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Strategien der Klimaskeptiker:Spuren in die Politik

Führen auch Spuren in die Politik?

Sie führen sogar ins Weiße Haus. Zu Zeiten von Ronald Reagan wurde der Skeptiker Bill Nierenberg Chef einer Beraterkommission zum sauren Regen. Er bespricht die Mitgliederliste mit Reagans Stab, sie streichen wichtige Experten und setzen Fred Singer drauf, obwohl dieser keine Erfahrung mit dem Thema hat. Singer fängt bei den Sitzungen des Komitees an, seine Zweifel zu verkaufen. Die Wissenschaftler ordnen seine Einwände zwar als das ein, was sie sind: unbedeutende Nebenaspekte. Trotzdem steht er am Ende als Sieger da.

Wie das?

Der Bericht in der langen Version stellt sauren Regen wahrheitsgemäß als großes Problem dar. Das passt der Reagan-Regierung nicht. Also ändert Nierenberg die Zusammenfassung. Ich fand bei Recherchen ein Dokument, das mich erschüttert hat: Reagans Wissenschaftsberater George Keyworth schreibt für Nierenberg auf, welche Änderungen er haben will! Das verfremdete Fazit wurde eine Woche vor einer wichtigen Abstimmung im Kongress veröffentlicht. Die Abgeordneten lehnten die Regulierung der verantwortlichen Abgase ab, und die beteiligten Wissenschaftler wachten erst auf, als es zu spät war. Sie waren zu naiv, was den politischen Prozess angeht.

In einem neuen Report bezeichnet das Pentagon den Klimawandel als Gefahr für die nationale Sicherheit. Heißt das, die Händler des Zweifels haben diese Debatte, wie viele andere vorher, verloren?

Ich würde nicht annehmen, dass sie irgendetwas davon als Niederlagen ansehen. Sie könnten sich zugutehalten, dass sie die schlimmsten Eingriffe der Regierung verhindert haben - vom Tabak bis zum Klimawandel. Der ist in Sicherheitskreisen übrigens schon lange als ernstes Problem anerkannt. Das US-Militär macht sich große Sorgen über steigende Meeresspiegel, denn 80 Prozent der Air-Force-Basen liegen an Küsten. Das zeigt, wie weit sich die US-Politik von der Realität entfernt hat.

Haben Skeptiker Drähte nach Europa?

Es gab immer wieder Kontakte, aber die Leugner haben es hier schwerer. In Europa gibt es deutlich mehr Verständnis für die Klimaproblematik. Eingriffe der Regierung sind kein Teufelszeug, und es ist nicht so wirkungsvoll, jemanden als Sozialisten zu diffamieren.

Fritz Vahrenholt, Ex-Manager bei Europas größtem Treibhaussünder RWE , behauptet, die Erderwärmung sei zum großen Teil natürlich und von der Sonne verursacht.

Kommt mir sehr bekannt vor, diese Argumente kann ich im Schlaf herunterbeten. Das sind Argumente der Zweifelstreuer.

Ist heute mit geschicktem Lobbyismus fast alles möglich?

Vieles. Diese Lobbyisten sind intelligent, gut organisiert und finanziell gut ausgestattet. Dass der oberste Gerichtshof Konzernen Meinungsfreiheit wie Personen zugesprochen hat, macht es noch schlimmer. Jetzt wird es schwerer, gegen Unwahrheiten vorzugehen. Und: Wir erleben die größte Konzentration von Wohlstand in den USA seit Ende des 19. Jahrhunderts. Noch nie waren die Reichen so mächtig.

Was sind die nächsten Ziele für Zweifler?

Die Mobilfunkindustrie gibt sich große Mühe, gegen wissenschaftliche Arbeiten vorzugehen und Zweifel zu wecken. Anderes Beispiel: Antibiotika-Hersteller. Belege für Schäden durch Antibiotika, die in der Umwelt resistente Bakterien entstehen lassen, sind überwältigend. Aber die Hersteller von antibakterieller Seife erklären, die Folgen seien ungeklärt. Ich sage nur: Viel Glück uns allen!

© SZ vom 03.11.2014

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