Sudoku-Weltmeisterschaft in London "Es geht darum, Ordnung ins Chaos zu bringen"

Über sechs Trilliarden Kombinationen lässt Sudoku theoretisch zu - in der Standardvariante

(Foto: iStockphoto)

Das Zahlenrätsel Sudoku macht seine Anhänger süchtig, begeisterte Anhänger treffen sich zur Weltmeisterschaft in London. Allerdings nicht für Preisgeld, Spannung oder Entspannung. Ein Besuch bei einem skurrilen Wettkampf.

Von Robert Gast

Kerstin Wöge war froh, als ihr Hobby zum Hype wurde. Davor, als ihre geliebten Sudoku-Rätsel kaum jemand kannte, war sie "chronisch unterversorgt", sagt die 34-Jährige. "Erst ab 2005 gab es endlich genug Futter." Seitdem sind Sudokus überall. Und Wöge kann so viele der Zahlenrätsel lösen, wie sie will, im Stehen und Laufen, in der Vorlesung und auf dem Klo. "Ich bin da ganz ehrlich", sagt die Lehramtsstudentin. "Es ist eine Sucht."

Die Sucht nach Zahlenfeldern hat Kerstin Wöge dieses Jahr in den Londoner Vorort Croydon gebracht, in ein viktorianisches Landhaus, das als Golfhotel vermarktet wird. Dort fand in dieser Woche die neunte Sudoku-Weltmeisterschaft statt. Und Wöge, einst deutsche Meisterin in dem populären Zahlenspiel, war eine von 176 Teilnehmern. "Ich weiß, dass ich nicht gewinnen kann", sagte sie gleich zu Anfang. Aber sie wollte es ins vordere Drittel des Teilnehmerfeldes schaffen - Platz 58 oder höher also.

Sudoku, eigentlich steht das für den japanischen Spruch "Suji wa dokushin ni kagiru", sinngemäß übersetzt: "Die Zahlen müssen einzeln stehen." In den 1980er- und 1990er-Jahren eroberte das von einem Amerikaner erfundene Spiel erst Japan, und schwappte 2005 zurück in den Rest der Welt. Nach Europa hat es der pensionierte neuseeländische Richter Wayne Gould gebracht, der im Urlaub ein japanisches Heft mit dem Spiel entdeckt hatte. Er bot das Zahlenrätsel der britischen Zeitung The Times an, zunächst kostenlos. Die erste Leserreaktion war angeblich die eines Mannes, der sich beschwerte, er habe über die Knobelei seine U-Bahn-Station verpasst. Gould verdiente später, als das Volk angefixt war, mit Sudoku-Büchern Millionen.

Von Hausfrauen keine Spur, dafür hochbegabte Asiaten

Das sind längst nicht die einzigen kuriosen Sudoku-Anekdoten. Im Internet macht die Geschichte eines australischen Gerichtsprozesses die Runde, der abgebrochen wurde, weil mehrere Geschworene unter dem Tisch Sudoku gespielt hatten. Für Außenstehende erschließt sich der Sog des Zahlenrätsels allerdings eher schwer. Schließlich geht es bloß darum, immer wieder die Ziffern 1 bis 9 auf einem neun mal neun Felder großen Raster zu verteilen. Ein wenig komplizierter ist es freilich schon. So ist das Spielfeld in neun quadratische Boxen aufgeteilt, und 20 bis 30 Zahlen sind meistens bereits vorgegeben. Die restlichen müssen mit Ziffern aufgefüllt werden, und zwar so, dass in keiner Box, Spalte oder Zeile eine Zahl doppelt vorkommt. Mathematiker konnten inzwischen nachweisen, dass ein Rätsel mit nur 17 Vorgaben eine eindeutige Lösung, während eines mit nur noch vier offenen Feldern zwei Lösungen haben kann.

Trotzdem kann man das Ganze als elegant versenkte Zeit sehen. Folgerichtig schmähten Kritiker Sudoku schnell als primitive kleine Cousine des Kreuzworträtsels (dabei muss man immerhin noch was wissen!). Zu dieser Einschätzung scheint zu passen, dass Hausfrauen zwischen 40 und 60 eine Hauptzielgruppe für die Sudoku-Heftchen sein sollen. Auf der Weltmeisterschaft in Croydon ist allerdings wenig von diesen Hausfrauen zu sehen. Die meisten Teilnehmer sind unter 40, gute zwei Drittel sind Männer. Ein Großteil soll hochbegabt sein. Insbesondere asiatische Länder schicken Teenager. China zum Beispiel suche die größten Sudoku-Talente mithilfe von Schulwettbewerben, erzählt man sich auf dem Turnier.

Wer aus Deutschland teilnehmen will, muss ein mehrstufiges Qualifikationsverfahren durchlaufen. Ins achtköpfige deutsche WM-Team haben es fast ausschließlich studierte Naturwissenschaftler und Mathematiker geschafft. "Ich bin hier die Ausnahme", sagt Kerstin Wöge. "Ich mache Mathe nur als Nebenfach." Dabei hat sie ihren Teamkollegen Michael Ley übersehen. Er arbeitet als Paketzusteller - und wird am Ende des Tages Platz 8 erreicht haben und damit der beste Deutsche sein. Was die Frage aufwirft: Was macht eigentlich einen guten Sudoku-Spieler aus?

"Die Mathematik dafür lernt man in der Grundschule", stellt Kerstin Wöge fest. "Aber man muss gut sein in analytischem Denken", präzisiert Ulrich Voigt. Er ist neunfacher Weltmeister im "Puzzle", eine Rätsel-Disziplin, bei der Teilnehmer vielseitige komplexe Knobelaufgaben lösen müssen. Weniger wichtig sei ein gutes Gedächtnis, sagt Voigt, der in diesem Jahr auch bei der Sudoku-WM antritt. Weil es in dem Wettbewerb auf Schnelligkeit ankommt, zählt am meisten wohl die Übung. Voigt selbst hat als Vorbereitung unter anderem einen 24-Stunden-Rätselmarathon am Computer absolviert.