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Archäologie:Isomatten aus der Steinzeit

In der Border Cave im Osten Südafrikas fanden Archäologen bereits ganze Schädelknochen, Zählinstrumente und jetzt Grassbetten.

(Foto: A. Kruger/University of Witwatersrand)

Neue Funde in Südafrika zeigen: Um es sich in Höhlen bequem zu machen, haben Menschen bereits vor über 200 000 Jahren ausgeklügelte Matten entwickelt.

Von Julian Rodemann

Wüssten unsere Vorfahren, dass wir ihre Epoche heute Steinzeit nennen, würden sie sich vielleicht nur schmunzelnd umdrehen und auf ihrer kuschelig weichen Grasmatte weiterschlafen. Steinzeit klingt nach einem felsigen, steinharten Leben auf schroffem Höhlenboden. Dabei schliefen menschliche Vorfahren wohl bereits vor über 200 000 Jahren auf weichem Untergrund - und dachten sich ausgeklügelte Strategien gegen Insekten und Bodenkälte aus. Darauf deuten neue Funde in der Border Cave ("Grenzhöhle") im Osten Südafrikas hin, deren Auswertungen nun im Fachjournal Science veröffentlicht wurden.

Weil die Border Cave gut vor Witterungen geschützt ist, finden Archäologen hier immer wieder Erstaunliches aus den frühen Jahrtausenden des Homo Sapiens, darunter einen kompletten menschlichen Schädel und einen Pavian-Knochen mit 29 Kerben, vermutlich eine Art Zählinstrument. In einigen sehr tiefen Gesteinsschichten hat ein elfköpfiges Forscherteam um die Archäologin Lyn Wadley von der Witwatersrand-Universität in Johannesburg nun Fossilien aus übereinander geschütteter Asche sowie die Überreste von Gräsern gefunden, die einst als Schlafmatten dienten. Ihre Entdeckung datieren die Wissenschaftler auf einen Zeitraum vor über 200 000 Jahren. Es sind die bisher ältesten gefundenen Betten.

Mit Asche schützten sich die ersten Menschen vor der Kälte des Bodens und vor Ungeziefer

Die Archäologen fanden die Materialien an der tiefsten und deshalb wärmsten Stelle der Höhle, weshalb sie laut den Wissenschaftlern mit hoher Wahrscheinlichkeit als Schlafstätten dienten. Außerdem deutet die Struktur der Schichten auf menschliche Betten hin: Feuerasche, die eine isolierende Wirkung hat, bildete die unterste Schicht; darauf hatten unsere Vorfahren Gräser und Kräuter geschichtet. Wadley und Kollegen folgern, dass die frühen Menschen in der Steinzeit mit der Asche ihre Grasmatten vor der Kälte des Bodens schützten - ganz wie heutige Isomatten.

Die Asche hatte darüber hinaus noch eine weitere Funktion, schreiben die Forscher. Als natürliches Insektengift entzieht sie Käfern und Fliegen Wasser, blockiert die Tracheen der Tiere und lässt die Schädlinge so an Sauerstoffmangel sterben. Weil diese Wirkung von Asche gegen Insekten in einigen Volksstämmen gut überliefert ist, gehen Lyn Wadley und ihre Kollegen davon aus, dass die Asche absichtlich gegen kleine Krabbler eingesetzt wurde.

Doch offenbar half Asche allein nicht immer gegen lästiges Ungeziefer am Schlafplatz - an manchen Stellen fanden die Wissenschaftler zudem Tarchonanthus camphoratus, eine Buschpflanze, die in Südafrika noch heute zur Abwehr von Insekten gebraucht wird. "Vor über 200 000 Jahren, nahe am Ursprung unserer Spezies, nutzten Menschen bereits Feuer, Asche und medizinische Pflanzen, um ihre Lager sauber und schädlingsfrei zu halten", sagt Wadley. "Das hatte gesundheitliche Vorteile für diese frühen Gemeinschaften." Ein gewisses Risiko für die eigene Gesundheit nahmen die frühen Menschen dabei gleichwohl in Kauf: Manche der Grasmatten hatte das Lagerfeuer leicht angesengt.

Tagsüber dienten die Betten indes auch als Arbeitsplatz, vermuten die Archäologen. Darauf deuten Werkzeuge aus Stein hin, die man im Gras fand. Aufgrund solcher Steinwerkzeuge gab man der Steinzeit bekanntermaßen ihren Namen - auch wenn die Menschen dieser Zeit das aufgrund ihrer kuscheligen Grasbetten vielleicht anders gesehen hätten.

© SZ

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