Forensik Der ruhige Puls der Verbrecher

Ruhiger Puls, kaltes Herz: Anthony Hopkins als Serienmörder "Hannibal Lecter"

(Foto: imago stock&people)
  • Menschen mit einem niedrigen Puls sollen eher zu Verbrechen neigen.
  • Schwedische Forscher haben dazu eine Langzeitstudie mit 710 000 Männern ausgewertet.
Von Werner Bartens

Äußere Regungen zeigt er nicht. Und auch innerlich bleibt Serienmörder Hannibal Lecter unbeteiligt. Sein Puls steigt sogar dann nicht über 85 Schläge in der Minute an, als er sich in das Gesicht einer Krankenschwester verbeißt. Wahrscheinlich liegt sein Ruhepuls unter 50. Was fiktional der Hauptfigur in "Das Schweigen der Lämmer" zugeschrieben wird, hat offenbar eine Entsprechung in der Wirklichkeit. Forscher aus Schweden zeigen im aktuellen Fachblatt Jama Psychiatry, dass Menschen mit niedrigem Ruhepuls eher zu Verbrechen neigen.

Die Wissenschaftler um Antti Latvala vom Karolinska-Institut nahe Stockholm hatten Daten von mehr als 710 000 schwedischen Männern analysiert, die seit 1958 gemustert wurden. In den folgenden Jahrzehnten zeigte sich, dass in der Gruppe jener Männer, die in jungen Jahren eine Herzfrequenz unter 60 aufwiesen, das Risiko, zum verurteilten Gewalttäter zu werden, um 39 Prozent höher lag als bei jenen, deren Puls mehr als 83 Mal in der Minute pochte. Die Wahrscheinlichkeit, überhaupt straffällig zu werden, lag bei niedrigem Puls um 25 Prozent höher.

"Ein niedriger Ruhepuls erhöht das Risiko für gewalttätiges, aggressives und antisoziales Verhalten", sagt Latvala. "Dafür gibt es bereits Hinweise aus Studien mit Kindern und Jugendlichen." Allerdings kam nicht nur Gewalt gegen andere öfter vor, wenn das Herz ruhiger schlug. Auch selbstschädigendes Verhalten oder Unfälle waren bei jenen Männern häufiger, deren Blut besonders langsam in den Adern pulsierte.

Die Herzfrequenz als Biomarker für Verbrechen

Der Zusammenhang zwischen niedrigem Puls und kriminellem Verhalten wird auf zwei Persönlichkeitstypen zurückgeführt: Manche Zeitgenossen sind fast frei von Angst und fürchten keine Konsequenzen ihres Verhaltens, sei es Gewalt gegen andere oder gegen sich selbst. Der andere Typus sehnt sich nach Aufregung oder ähnlichen Reizen. Seine Reaktion auf normale Turbulenzen des Alltags ist abgeschwächt. Beide sind unvorsichtig und setzen sich waghalsigen Situationen aus. Dies erklärt, warum sie öfter gewalttätig sind, selbst ständig etwas abbekommen und in Unfälle verwickelt werden - ihr Puls aber ruhig bleibt.

Die sprichwörtliche - und nun wissenschaftlich belegte - Kaltblütigkeit der Verbrecher nimmt Adrian Raine zum Anlass, einen anderen Blick auf Risikoverhalten und Gewaltdelikte zu werfen. "Man kann ja niemandem vorwerfen, dass er einen niedrigen Ruhepuls hat", sagt der Kriminologe von der University of Pennsylvania. "Eine geringe Herzfrequenz scheint aber eine Art Biomarker dafür zu sein, dass immer wieder Grenzen überschritten werden. Die Justiz sollte die Augen vor dieser Anatomie der Gewalt nicht länger verschließen."

Schließlich gelte es nicht nur potenzielle Opfer, sondern auch die Täter vor Unfällen und anderen Formen der Eigengefährdung zu bewahren. Aggressives, antisoziales Verhalten komme zudem bei einigen psychischen Störungen vor. Im Sinne der Prävention fordert Raine Ärzte und Therapeuten auf, die paar Euro in ein Messgerät für Puls und Blutdruck sowie zwei Minuten Zeit mit den Patienten zu investieren: "Wer weiß, ob sich Gewalt und Unglücksfälle damit nicht teilweise verhindern ließen."