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Archäologie:Die wandernden Steine

FILE PHOTO: Stonehenge ancient stone circle is seen at dawn, near Amesbury, Wiltshire, Britain

Stonehenge im Morgengrauen. Vor über 5000 Jahren versuchten die Menschen, eine ganze Landschaft neu zu gestalten, indem sie Steine von verschiedenen Orten über weite Strecken transportierten. Mit den Steinen wanderte auch die Kultur.

(Foto: TOBY MELVILLE/REUTERS)

Neue Datierungsverfahren deuten darauf hin, dass es in Wales einen direkten Vorgänger der berühmten Steinkreise von Stonehenge gab. Womöglich stammen sogar einige der Megalithe aus der Region im Westen.

Von Hubert Filser

Die Schlacht war blutig. Der Legende nach führte der Zauberer Merlin 15 000 Männer in den Kampf nach Irland. Dort galt es, die magischen, angeblich heilenden Steine vom legendären Mount Killaraus zu erbeuten. Um die Wunden zu heilen, sollten die Steine im Herzen Englands auf der Salisbury Plain als Ort für die Toten der Schlacht wieder aufgebaut werden. "Tanz der Giganten" nennt Geoffrey von Monmouth in seiner Merlin-Saga diesen Steinkreis, es ist der älteste bekannte Mythos über Stonehenge.

Die Theorie, die Mike Parker Pearson nun im Fachmagazin Antiquity zum Steinkreis formuliert, ist nicht weniger fantastisch. Der Archäologe vom University College London beschreibt darin nämlich einen riesigen Steinkreis, den er in den Preseli Hills im Westen von Wales entdeckt hat. Die Anlage von Waun Mawn mit seinen Monolithen könnte ein unmittelbarer Vorläufer von Stonehenge gewesen sein, so der Forscher. Die Blausteine von Stonehenge, so werden die Dolerit-Steine wegen ihrer bläulich schimmernden Oberfläche genannt, standen zuvor schon in den Preseli-Bergen, so Parker Pearson. Nach Jahrhunderten bauten die frühen Bauern Britanniens sie ab, brachten sie nach Stonehenge und errichteten dort einen neuen Kreis. Parker Pearson hält es für möglich, dass es sich bei den "Steinen von ungeheurer Größe", die Geoffrey von Monmouth beschrieb, tatsächlich um ein reales prähistorisches Denkmal handeln könnte, die Kreisanlage von Waun Mawn. "Wir haben vielleicht gerade das gefunden, was Geoffrey den Tanz der Giganten nannte", sagt Parker Pearson. Es könnte durchaus ein "winziges Körnchen" an Wahrheit in der uralten Sage über Stonehenge stecken.

Neue Erkenntnisse über Stonehenge

Der Steinkreis von Waun Mawn war womöglich nicht nur Vorbild für Stonehenge, sondern auch Materialquelle.

(Foto: Antiquity Journal/dpa)

Die Menschen bauten Steinkreise, um Allianzen zwischen verschiedenen Gruppen zu schmieden

Die Giganten, um die es in der Realität geht, sind die sogenannten Blausteine aus dem Inneren der berühmten Steinring-Anlage von Stonehenge. Sie gehören sehr wahrscheinlich in die Urphase von Stonehenge aus der Zeit um 3000 v. Chr. Gegenüber den mächtigen fünf Sarsen-Steingruppen, die das Erscheinungsbild von Stonehenge prägen, fallen sie im ersten Moment oft nicht auf. Parker Pearson forscht mit seinem Team seit 20 Jahren in seinem "Stones of Stonehenge"-Projekt nach dem Ursprung dieser Steine. Zuletzt konnte er den Herkunftsort der rund 20 Tonnen schweren Sarsen-Monolithe in einem Steinbruch im 25 Kilometer nördlich von Stonehenge gelegenen West Woods lokalisieren.

Die Beweise für seine neue, spektakuläre These stützen sich auf vier Blausteine, die noch in den Preseli Hills stehen oder liegen, und sechs Steinlöcher. Bis zu 50 Blausteine bildeten hier einst Waun Mawn, vermutet Parker Pearson. Von der höchsten Stelle des Hangs kann man an sonnigen Tagen noch heute die Küste Irlands sehen. Ein magischer Ort? "Die Menschen bauten einst ihre Steinkreise, um Allianzen zwischen vielen verschiedenen Gruppen zu schmieden", sagt Parker Pearson. "Dabei stand jeder Stein symbolisch für die Vorfahren einer Gruppe."

Doch war dieser Ort in den Preseli-Bergen im Westen von Wales wirklich der Vorläufer von Stonehenge? Parker Pearson liefert dazu mehrere Indizien und Datierungen. Der Durchmesser von Waun Mawn sei mit 110 Metern exakt so groß wie der äußere Grabenring, der Stonehenge umschließt. Und er ist genau gleich ausgerichtet, sein Eingang weist wie beim berühmten Denkmal in Richtung Nordosten, zum Ort des Sonnenaufgangs zur Mittsommer-Sonnenwende.

Der britische Archäologe hält Waun Mawn auch aufgrund der Datierungen für einen Vorläufer-Bau von Stonehenge. Proben aus dem Steinkreis in Westwales enthielten nur wenig Holzkohle, die sich für eine Radiokarbondatierung geeignet hätte. Demnach war der Ring zwischen 3600 und 3000 v. Chr. errichtet worden - eine breite Zeitspanne. Daher versuchten die Archäologen, das Alter des Erdreichs aus den Löchern und der Umrandung der Blausteine mit Hilfe der optisch stimulierten Thermolumineszenz (OSL) genauer zu bestimmen. Die Methode misst die Zeitspanne, seit ein Quarz zuletzt Sonnenlicht ausgesetzt war. Die OSL-Daten zeigten an, dass die Blausteine spätestens um 3200 v. Chr. aus ihren angestammten Plätzen entfernt worden sein mussten. Allerdings waren die Ergebnisse nicht eindeutig, es gab sehr große Schwankungen in den Datierungen. Der tatsächliche Bauzeitpunkt war damit lediglich auf die Phase zwischen 3600 und 3200 v. Chr. eingeengt.

Um die Verbindung zwischen Stonehenge und Waun Mawn zu belegen, hat Parker Pearson aber noch ein weiteres Argument, seiner Meinung nach das entscheidende Puzzlestück: Blaustein Nummer 62 aus Stonehenge habe an seiner Basis einen ungewöhnlichen, fünfeckigen Querschnitt, der mit einem der freigelegten Löcher in Waun Mawn übereinstimme. "Im entsprechenden Steinloch fanden wir sogar einen Splitter aus nicht fleckigem Dolerit, der geologisch zum Stein 62 passt", sagt Parker Pearson. "Das war schon sehr überraschend."

Auch frühere Auswertungen aus Stonehenge unterstützen die Theorie des Londoner Archäologen. Dort waren um 3000 v. Chr. Menschen begraben worden. Isotopenanalysen hatten ergeben, dass rund 16 Prozent der Toten eine längere Zeit in Westbritannien gelebt hatten, möglicherweise in der Gegend der Preseli Hills. Isotopenuntersuchungen sind wie die Datierungen mit Unsicherheiten behaftet, weil ihre Ergebnisse nur auf bestimmte Regionen hinweisen können. Parker Pearson fasst die Befunde dennoch zu einer spektakulären Gesamtthese zusammen: Menschen und Steine wanderten im späten 4. Jahrtausend gemeinsam Richtung Südosten und bauten Stonehenge quasi in einer gigantischen Umzugsaktion wieder auf: Stonehenge wäre zumindest in seinen Anfängen ein Second-Hand-Monument.

Der Megalith-Experte Johannes Müller von der Universität Kiel kann sich solche weitreichenden Migrationsbewegungen in Britanniens Jungsteinzeit zwar gut vorstellen. Die ganze Welt sei damals unterwegs gewesen. "Viehtrieb, Heiratsbeziehungen, Expeditionen zu Rohstoffquellen können Gründe dafür gewesen sein", sagt der Archäologe. Doch er bremst gleichzeitig die Euphorie von Parker Pearson. "Die Blausteine an einem Monument in Wales abzubauen und sie gezielt an einer über 250 Kilometer entfernten Stelle zu nutzen, wäre in dieser Dimension etwas Neues."

Es gibt nicht nur ein Proto-Stonehenge, sondern viele

Auch die direkte Verbindung eines einzelnen Blausteins mit den beiden Standorten, geht dem Archäologen zu weit. "Dolerite sind oft ähnlich geformt. Das beweist nicht, dass es einst eine Verbindung zwischen Waun Mawn und Stonehenge gab." David Jacques, Archäologe von der Universität von Buckingham, ist einerseits begeistert von Parker Pearsons Grundthese, ergänzt aber, dass seiner Einschätzung nach nur drei der rund achtzig Blausteine aus Stonehenge direkt von Waun Mawn stammen können. "Vermutlich haben sehr viel mehr Standorte Steine beigesteuert", so Jacques.

Die wissenschaftliche Diskussion wird sich in der nächsten Zeit vor allem um die Verlässlichkeit der Datierungen drehen. Sowohl die Radiokarbondatierungen wie auch die OSL-Werte aus dem Projekt "Stones of Stonehenge" sind im Detail ungenau und daher auch schwierig zu interpretieren. Die Werte suggerierten Eindeutigkeit, die es bei genauem Hinsehen nicht gebe, sagt Johannes Müller. Bei den Datierungen habe sich das Team um Parker Pearson für Werte entschieden, "die ins eigene Weltbild passen - es sind aber Zweifel an ihrer Interpretation angebracht." Auch Parker Pearson bestätigt, dass genauere Auswertungen in Waun Mawn noch folgen müssten. Die Corona-Pandemie habe geplante Grabungen im vergangenen Jahr verhindert.

Trotz der Bedenken rund um die Datierungen hält auch Johannes Müller Waun Mawn für eine Art Proto-Stonehenge. "Allerdings ist es nur eines von vielen Vorläuferbauten", sagt Müller. Sowohl von der Dimension als auch vom Bauprinzip habe es zahlreiche solcher Steinkreise und Konstruktionen auf den Britischen Inseln gegeben. "Es gibt also rituell betrachtet nicht nur ein Proto-Stonehenge, sondern viele."

Auf diesen rituellen Aspekt fokussiert sich auch der Archäologe David Jacques. "Die Menschen versuchten damals, eine ganze Landschaft neu zu gestalten, indem sie Blausteine von verschiedenen Orten in den Preseli Hills über weite Strecken transportierten", sagt Jacques. "Das zeigt, dass sie in einem sehr großen Maßstab dachten." Er hält Stonehenge für ein multikulturelles Monument, erbaut von unterschiedlichen Gruppen aus Britannien, das zeigten auch die unterschiedlichen Bestandteile: Sarsen-Steine aus der Umgebung, Blausteine aus Westwales und Artefakte bis von den Äußeren Hebriden im Norden. "Vermutlich wurden die Steine als Verkörperung einiger Ahneneigenschaften angesehen. Das Versetzen der Steine von Waun Mawn und anderen Stätten könnte als Belebung der Steine angesehen worden sein", vermutet der Archäologe. "Man wollte etwas Göttliches bauen." Folgt man diesem Gedanken, ist es nicht mehr weit bis zu Merlin und seinem "Tanz der Giganten".

© SZ
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