Süddeutsche Zeitung

Wissenschaftliche Studien:Diese Forscher-Pannen haben Debatten verfälscht

Falsche Zahlen und andere Fehler in Studien heizen Diskussionen an und werden oft zu spät korrigiert. Die problematischsten Fälle - von Schadstoffen über die Gehälter von Frauen bis hin zum Zweiten Weltkrieg.

Von Detlef Esslinger, Ulrike Heidenreich, Joachim Käppner, Paul Munzinger und Marlene Weiß

Kleine Fehler ziehen mitunter große Aufregung nach sich: So gab es Ende Januar eine heftige Debatte, nachdem 130 Lungenärzte die Grenzwerte von Luftschadstoffen infrage gestellt hatten. Politiker aller Couleur reagierten auf die Kritik der Ärzte. Die einen forderten, schleunigst die Stickstoffdioxid-Werte insgesamt zu verändern. Die anderen beharrten darauf, dass verschmutzte Luft immer schädlich sei. Dann kam heraus: Die Berechnung der Lungenärzte enthielt grobe Rechenfehler, verursacht durch falsche Ausgangswerte und Umrechnungen.

Regelmäßig passiert es, dass sich die Reaktionen auf vermeintlich richtige Erkenntnisse von Wissenschaftlern oder Initiativen überschlagen. Es wird gewertet, eingeordnet, kritisiert - und irgendwann zurückgerudert. Der Fehler liegt oft im Detail, er wird leicht übersehen. Niemand ist davor gefeit, weder Politiker noch Medien, auch die Süddeutsche Zeitung nicht. Eine Auswahl von Zahlen und Einordnungen, die man so nicht stehen lassen kann:

Grenzwerte hochgerechnet

Gut drei Wochen nach Veröffentlichung der Stellungnahme der Lungenärzte räumte deren Autor Dieter Köhler Irrtümer ein. Der Mediziner hatte vorgerechnet, ein Raucher nehme in wenigen Monaten so viel Feinstaub und Stickoxid auf, wie ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben mit der Außenluft einatme. Dies sollte heißen: So groß ist das Risiko durch diese Schadstoffe dann doch nicht. Experten hatten dem sofort entschieden widersprochen. Die Berliner Zeitung taz entdeckte schließlich Rechenfehler im Papier: Folge man der Logik Köhlers und korrigiere die Fehler, nehme ein Raucher zum Beispiel erst in gut sechs bis 32 Jahren eine Stickstoffdioxid-Menge auf wie ein 80-jähriger Nichtraucher.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte die Initiative der Lungenärzte begrüßt und die EU-Kommission aufgefordert, den Grenzwert für Stickstoffdioxid zu überprüfen. Die Mediziner beharren zwar drauf, dass sie im Prinzip recht hätten. Oliver Krischer von der Bundestagsfraktion der Grünen sagt: "Ich bin noch immer fassungslos, welche politische Karriere diese Luftnummer genommen hat und dass sie vom Verkehrsminister übernommen wurde."

Was Frauen verdienen

Der "Equal Pay Day", den das Netzwerk "Business and Professional Women" (BPW) organisiert, soll darauf hinweisen, dass Frauen pro Stunde im Schnitt noch immer erheblich weniger verdienen als Männer. Am Beginn stand jedoch ein Rechenfehler: Seit 2009 wurde der Tag als der Zeitpunkt bezeichnet, bis zu dem Frauen im Mittel über das Jahresende hinaus weiterarbeiten müssen, um auf das Vorjahresgehalt der Männer zu kommen. Logisch, muss sich damals jemand gedacht haben: Frauen verdienen etwa 22 Prozent weniger als Männer, also schlagen wir bei den Frauen 22 Prozent des Jahres als Arbeitszeit drauf - macht einen Equal Pay Day Ende März. Stimmt aber nicht: Wenn Frau Huber 22 Prozent weniger verdient als Herr Schmidt, dann verdient dieser nicht 22 Prozent, sondern sogar 28 Prozent mehr als seine Kollegin. Tatsächlich müsste sie also 28 Prozent des Folgejahres oder bis weit in den April hinein schuften, bis sie Schmidts Gehalt beisammenhat.

Jahrelang wurde man weder beim Bundesfamilienministerium, das den Aktionstag unterstützt, noch bei den Medien auf den Irrtum aufmerksam. Erst 2014 hat BPW den Tag etwas ungelenk umdefiniert. Nun soll er das Datum markieren, bis zu dem Frauen vom 1. Januar an umsonst arbeiten würden, wenn sie während des restlichen Jahres den Stundenlohn der Männer erhielten. Damit war der Termin Ende März mit Mühe gerettet.

Wer Betreuungsgeld bezieht

Die Auszahlung des Betreuungsgeldes an Familien polarisierte von Anfang an. Mitte 2014 war die Aufregung aber besonders groß. Laut der Zusammenfassung einer Studie des Deutschen Jugendinstituts und der Universität Dortmund setzt das Geld falsche Anreize: 54 Prozent der befragten Eltern, die keinen Schulabschluss oder lediglich einen Hauptschulabschluss haben, hätten die Auszahlung des Betreuungsgeldes als Grund dafür angegeben, dass sie ihre Kleinkinder nicht in eine Krippe schicken. Das war Wasser auf die Mühlen der Kritiker: Von wegen Chancengerechtigkeit - die Prämie verstärke die Nachteile von Kindern aus sozial benachteiligten Familien, ihnen würden frühkindliche Bildung und Sprachförderung vorenthalten.

Wenig später mussten die Forscher die 54 Prozent korrigieren. 22,6 Prozent der Hauptschulabsolventen und 31,2 Prozent der Befragten ohne Schulabschluss nämlich hatten angegeben, das Betreuungsgeld sei ihr Hauptmotiv, die Kinder nicht in eine Krippe zu geben. Die Wissenschaftler hatten dies fälschlicherweise addiert und kamen so auf 53,8 Prozent, statt den Anteil in beiden Gruppen insgesamt zu berechnen. Korrekt waren es 27 Prozent.

Bildungsforscher schreiben versehentlich "signifikant höher" statt "signifikant niedriger"

Was Technik in der Schule bringt

Am 10. Mai 2017 stellte der "Aktionsrat Bildung", ein Gremium von zehn Bildungsforschern im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, das Gutachten "Bildung 2030 - Veränderte Welt" vor. Die wichtigste Botschaft: Die Schulen in Deutschland müssten sich der Digitalisierung öffnen. Untermauert wurde diese Forderung mit einer Studie, der zufolge Grundschüler, die einmal in der Woche am Computer arbeiten, in Mathe und Naturwissenschaften "signifikant höhere Kompetenzen" aufwiesen. Zahlreiche Medien, auch die SZ, griffen genau das auf.

Dumm nur: In der erwähnten Studie steht genau das Gegenteil. Die untersuchten Grundschüler wiesen "signifikant niedrigere" Kompetenzen auf. Bis der Aktionsrat Bildung eine Korrektur verschickte und sich entschuldigte, vergingen fast zwei Wochen. Viel Zeit also, monierten Kritiker, in der sich die Falschmeldung ungehindert weiter verbreitete.

Mal schnell eine Umfrage

Meinungsumfragen vor Wahlen können nur grob zeigen, zu welchen Parteien die Bürger neigen. Deswegen veröffentlichen etablierte Umfrageinstitute nur gerundete Werte und geben eine Fehlermarge an (je nach Größe der Parteien zwischen ein und drei Prozentpunkte). Das 2015 gegründete Unternehmen Civey arbeitet anders. Es wählt seine Befragten nicht selber aus, sondern lässt jeden, der will, online teilnehmen. Und dann teilte es zum Beispiel zwei Wochen vor der Hessenwahl im vergangenen Oktober mit, dass die SPD bei "24,9" Prozent liege, ohne Angabe von Fehlermargen.

Vorsichtig ausgedrückt: sehr sportlich, einen solchen Anschein von Genauigkeit zu erwecken - und dies angesichts einer Methodik, die die Auswahl der Teilnehmenden aus der Hand gibt. So hoch wie Civey taxierte damals kein Institut die SPD. Am Tag vor der Wahl meldete die Firma dann 22 Prozent; man könnte auch sagen: Sie hatte sich den Etablierten angenähert. Am Ende wurden es dann 19,8 Prozent für die Sozialdemokraten.

Legenden vom Krieg

Das Handbuch, zehn Bände dick, ist schwere Kost. In "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" hat das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) zwischen 1979 und 2008 den schrecklichsten Krieg der Geschichte en detail wissenschaftlich aus den Quellen aufgearbeitet. Ausgerechnet in diesem Standardwerk, in Band 4 von 1983, legte MGFA-Mitarbeiter Joachim Hoffmann nahe, dass die Wehrmacht 1941 einem Angriff der UdSSR zuvorgekommen sei, die "eigene Offensivplanungen gehegt habe". Handwerklich blieb dies um Längen hinter den Erkenntnissen der Kollegen zurück, die den deutschen Vernichtungskrieg treffend analysierten.

Im Amt jedoch tobte ein Kulturkampf zwischen Altvorderen und jüngeren, kritischen Militärhistorikern. Dies verhinderte, dass Hoffmanns Beiträge gestrichen wurden. Noch im "Historikerstreit" 1986 litt das MGFA unter dem Rufschaden, den es sich zugefügt hatte. Hoffmanns Anhänger rühmten ihn als Helden wider den "politischen Zeitgeist".

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Quelle:
SZ vom 25.02.2019/jsa
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