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Streit um Unkrautvernichtungsmittel:Für die Behörde wertlos

Für die Behörde ist diese Studie hingegen wertlos, weil die Dosierungen zum Teil derart hoch gewählt wurden, dass die Hälfte der Muttertiere starb. Es sei ein Wunder, dass bei solchen Dosierungen nur die Herzen der Nachkommen beschädigt waren, sagt Niemanns Vorgesetzter Rudolf Pfeil.

Uneinigkeit herrscht auch über die Auslegung einer Studie aus dem vergangenen Jahr. Der Embryologe Andrés Carrasco von der Universität Buenos Aires war von Zeitungsberichten alarmiert. In Dörfern mit Feldern Glyphosat-resistenter Pflanzen wurden demnach vermehrt Kinder mit Fehlbildungen geboren. Carrasco injizierte im Labor das Herbizid in Embryonen von Hühnern und Krallenfröschen, einem verbreiteten Versuchstier der Entwicklungsbiologie. Er testete sowohl den reinen Wirkstoff Glyphosat als auch Roundup, das mit Zusatzstoffen ausgeliefert wird.

In beiden Fällen entdeckte Carrasco Schäden, die den Fehlbildungen beim Menschen ähneln. Für die Gruppe der Kritiker ist das ein Beweis. Für die Experten vom BfR stellt das Experiment "sehr artifizielle Bedingungen" nach, da sich niemand Herbizide in die Adern spritzen würde.

Dies sind nur zwei von Dutzenden Studien, um deren Aussagekraft gerungen wird. So sind seit der Zulassung auch zahlreiche Untersuchungen erschienen, die schädliche Effekte des Herbizids auf Zellkulturen zeigen. Nun stehen Forscher vor einer vertrackten Situation.

Heute würden solche Zellversuche bereits gemacht werden, wenn man eine vielversprechende Substanz entdeckt hätte, sagt Niemann. Doch Glyphosat stammt aus einer Zeit, in der es diese Tests noch nicht gab: "Angenommen, ein Unternehmen würde heute Glyphosat als bislang unbekannten Wirkstoffkandidaten testen und diese Laborergebnisse sehen, würde man möglicherweise nicht weiter in diesen Stoff investieren."

Der Streit um die korrekte Deutung der Daten bricht zu einem kritischen Zeitpunkt aus. Die Europäische Kommission erteilt die Zulassung von Pestiziden nur für zehn Jahre. Danach muss jede Substanz wieder auf den Prüfstand. Die Gruppe "Earth Open Source" schreibt dazu, dass sich die Neubewertung wahrscheinlich bis 2015 verzögern werde. Die Hersteller müssten ihre Datensätze nach einem neuen Standard aufbereiten, dafür wolle Brüssel ihnen mehr Zeit geben.

Von diesem Aufschub wusste man im BfR bislang nichts. Niemann rechnet weiterhin damit, dass er sich im kommenden Jahr an die Neubewertung macht. "Ich will nicht vorgreifen, aber ich erwarte nicht, dass sich bei Glyphosat etwas verändern wird." Möglicherweise werde der Grenzwert für Rückstände in Nahrungsmitteln etwas sinken.

Zu Berichten über Schäden bei Menschen geben sich die Risikobewerter besorgt, aber zurückhaltend. "Wir können die Ursache nicht verifizieren", sagt Niemann. Er verdächtigt andere Chemikalien. Berichte über Suizide aus Taiwan hatten ihn auf die Spur gebracht. Er hatte sich gewundert, wie es möglich sein kann, dass sich Lebensmüde mit Glyphosat-haltigen Pflanzenschutzmitteln umbringen, wo die Substanz doch so ungefährlich für den Menschen sei.

Niemann vermutet, dass Beistoffe die toxischen Effekte verursachen. Viele Unkrautvernichter sind eine Mischung aus Glyphosat und anderen Stoffen, die ihm zu mehr Wirkung verhelfen sollen. Sogenannte Netzmittel gehören dazu, die dem Wirkstoff das Eindringen in die Zellen erleichtern. Und dieser Mechanismus funktioniert auch in tierischen Zellen.

Die Risikobewertung dieser Zutaten läuft auf Ebene der Länder und nicht europaweit wie beim Hauptwirkstoff. Sie werden auch nicht wie Pestizide beurteilt, sondern nach der Chemikalienverordnung. Für den Handel zugelassen werden schließlich die fertigen Mixturen. Seit Niemann den Verdacht hegt, versuchen seine Kollegen und er, die Hersteller dazu zu bringen, auf Zusatzstoffe zu verzichten.

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