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Suche nach dem Ehec-Erreger:Getarnt wie ein alter Bekannter

Experten im Labor züchten Kolonie um Kolonie, Stuhlproben werden quer durch die Republik verschickt, aber woher genau der Ehec-Erreger kommt und wie er in die Körper der Kranken gelangt, darauf gibt es bislang keine Antwort. Eigentlich ist eine Ehec-Infektion nichts Besonderes, auch in der Vergangenheit gab es Fälle. Aber nie verlief die Krankheitswelle so gravierend wie derzeit.

Tagtäglich gehen die Mikrobiologen am Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt mit gefährlichen Keimen um. Doch in diesen Tagen sehen sie mehr davon, als ihnen lieb ist. Unter Hochdruck züchten sie Kolonie um Kolonie an. Denn halb Deutschland will wissen, weshalb sich der mitunter lebensbedrohliche Darmkeim Ehec (Enterohämorrhagische Escherichia coli) derzeit auf so mysteriöse Weise ausbreitet.

Zahl der EHEC-Infektionen in Norddeutschland nimmt zu

Sogar die Kühlschränke der Betroffenen werden inspiziert. Wie Kriminalisten suchen Experten derzeit nach der Quelle des Ehec-Erregers.

(Foto: dpa)

Nachgewiesenermaßen hat er bereits bei mindestens 80 Menschen zu der lebensbedrohlichen Komplikation HUS geführt. Die meisten von ihnen leben in Hamburg und Niedersachsen, aber die Krankheitswelle hat auch schon südlichere Bundesländer wie Hessen und das Saarland erreicht, am Dienstag wurden die ersten zwei Fälle aus Bayern bekannt.

Schon jetzt ist klar: Die Zahl der Menschen mit blutigem Durchfall wird vorerst weiter wachsen, ständig werden neue Personen mit HUS-Verdacht gemeldet, deren Ausscheidungen im Labor untersucht werden müssen. Inzwischen gab es einzelne Todesfälle: Zwei mehr als 80 Jahre alte Frauen aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein waren nachgewiesenermaßen mit Ehec infiziert, und eine junge Frau aus Bremen zeigte vor ihrem Tod die typischen Symptome.

Ein bisher unbekannter Bakterienstamm?

Stuhlproben dieser und anderer Opfer werden per Kurier durch die Republik verschickt, vor allem an das zuständige Konsiliarlabor von Helge Karch an der Universität Münster. Die Mitarbeiter dort testen, welcher Art Keim in den Exkrementen der Kranken enthalten ist. Handelt es sich um gewöhnliche Ehec-Erreger, wie sie seit den 1980er- Jahren immer wieder zuschlagen, oder um einen besonderen, bisher unbekannten Stamm?

Nach Ansicht von Karch verläuft die Krankheitswelle zu schwer für einen alten Bekannten. Zahlreiche Kranke liegen auf Intensivstationen und werden beatmet. Manche befinden sich im Koma. Nicht wenige ringen mit dem Tod. "Es ist wahrscheinlich ein anderer Erreger als bei den bisherigen HUS-Ausbrüchen", sagt Karch, der die Lage in Deutschland gerade mit Fachleuten aus aller Welt in Innsbruck diskutieren kann, wo just ein Fachkongress zum Thema HUS stattfindet.

"Der aktuelle Ausbruch liefert ein extrem dramatisches Bild, das so noch nie in Europa oder Amerika gesehen wurde." Dieses Bild lasse sich kaum mit einem der mehr als 40 verschiedenen HUS-Erreger erklären, die bereits bekannt sind. So schädige der aktuelle Keim den Darm viel stärker, als dies für all seine Vettern typisch wäre. "Manchen Patienten musste der halbe Dickdarm entfernt werden", sagt Karch. Stuhl-Proben von vielen Betroffenen sind inzwischen in sein Labor gebracht worden. Dort hat er sie angezüchtet und untersucht. "Es handelt sich immer um denselben Erreger", sagt er. Nun müsse er noch ein genaues Täterprofil erstellen.