Streit um Tierversuche in Tübingen:Die Unterstützung der Forschergemeinde kommt zu spät

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Er steht damit nicht allein. Auch der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, hätte es lieber gesehen, wenn die Hirnforschung auf dem Niveau "absoluter Weltspitze" in der Universitätsstadt fortgesetzt worden wäre.

"Hier ist ein Wissenschaftler an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit getrieben worden"

Dass Logothetis vergleichbare Experimente an Ratten durchführen kann, ist Experten zufolge wenig wahrscheinlich, wenn nicht gar ausgeschlossen - auch wenn Versuche an Nagetieren grundsätzlich ein in der Grundlagenforschung übliches Mittel sind. "Mäuse und Ratten werden in der Forschung bereits massiv eingesetzt", sagt Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main. "Aber in diesen Experimenten geht es meist um kleine Schaltkreise und um einfache Verhaltensleistungen".

Logothetis hingegen konzentriert sich auf komplexere Fähigkeiten des Gehirns. Er interessiert sich für die neuronalen Mechanismen der bewussten Wahrnehmung und des Lernens. Diese Prozesse beruhen Singer zufolge aber auf Strukturen des Gehirns, die bei Nagetieren kaum entwickelt sind - weshalb man diese Funktionen und ihre Störungen weltweit an sogenannten nichtmenschlichen Primaten, also Nicht-Menschenaffen, untersuche. "Die Therapie von nahezu allen psychiatrischen Erkrankungen ist auf Erkenntnisse über diese Funktionen angewiesen", sagt Singer. "Wir wissen darüber noch viel zu wenig."

Und nicht nur die Hirnforschung besteht darauf, an Affen zu forschen. "Egal, ob es um Impfstoffe gegen Ebola, um Tiefenhirnstimulation gegen Parkinson, Neuroprothesen oder andere komplexe Prozesse im menschlichen Körper geht", sagt Stefan Treue vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. "Untersuchungen an Affen erlauben die beste Übertragbarkeit von Erkenntnissen auf den Menschen."

Doch so einig sich die Experten im Nachhinein zeigen, für Logothetis kommt die Unterstützung zu spät. In einer E-Mail an Fachkollegen hatte der Forscher den Schritt unter anderem damit begründet, dass sein Institut angesichts der schweren Vorwürfe nicht die nötige Unterstützung von Seiten der eigenen Forschungsgesellschaft erhalten habe. Ein Vorwurf, den Stratmann von sich weist: "Nichtsdestotrotz müssen wir feststellen, dass wir weitgehend machtlos sind, unsere Mitarbeiter vor Drohungen, Beleidigungen und Schmähungen zu schützen, die unter dem Deckmantel der Anonymität via Mail oder in den sozialen Medien geäußert werden."

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