Süddeutsche Zeitung

Suche nach Leonardo da Vincis Modell:Wer bist du, Mona Lisa?

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Ausgrabung, Genanalyse, Gesichtsrekonstruktion: Wie Archäologen nach dem Schädel einer Italienerin suchen, die auf Leonardo da Vincis berühmtesten Gemälde abgebildet sein könnte.

Andrea Bachstein, Florenz

Spielte es einst über diesem mitgenommenen Gebiss, das geheimnisvolle Lächeln der Mona Lisa? Gerade erst haben Archäologen und Anthropologen aus dem Boden unter dem früheren Ursulinen-Kloster in Florenz den Unterkiefer geborgen, in dem noch viele Zähne stecken.

Silvano Vinceti hält ihn begeistert in der Hand, während er vor der Grabstelle aus dem 16. Jahrhundert hockt. Er ist Chef des "Nationalen Komitees zur Erschließung von Geschichts-, Kultur- und Landschaftsgütern". Der Fund, so hofft er, bringt sein Projekt einen wichtigen Schritt voran, oder gar den entscheidenden: Er sucht den Schädel der Frau, die Mona Lisa gewesen sein könnte: die Florentiner Seidenhändlergattin "Monna" Lisa Gherardini del Giocondo - "la Gioconda".

Wenn sie Lisa Gherardinis Schädel finden, will Vinceti ihr Gesicht rekonstruieren lassen. Dann werde man endlich wissen, ob es ihr Portrait ist, mit dem Leonardo da Vinci das berühmteste Gemälde der Welt geschaffen hat.

Mona Lisas seltsam melancholisches Lächeln könnte zu Gherardini passen, sagt Vinceti. Man wisse, dass sie wohl an Schwermut litt, es seien Narren engagiert worden, um sie aufzuheitern. Als sicher gilt, dass Leonardo 1503 Gherardinis Portrait gemalt oder zumindest begonnen hat. Er hat es lange nicht vollendet und verkaufte die Mona Lisa erst kurz vor seinem Tod 1519 an Frankreichs König Francois I.

Aber Silvano Vinceti will auch neue Indizien entdeckt haben für eine weitere These, über die schon andere spekuliert haben: Dass Mona Lisa die Züge eines jungen Mannes trägt. Vinceti sagt, er und seine Fachleute sind sicher, auf dem Gemälde seien in den Augen ein L und ein S zu erkennen. L wie Leonardo und S wie "Salai", der Spitzname von Leonardos Modell, Schüler und Vielleicht-Geliebtem, Gian Giacomo Caprotti. Leonardo habe in dem Gemälde weitere Ziffern und Lettern verborgen, quasi einen Da-Vinci-Code, glaubt Vinceti. Diese Theorie ist jedoch durchaus umstritten.

Fundiert erscheint aber die Annahme über Lisa Gherardinis Grab. Sonst hätte Vinceti kaum die Erlaubnis für seine Suche bekommen, keine Unterstützung der toskanischen Denkmalschützer und keine Zuschüsse der Provinz Florenz.

Gherardini starb einem 2007 gefundenen Dokument zufolge am 15. Juli 1542 und wurde im Ursulinen-Konvent beigesetzt. Nur, wie wäre das möglich, da sie keine Nonne war?

Der an diesem Tag gefundene Kiefer stammt aus einem der Gräber, die Archäologen mit Georadar außerhalb der Krypta entdeckten, in der die Ursulinen bestattet wurden. Und auch falls das Gebiss einem Mann gehört hätte, wäre Vinceti zufrieden: "So hätten wir den Beweis, dass hier auch Externe beerdigt wurden, nicht nur Nonnen." Und dann könnten auch die Gebeine der mutmaßlichen Mona Lisa unter den Knochen sein.

In etwa einer Woche sollen die letzten Knochen gehoben sein und dann an fünf Universitäten untersucht werden. Von der C-14-Methode zur Altersbestimmung bis zur Genanalyse. Weil es Gräber gibt von Kindern Gherardinis, kann man DNS-Material vergleichen. Die Testergebnisse sollen im Juli vorliegen. Wird dabei Gherardinis Schädel identifiziert, sollen Experten dreier Universitäten ihr Gesicht rekonstruieren, in Pisa, in Paris und in Kanada. So könne man mit den Übereinstimmungen ein sehr sicheres Ergebnis finden, sagt Vinceti.

Im dunklen Anzug läuft er hager und bärtig zwischen den Grabungshelfern herum, und setzt sich dann an einen schiefen Tisch voller Papiere, mitten in der Scheußlichkeit einer längst aufgegebenen Baustelle in dem früheren Kloster. Während er Kaffee aus dem Plastikbecher trinkt, sprudelt Vinceti nur so von Details zu da Vinci und Mona Lisa.

Das Fach des 61-Jährigen, der eines der großen Rätsel der Kunstgeschichte lösen will, ist eigentlich die Philosophie. Er bewundert die Deutschen Kant, Nietzsche, Schopenhauer. Auch weil er kein studierter Historiker oder Kunsthistoriker ist, ist Vinceti nicht unumstritten.

Das Nationale Komitee mit dem umständlichen Titel, dem er vorsteht, arbeitet interdisziplinär mit Fachleuten. Und er sieht es als Vorteil, dass er nicht strikt in den Kategorien einzelner Wissenschaften denkt, sondern unkonventionelle Ansätze in Betracht zieht, fast wie ein Kriminalist der Historie.

Auch wenn er sagt, "Spezialistentum erschreckt mich", hat sich Vinceti doch auf Knochen und große Namen verlegt. So ließ er schon das Gesicht von Italiens Nationaldichter Dante rekonstruieren.

Den letzten Scoop landete Vinceti vergangenes Jahr. Unter anderem mit Genforschern und Mikrobiologen folgte er der Spur des wilden Lebens von Angelo Merisi, weltberühmt als Caravaggio. Sie fanden heraus, dass das frühbarocke Malergenie im toskanischen Porto Ercole gestorben und beerdigt ist. "Zu 90 Prozent" sind es seine Überreste, sagt Vinceti.

Mit welcher Wahrscheinlichkeit die Mona Lisa im Pariser Louvre Lisa Gherardini darstellt, muss sich erst erweisen.

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SZ vom 30.05.2011
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