StreitDas Internet an der Wurzel gepackt

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Zwischen Europa und die Vereinigten Staaten ist in der vergangenen Woche ein scharfer Streit über die Kontrolle des Internets ausgebrochen. Europa wendet sich nun offen gegen den amerikanischen Anspruch, die zentrale Entscheidungsgewalt über das weltweite Datennetz zu behalten.

Christopher Schrader

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Im Laufe von Verhandlungen in Genf schlug die Delegation des derzeitigen EU-Ratspräsidenten Großbritannien vor, die Kontrolle einem internationalen Gremium zu übertragen, an dem die Regierungen mitwirken.

Seit zwei Wochen verhandeln in Genf Delegationen aus aller Welt, um Beschlüsse für den Weltgipfel der Informationsgesellschaft vorzubereiten, der im November in Tunis stattfinden soll. Auf dem Tisch liegt unter anderem der Bericht einer Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen, der verlangt "keine einzelne Regierung sollte eine überragende Rolle bei der internationalen Steuerung des Internets haben".

Das US-Handelsministerium hatte sich hingegen festgelegt, die Vereinigten Staaten würden "ihre historische Rolle beibehalten, Änderungen an der maßgeblichen Root-Datei zu bewilligen".

Das klingt wie eine technische Kleinigkeit, tatsächlich aber geht es um die zentrale Kontrolle über das Netz. Die Root-Datei des DNS (Domain Name System) ist die Adresskartei des Internet. Dort werden nichts sagenden, aus Zahlen bestehenden IP-Adressen die begehrten URLs (etwa www.sueddeutsche.de) zugewiesen.

"Fehlen von Legitimität"

Wer sie beherrscht, kann im Prinzip unerwünschte Inhalte im Netz unsichtbar machen. Daher sagte zum Beispiel ein brasilianischer Delegierter: "Bei der jetzigen Kontrolle des Internet fallen einem drei Wörter ein: Fehlen von Legitimität."

Weil sich nun Europa auf die Seite der Staaten gestellt hat, die den Amerikanern diese Kontrolle streitig machen, ist die US-Regierung isoliert. Entsprechend laut polterte der amerikanische Vertreter, David Gross: "Das ist eine schockierende Veränderung der europäischen Position", zitierte ihn die International Herald Tribune, sein Land sei "sehr enttäuscht" und der Vorschlag der EU "völlig unangemessen".

Gross wollte die Kontrolle über das DNS als technisches Detail abwerten, in das sich kein internationales Aufsichtsgremium einmischen solle. Den übrigen Staaten aber ist eine Neuregelung offenbar wichtig genug, dass sie das Scheitern der Verhandlungen in diesem Punkt riskieren.

Gibt es keine Einigung, schließen Beobachter nicht aus, das manche Länder oder Ländergruppen ihr eigenes Adressensystem aufbauen könnten. Dann gäbe es nicht mehr ein grenzenloses, die Welt umspannendes Internet, sondern mehrere getrennte, regionale Netze. Zumindest im Cyberspace wäre es das vorläufige Ende der Globalisierung.

© SZ vom 4.10.2005 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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