Streit um Tierversuche in Tübingen:Operation Affe

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Ein Hirnforscher kapituliert: Max-Planck-Direktor Nikos Logothetis will nach massiven Anfeindungen nicht mehr an Primaten forschen. Während Tierschützer triumphieren, bangen Wissenschaftler um die Forschungsfreiheit.

Von Kathrin Zinkant

Vier Monate ist es her, dass die Polizei an die Tore des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen klopfte, einen Durchsuchungsbefehl in der Hand. Tierschützer hatten das Institut zuvor infiltriert, heimlich Aufnahmen von teils blutüberströmten, augenscheinlich leidenden Affen mit Zementquadern im Schädel gemacht und die Bilder veröffentlicht. Inwieweit die Bilder den Laboralltag abbildeten, bleibt zwar ungeklärt. Dennoch wurde mehrfach Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz gestellt. Die Forschungseinrichtung steht seither unter massivem Druck.

Der zuständige Direktor des Instituts hat daraus nun Konsequenzen gezogen: Nikos Logothetis will Schluss machen mit Versuchen an Primaten. Seine Experimente wolle der Spitzenforscher künftig nur noch an Nagetieren vornehmen, teilte die Max-Planck-Gesellschaft am Donnerstag mit. Es war eine überraschende Botschaft - und umgehend wurde sie falsch ausgelegt: "Wenn ein auf seinem Gebiet so renommierter Forscher wie Nikos Logothetis die chronisch-invasiven Neurokognitionsexperimente an Rhesusaffen künftig für entbehrlich hält, dann stellt sich die Frage, ob nicht auch für andere vergleichbare Versuche die zwingende Notwendigkeit überhaupt noch besteht", ließ die Landesbeauftragte für Tierschutz in Baden-Württemberg, Cornelie Jäger, am Sonntag verlauten.

Die Max-Planck-Gesellschaft hat für diese Interpretation der Vorgänge nur Empörung übrig: Man verwehre sich gegen eine solche politische Instrumentalisierung von Logothetis' Entscheidung. "Die Max-Planck-Gesellschaft und Nikos Logothetis sind nach wie vor von der Notwendigkeit tierexperimenteller Forschung mit Primaten überzeugt", stellt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann, klar.

Der Grund für den Schritt des Forschers sei eine massive Hetz- und Drohkampagne von Tierschützern. "Hier ist ein Wissenschaftler an die Grenzen seiner physischen und psychischen Belastbarkeit getrieben worden", sagt Stratmann. Der Druck habe Logothetis schließlich bewogen, seine anerkannte und erfolgreiche Forschung aufzugeben. "Wir bedauern das außerordentlich", erklärt der Präsident.

Die Unterstützung der Forschergemeinde kommt zu spät

Er steht damit nicht allein. Auch der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, hätte es lieber gesehen, wenn die Hirnforschung auf dem Niveau "absoluter Weltspitze" in der Universitätsstadt fortgesetzt worden wäre.

"Hier ist ein Wissenschaftler an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit getrieben worden"

Dass Logothetis vergleichbare Experimente an Ratten durchführen kann, ist Experten zufolge wenig wahrscheinlich, wenn nicht gar ausgeschlossen - auch wenn Versuche an Nagetieren grundsätzlich ein in der Grundlagenforschung übliches Mittel sind. "Mäuse und Ratten werden in der Forschung bereits massiv eingesetzt", sagt Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main. "Aber in diesen Experimenten geht es meist um kleine Schaltkreise und um einfache Verhaltensleistungen".

Logothetis hingegen konzentriert sich auf komplexere Fähigkeiten des Gehirns. Er interessiert sich für die neuronalen Mechanismen der bewussten Wahrnehmung und des Lernens. Diese Prozesse beruhen Singer zufolge aber auf Strukturen des Gehirns, die bei Nagetieren kaum entwickelt sind - weshalb man diese Funktionen und ihre Störungen weltweit an sogenannten nichtmenschlichen Primaten, also Nicht-Menschenaffen, untersuche. "Die Therapie von nahezu allen psychiatrischen Erkrankungen ist auf Erkenntnisse über diese Funktionen angewiesen", sagt Singer. "Wir wissen darüber noch viel zu wenig."

Und nicht nur die Hirnforschung besteht darauf, an Affen zu forschen. "Egal, ob es um Impfstoffe gegen Ebola, um Tiefenhirnstimulation gegen Parkinson, Neuroprothesen oder andere komplexe Prozesse im menschlichen Körper geht", sagt Stefan Treue vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. "Untersuchungen an Affen erlauben die beste Übertragbarkeit von Erkenntnissen auf den Menschen."

Doch so einig sich die Experten im Nachhinein zeigen, für Logothetis kommt die Unterstützung zu spät. In einer E-Mail an Fachkollegen hatte der Forscher den Schritt unter anderem damit begründet, dass sein Institut angesichts der schweren Vorwürfe nicht die nötige Unterstützung von Seiten der eigenen Forschungsgesellschaft erhalten habe. Ein Vorwurf, den Stratmann von sich weist: "Nichtsdestotrotz müssen wir feststellen, dass wir weitgehend machtlos sind, unsere Mitarbeiter vor Drohungen, Beleidigungen und Schmähungen zu schützen, die unter dem Deckmantel der Anonymität via Mail oder in den sozialen Medien geäußert werden."

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