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Artenschutz:Sumatra-Nashörner haben gute Überlebenschancen

Photo of Kertam, a young male Sumatran rhinoceros from Borneo whose genome was sequenced for this study.

Ein junges Sumatra-Nashorn, dessen Erbgut sequenziert wurde.

(Foto: Scuba Zoo)

Weltweit gibt es weniger als hundert Exemplare. Doch die Tiere haben einen entscheidenden Vorteil.

Von Tina Baier

Das Sumatra-Nashorn ist ein gesprächiges Tier. Beim Fressen quietscht es zufrieden vor sich hin. Beim Baden im Schlamm summt es vor Freude, und wenn ihm etwas wehtut, wimmert es. Leider gibt es nur noch weniger als 100 der charismatischen Tiere. Sie leben auf den Inseln Sumatra und Borneo und gehören zu den gefährdetsten Säugern weltweit. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Trotz ihrer geringen Zahl haben Sumatra-Nashörner vergleichsweise gute Überlebenschancen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung zur genetischen Gesundheit der Tiere, die gerade im Wissenschaftsjournal Nature Communications erschienen ist. "Wir haben zu unserer Überraschung herausgefunden, dass die Tiere der Populationen auf Borneo und Sumatra genetisch sehr unterschiedlich sind", sagt Johanna von Seth von der Universität Stockholm, die an der Studie beteiligt war. Hinweise auf Inzucht im Erbgut der Nashörner gebe es kaum.

Inzucht ist ein häufiges Problem bei Arten, von denen es nur noch sehr wenige Individuen gibt, und kann das Aussterben drastisch beschleunigen. Mit der Gesamtzahl der Tiere schrumpft nämlich auch die Auswahl an möglichen Partnern, sodass sich fast zwangsläufig auch nahe verwandte Tiere miteinander paaren und Nachwuchs bekommen.

Menschen könnten Nashörner von Borneo nach Sumatra bringen und umgekehrt

Das hat gleich mehrere negative Konsequenzen: Zum einen haben die Nachkommen verwandter Eltern oft genetische Defekte, werden krank oder sterben. Zum anderen werden sich die einzelnen Tiere der Population durch Inzucht genetisch immer ähnlicher. Das macht sie anfällig für schädliche Einflüsse von außen, Krankheitserreger zum Beispiel.

Um herauszufinden, ob das Überleben der Sumatra-Nashörner durch genetische Faktoren gefährdet ist, analysierten die Stockholmer Wissenschaftler das Erbgut von 21 Exemplaren. 16 der Proben stammten von heute noch lebenden Nashörnern, fünf von toten Tieren, die auf der Malaiischen Halbinsel gelebt hatten. Dort gab es noch bis in die 2000er-Jahre hinein mehrere kleine Populationen, die von Wilderern weiter dezimiert wurden. Seit 2019 gelten Sumatra-Nashörner dort aber als ausgestorben.

Dabei kam heraus, dass das Erbgut der 16 noch lebenden Nashörner viele kleine Unterschiede aufwies, Biologen sprechen von einer hohen Diversität. Die Studienautoren vermuten, dass das daran liegt, dass die Zahl der Nashörner auf Sumatra und Borneo erst vor Kurzem stark geschrumpft ist. Gleichzeitig fanden sie aber auch zahlreiche Mutationen in den Genen der Tiere, die für den Nachwuchs potenziell schädlich werden könnten, wenn genetisch ähnliche Tiere sich miteinander paaren.

Da es heute nur noch so wenige Sumatra-Nashörner gibt, muss nach Ansicht der Studienautoren der Mensch eingreifen, um das zu verhindern und die überlebenswichtige Diversität der Tiere aufrechtzuerhalten. Sie schlagen vor, Nashörner von Sumatra nach Borneo zu bringen und umgekehrt, damit sich die Gene der Tiere von beiden Inseln vermischen können. Eine andere Option wäre ihrer Ansicht nach künstliche Befruchtungen von Weibchen der einen Insel mit dem Samen von Männchen der anderen Insel.

Ein gigantischer Aufwand - doch überlässt man die letzten Sumatra-Nashörner sich selbst, steht ihnen wahrscheinlich dasselbe Schicksal bevor, wie ihren Artgenossen auf der Malaiischen Halbinsel. Im Erbgut der toten Tiere aus dieser Population fanden die Forscher nämlich zahlreiche Hinweise darauf, dass Inzucht das Aussterben der Tiere am Ende stark beschleunigt hat.

© SZ
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