Fröhlich verabschiedeten sich die Gewerkschafterinnen voneinander. Ein richtig gutes Seminar war das gewesen. Drei Tage, vom 12. bis 14. Mai, hatten die Frauen zusammen in Lübeck verbracht; sie hatten sich fortgebildet, diskutiert, gelacht - und natürlich auch zusammen gegessen. Was genau, das sollte für das Schicksal jeder Einzelnen bestimmend werden. "Bis zum nächsten Mal in Bad Godesberg", riefen sie einander zu, als sie zurück nach Hause fuhren.

Das Treffen wird für alle, die dann noch kommen können, schmerzlich sein. Knapp zwei Wochen nach dem Seminar bekam die Leiterin der Gruppe die erste SMS. Eine Kollegin aus Hessen lag schwerkrank in der Klinik. Sie war nicht die Einzige. Mindestens acht der 34 Frauen von der Deutschen Steuergewerkschaft hatten sich in Lübeck den Ehec-Keim zugezogen und waren schwer krank geworden; bei vieren trat Organversagen ein. Noch heute ist der Zustand zweier Patientinnen kritisch, aber stabil; die dritte braucht täglich drei Stunden lang Dialyse; die vierte Frau ist am vergangenen Montag verstorben.
So schrecklich diese Gruppe auch getroffen wurde: Die geballt auftretenden Infektionen boten auch eine Chance, andere Menschen besser vor Ehec schützen zu können. Schnell nahm sich das Robert-Koch-Institut (RKI) deshalb der Gruppe an und sandte seine Mitarbeiter von der Abteilung Infektionsepidemiologie aus. Wie Detektive suchen die Wissenschaftler um Gérard Krause nach dem Quell der Ehec-Welle.
Schon in den ersten Tagen, als die Krankheit noch vornehmlich in Hamburg auftrat, schickte Krause 15 Mitarbeiter in die Hansestadt. Sie setzten sich ans Bett von 25 Ehec-Patientinnen im Universitätsklinikum Eppendorf und fragten und fragten. Was hatten die Kranken zu welcher Mahlzeit gegessen? Ganz genau? War da nicht doch noch ein Salatblatt im Fischbrötchen, das sie vielleicht zu erwähnen vergessen hatten? Stundenlang hätten die Interviews gedauert, erzählt Krause.
Erinnern sollten sich auch 96 gesunde Hamburgerinnen, die ebenso alt waren wie die kranken und im selben Viertel lebten. Krauses Leute haben einfach Leute auf der Straße angesprochen oder an Türen geklingelt, um die Vergleichspersonen zu finden. Die Antworten zeigten schon bald: Die Kranken hatten gar nicht jene Lebensmittel gegessen, die sonst bei jede Ehec-Welle zu den Grundverdächtigen zählen. Kein Carpaccio, keine zu kurz gebratenen Burger, keine blutigen Steaks.
Rohes Fleisch schied als Infektionsquelle somit aus, dafür hatten die Kranken im Vergleich zu den Gesunden verdächtig viel Salat, Gurken und Tomaten verspeist. Der Fund schien plausibel zu sein. Schließlich passte er dazu, dass ungewöhnlicherweise vor allem Frauen erkranken - verzehren sie doch im Allgemeinen erheblich mehr Rohkost als Männer.
Sogleich stürzten sich die Lebensmittelüberwacher auf alles, was wächst und roh gegessen wird. Täglich etwa 80 Proben vom Großmarkt, aus Lebensmittelmärkten und auch aus den Kühlschränken der Kranken schneiden zum Beispiel allein die Mitarbeiter von Anselm Lehmacher im Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt klein. Sie nehmen ein bisschen vom Fruchtfleisch und ein bisschen von der Schale und tauchen sie in Nährlösung. Bei 37 Grad geschüttelt, sollen sich die Keime so stark vermehren, dass sie sich molekularbiologisch testen lassen.
Auf diese Weise gefährliche Keime zu finden, ist nicht einfach. Schließlich leben in jedem Gramm Salat cirka zehn Millionen Bakterien. Und es macht die Suche im Fall Ehec nicht leichter, dass es sich bei dem gefährlichen Erreger um eine Variante des Allerweltsbakteriums E.coli handelt, das in der Umwelt zuhauf vorhanden ist.
Dennoch schaffte es das Hamburger Institut, aus einem solchen Gewusel auf spanischen Salatgurken gefährliche Ehec-Bakterien herauszufiltern. Nur stellten sich diese bei genauerer Typisierung mehr als Keim außenpolitischer Verwicklungen und verstörter Verbraucher heraus denn als der Verursacher der Infektionswelle. Kein weiteres verdächtiges Lebensmittel wurde bisher trotz aller Mühen gefunden. "Die Quelle der Infektionen ist noch nicht ermittelt", muss der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel, erklären.
Umso mehr hatten die RKI-Mitarbeiter gehofft, mit Hilfe der unglücklichen Gewerkschafterinnen etwas über den wohl immer noch aktiven Infektionsherd herauszufinden. Vor allem deren letztes gemeinsames Abendessen in einer Lübecker Gaststätte rückte ins Zentrum ihrer Ermittlungen. Hatten nicht jene, die erkrankt waren, vor allem das eine der zwei angebotenen Fischgerichte gegessen? Emsig hatten die Mitarbeiter des RKI die Frauen befragt. "Sehr professionell und zugleich mit viel Einfühlungsvermögen", wie die Leiterin der Gewerkschaftergruppe sagt. Doch die Chancen, dass das Leid der Gruppe nun wenigstens bei der Aufklärung der Epidemie helfen kann, schwinden mehr und mehr. Die kranken und gesunden Frauen hatten dann doch zu ähnlich gespeist.
Womöglich wird die Wissenschaft das Geheimnis dieser Welle nie ergründen: "In der Mehrzahl aller Ausbruchsgeschehen", sagt BfR-Chef Hensel, werde der Erreger nicht herausgefischt.
