschland, durchaus verstehen, dass man Fortschritt nicht haben kann, ohne einen gewissen Preis für ihn zu zahlen.

Süddeutsche.de: Also wären wir bereit, Katastrophen als Preis für unseren Lebensstil in Kauf zu nehmen, wenn wir nur ehrlich und umfassend darüber informiert würden?

Heilmann: Wenn die Vorteile für alle groß genug sind - nicht nur für die Unternehmen -, dann sind wir bereit, ein bestimmtes Risiko einzugehen. Aber wir wollen keinen Sand in die Augen gestreut bekommen. Wir wollen die ganze Wahrheit auf dem Tisch haben. Dann können wir entscheiden, ob uns ein Risiko für einen bestimmten Fortschritt zu groß oder akzeptabel ist.

Süddeutsche.de: Wir sind also nicht mitverantwortlich, sondern nur hinters Licht geführt worden?

Heilmann: Keinesfalls. Die Situationen, die zu Unglücken führen, entstehen auch durch unsere Maßlosigkeit. Wir wollen immer mehr, alles soll besser werden, aber wir wollen keinen höheren Preis dafür zahlen. Im Gegenteil, alles soll billiger werden. Denken Sie an günstige Flugreisen oder Ferien auf Kreuzfahrtschiffen. Glaubt der Verbraucher wirklich, dass sich die günstigen Preise durch das Einsparen einer Tasse Kaffee an Bord eines Flugzeugs erklären lassen? Das läuft doch auf eine Reduzierung der Sicherheit hinaus. Deshalb werden auch in Zukunft Flugzeuge vom Himmel fallen, werden weitere Fähren untergehen, wird es zu weiteren Industrie-Katastrophen kommen. Damit Preise möglich werden, die die Konsumenten zu zahlen bereit sind.

Süddeutsche.de: Nach einer Katastrophe wie in Fukushima-1 geht man davon aus, dass sich jemand dafür verantworten müsste. Aber man hat nicht den Eindruck, dass zum Beispiel jetzt in Japan die Betreiber des Atomkraftwerks und die Regierung wirklich zur Rechenschaft gezogen werden. Und das gilt für viele Katastrophen der Vergangenheit. Wie kann das sein?

Heilmann: Das frage ich mich auch. Nehmen Sie die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Das ist wie bei der Finanzkrise. Da fahren Leute den Karren in den Dreck und am Schluss kommen sie auch noch mit unvorstellbar hohen Boni aus der Sache heraus. Das ist schon merkwürdig.

Süddeutsche.de: Wäre es dann nicht Sache des Wählers oder Verbrauchers, den Verantwortlichen die Quittung zu präsentieren?

Heilmann: Das wäre es, ist aber nicht immer ganz einfach. Aber natürlich kann man Parteien und Politikern zum Beispiel die Stimme verweigern. Oder denken Sie an Seveso 1976. Die Chemiefabrik dort, aus der die Giftstoffe ausgetreten waren, wurde von einer Firma betrieben, die zu Hoffmann - La Roche gehörte: Damals haben viele Menschen deren Produkte nicht mehr gekauft oder sich Medikamente einer anderen Firma verschreiben lassen. Damit haben sie ein Signal gesetzt. Wenn die Verbraucher so Widerstand leisten, geht schon etwas. Aber im Falle des Ausstiegs aus der Kernenergie und den mit ihm verbundenen Problemen, zum Beispiel der zunehmenden CO2-Belastung, würde es ja schon etwas bringen, wenn wir alle Strom sparen und weniger Auto fahren würden.

Süddeutsche.de: Das also ist letztlich die Lehre, die wir aus den Katastrophen ziehen müssen? Konsumverzicht zur Risikominimierung?

Heilmann: Es ist auch eine Änderung unserer Mentalität in Bezug auf Konsum und Wahlverhalten notwendig. Und es gibt Anzeichen dafür, dass sich da zunehmend etwas tut. Schauen Sie auf die Occupy-Bewegung, die große Aufmerksamkeit erzielt. Das Internet und die sozialen Netzwerke wie Facebook bieten Möglichkeiten, sich zusammenzutun und Druck auf die Verantwortlichen auszuüben. Das bedeutet allerdings auch eine gewisse Kampfbereitschaft.

Süddeutsche.de: Auf der anderen Seite vergessen wir Katastrophen, die uns nicht direkt betroffen haben, schnell wieder.

Heilmann: Ja, es ist schon auffällig, dass zum Beispiel das Interesse an Fukushima-1 in Deutschland nur noch minimal ist. Die Menschen denken: wir sind ausgestiegen, haben also alles getan. Das ist erschütternd, wenn man daran denkt, welche Konsequenzen der Super-GAU für die Menschen in der Region hat.

Süddeutsche.de: Was lernen wir daraus?

Heilmann: Zum menschlichen Charakter gehört das Verdrängen. Und das ist auch wichtig. Wir könnten ja kaum leben, wenn wir ständig an alle möglichen Risiken denken. Wenn man in einen Lift steigt, denkt man zum Glück nicht daran, dass das Seil tatsächlich reißen könnte. Das ist sinnvoll. Aber in Bezug auf die furchtbaren Katastrophen sollten wir das Verdrängen bewusst vermeiden. Leider haben wir das bislang noch nicht gelernt.

Klaus Heilmann, Die Risikolüge - Warum wir nicht alles glauben dürfen, Heyne Taschenbuch, 160 Seiten, ISBN: 978-3-453-60245-8, € 8,99