Steuern und Moral Das Steuersystem als Gerechtigkeitsgemeinschaft

Wenn über Gerechtigkeit gesprochen wird, fällt häufig der Name des US-amerikanischen Philosophen John Rawls.

Rawls hat die Gerechtigkeitsfrage in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder zu einem respektablen Thema in den philosophischen und wissenschaftlichen Debatten gemacht. Dabei hat er außer Kants Prinzip der größten gleichen Freiheit zwei Aspekte betont: die Chancengleichheit, die heute unstrittig ist, und das sogenannte Unterschiedsprinzip. Rawls zufolge darf es zwar bei den Rechten und Freiheiten keine Unterschiede geben, wohl aber auf der sozialen und wirtschaftlichen Ebene. Vorausgesetzt, die Unterschiede kommen den am schlechtesten Gestellten zugute.

Aber es bleiben Ungleichheiten bestehen. Das klingt nicht wirklich gerecht.

Erstens darf man nicht vergessen, dass nicht jede Ungleichheit ungerecht ist. Dass in der Literatur und der Musik, in der Wissenschaft, im Sport manche besser und Genies selten sind, mag ärgerlich, aber kaum ungerecht sein. Zweitens lässt sich Rawls' Unterschiedsprinzip nicht problemlos aus puren Gerechtigkeitsüberlegungen ableiten.

Ein Punkt, den Rawls noch in die Debatte eingebracht hat und den ich für vernünftig halte, ist die Ablehnung von Neid. Ich unterscheide hier zwei Formen: Der Ressentiment-Neid möchte, dass es den Erfolgreichen genauso schlecht wie einem selbst geht. Der Kreativitätsneid dagegen bringt die Menschen dazu, sich anzustrengen, weil sie auch erreichen wollen, was anderen gelungen ist. Letzterer ist eine wichtige Antriebskraft der Gesellschaft und Kultur, zu finden schon bei kleinen Kindern und Schülern. Ressentiment-Neid dagegen ist für niemanden gut.

Nicht zuletzt gibt es eine seltsame Parteilichkeit: Michael Schumacher jubelten die Deutschen zu, auch wenn er Millionen verdient und aus Steuergründen lieber in der Schweiz wohnt. Auch der Harry-Potter-Autorin gönnen wir ein Vermögen, das größer als das der Queen ist. Aber wenn ein Manager Millionen verdient, werden wir neidisch ...

Ist das Neid, oder sind manche Vergütungen nicht wirklich absurd hoch?

Die erwähnte Parteilichkeit in Bezug auf Sportler oder Autoren, denen ihr Vermögen gegönnt wird, und Manager, die beneidet werden, sollte uns zur Vorsicht mahnen. Das hindert mich aber nicht zu sagen, dass Manager - also Angestellte! - im Verhältnis zu den Facharbeitern ihres Unternehmens nicht so viel verdienen sollten, wie es häufig der Fall ist. Ein Verhältnis von eins zu hundert oder mehr ist kaum gerechtfertigt.

Man sollte hier nämlich nicht immer das große Wort "gerecht" verwenden, sondern bescheidener von "gerechtfertigt" und bei den angedeuteten immensen Gehältern von "nicht gerechtfertigt" reden. Freilich könnte eine Korrektur schwierig sein, weil Spitzenkräfte stark umworben sind. Gerecht wäre es allerdings, wenn sie für Misserfolge einstehen müssten, unter anderem, indem ihnen dann die Vergütungen gekürzt würden. Vielleicht sollten die Manager auch auf Anstand achten, und nicht zuletzt wieder lernen, dass die wichtigsten Dinge sich ohnehin mit einer Extra-Million nicht bezahlen lassen. Manche sind sogar im wörtlichen Sinn unbezahlbar: Selbstachtung, Fremdachtung, Vertrauen, Verlässlichkeit.

Das Steuersystem in Deutschland wird von vielen als ungerecht empfunden. Menschen ohne Kinder werden für das Schulsystem zur Kasse gebeten, Fahrradfahrer zahlen für die Instandhaltung der Autobahnen - ist das gerecht?

Die Haushalte von Kommunen, Ländern und Bund bilden ein Gesamtpaket, aus dem sich natürlich jeder die Teile raussuchen kann, von denen er nichts hat. Fairerweise sollte er aber auch auf die vielen Teile des Pakets schauen, von denen er profitiert. Wer eine Rente beziehen will, braucht in unserer Gesellschaft aufgrund des Generationenvertrags Kinder - auch wenn er selbst nicht für Nachwuchs sorgt.

Gerade auch über das Steuersystem sind wir eine Gerechtigkeitsgemeinschaft, wo sich niemand nur die Rosinen rauspicken darf. Beispielsweise profitieren wir alle von öffentlichen Gütern: von der Friedensordnung, der Rechtsordnung, der materiellen und kulturellen Infrastruktur, sogar vom Ansehen unseres Landes. Aber keiner würde dies auf seiner Prioritätenliste nach oben setzen. Weil er das für selbstverständlich hält und lieber auf seinen partikularen Vorteil schaut.

Es wird häufig gefordert, jene, die mehr leisten, sollen auch mehr verdienen. Was halten Sie davon?

Hier bin ich mir nicht sicher. Manche Menschen arbeiten vielleicht nur wegen des Gehalts. Aber wir wissen seit der Antike: Geld macht nicht glücklich. Andere üben ihren Beruf mit Leib und Seele aus, ohne viel Geld zu verdienen, werden aber mit einer anderen, existentiell weit wichtigeren Währung honoriert, mit Aufmerksamkeit, Respekt und Selbstachtung. Ist das ungerecht?

Auf jeden Fall hat das Leistungsgesetz im Sinne von pekuniärem Erfolg bei uns nicht das letzte Wort. Sonst würden etwa Krankenpfleger deutlich mehr verdienen. Wer glaubt, unsere Welt würde tatsächlich nur vom Geld regiert, der erliegt einer ökonomischen Verkürzung.