Strategien der Klimaskeptiker Die Motive der Skeptiker

Wenn wie hier in Indonesien Regenwälder und Moore für Plantagen niedergebrannt werden, entweichen Ruß und Kohlendioxid in die Atmosphäre.

(Foto: Chaideer Mahyuddin/AFP)

Ein paar Forscher allein können doch nicht über Jahrzehnte Zweifel säen.

Natürlich nicht. Das zweite Bein des Programms war es, Organisationen zu gründen und zu finanzieren, die nach außen nichts mit der Industrie zu tun haben - sogenannte Thinktanks. Der Schlüssel ist, dass die Zweifel von Leuten kommen, die unabhängig erscheinen. Wenn der Chef von Exxon Mobil erklärt, dass er weiter Öl und Gas verkaufen will, leuchtet jedem ein, warum. Die Industrie wollte es den Bürgern und Politikern schwermachen, die Einwände als Profitgier abzutun.

Warum machten die Wissenschaftler in dem Zirkel mit? Ging es ihnen ums Geld?

Nein, das ist mir zu einfach. Wir reden über renommierte, wohlhabende Männer, für die Ansehen mehr zählte als Geld.

Was war es dann?

Der Ton in der Wissenschaft ist rau; selbst wer eine hohe Stellung hat, muss sich ständig rechtfertigen. Und auch der Präsident der Akademie reist mit normalen Flugzeugen. Und dann wird Seitz mit seiner Frau vom Privatjet eines Tabakmanagers abgeholt und nach Bermuda geflogen. Sie besuchen tolle Restaurants, bekommen Komplimente und treffen auch noch Leute, deren politische Ansichten wesensverwandt sind. Es ging also eher um sehr menschliche Dinge - Anerkennung und Zuwendung. Aber vor allem um Ideologie.

Um welche?

Um einen radikalen Freiheitsbegriff und Marktliberalismus, verbunden mit der Angst vor der mächtigen Regierung. Hätten die Amerikaner den Klimawandel anerkannt, wären harte Eingriffe der Regierung legitimiert worden. Singer, Seitz und andere hielten das für brandgefährlich. Sie waren als stramme Antikommunisten aufgewachsen. Seitz glaubte, dass die Roten unter den Betten lagen und darauf warteten, die Demokratie zu unterwandern. Er war überzeugt, jede Intervention in den Markt bringe das Land auf eine Rutschbahn zur kommunistischen Diktatur.

Und das Abendland wurde an den Aschenbechern der Raucher verteidigt?

Es klingt grotesk, aber so ist es. Hinter allem stand das Ziel freier Märkte. Dabei sind alle Themen - Lungenkrebs durch Zigaretten oder das Ozonloch durch FCKW - Beispiele für das Versagen des Markts, der entgegen den Thesen der Liberalen keine Lösungen für Probleme erzeugte.

Sie nennen Mitglieder des Zirkels "Händler des Zweifels". Wer sind die Kunden?

Ziel sind Politiker und Amtsträger, Wissenschaftler und Journalisten. Alle haben die aufwendig gestalteten Zweifelberichte bekommen. Thinktanks haben die Mitarbeiter der Abgeordneten bearbeitet. Sie haben Hunderte Millionen Dollar ausgegeben. Einer, der für die Kommunikation zuständig war, sagte mal: "Wir hatten eine einfache Aufgabe, wir mussten die Politiker nur dazu bringen, nichts zu machen."

Welche Rolle spielen die Medien?

Sie haben in großen Teilen versagt und sind auf die Versuche hereingefallen, Potemkinsche Dörfer als Wissenschaft zu verkaufen. Die Denkfabriken haben Reports geschrieben und an Journalisten wie Sie geschickt. Verbunden mit der Forderung, ihre Meinung in den Artikeln wiederzufinden. Die Journalisten würden ihre Pflicht zu einer objektiven Berichterstattung verletzen, wenn sie nicht beide Seiten der Debatte gleichberechtigt berücksichtigten.

Haben das nicht alle durchschaut?

Nein. Vor allem in den USA standen die begutachteten Studien von renommierten Forschungsinstituten den Texten politischer Thinktanks so gegenüber, als seien sie gleichwertige Quellen. Plötzlich wurde aus den gefestigten Erkenntnissen der Forschung, die kleine Lücken hatten, offene Debatten um den Kern der jeweiligen Frage. In renommierten Zeitungen wie der New York Times oder der Washington Post bekamen Klimaskeptiker Auswertungen zufolge ungefähr 40 Prozent der Zeilen. Angemessen wären drei Prozent gewesen.

Wo sind Belege für die Manipulation?

Es gibt an der Universität San Francisco eine große Sammlung interner Dokumente der Tabakindustrie. Darin stecken Hunderte Belege. Da heißt es zum Beispiel bei einer Tarnorganisation in den 1990er-Jahren: "Passt auf, dass ihr die Fingerabdrücke von Philip Morris versteckt." Zudem heuert die Tabaklobby angeblich unabhängige Experten an, die Gastkommentare in Zeitungen schreiben, etwa Fred Singer. Wenn so ein Text erscheint, schickt der Leiter der Lobbygruppe eine Kopie mit der Aufschrift herum: "Gut gemacht, Jungs!"