Steinzeitmenschen "Neandertaler nahmen die Welt anders wahr"

Stumpfsinnig waren die Neandertaler nicht - aber vermutlich waren sie den modernem Menschen geistig doch unterlegen. Darauf deutet ihre Hirnentwicklung hin.

Das Gehirn des Neandertalers war etwa so groß wie das des modernen Menschen. Manche Wissenschaftler vermuten deshalb, dass auch seine geistigen Fähigkeiten den unseren ähnlich gewesen sein könnten. Doch auf die Größe des Denkorgans kommt es dabei bekanntlich nicht allein an. Studien des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig deuten nun darauf hin, dass der Homo neandertalensis doch weniger intelligent war als der Homo sapiens.

Rekonstruktion des Schädels eines Neandertalerkindes (l.) neben dem eines modernen Menschenkindes (m). Abgüsse der inneren Schädelkapsel (Neandertaler: rot; moderner Mensch: blau) geben Aufschluss über Größe und Gestalt der Gehirne. Bei der Geburt sind sich die Gehirne noch sehr ähnlich.

(Foto: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie)

Die im US-Fachmagazin Current Biology veröffentlichte Studie basiert auf Computer-Rekonstruktionen des Neandertaler-Hirns, die auf der Auswertung von Schädelfragmenten beruht. Dazu hatten die Forscher mit Hilfe eines Computertomographen (CT) einen virtuellen Abdruck der inneren Schädelseite erstellt. Unter den Schädeln war auch der eines Neandertalerbabys und dreier Kinder, so dass die Wissenschaftler die Hirnstrukturen verschieden alter Individuen vergleichen konnten.

Wie Jean-Jacques Hublin, Philipp Gunz und Simon Neubauer feststellten, waren die Gehirne des modernen Menschen und des Neandertalers bei der Geburt fast gleich groß und die Schädel länglich. Doch für die Intelligenz zum Beispiel ist die innere Struktur des Gehirns, also dessen Vernetzung, wichtiger als dessen Größe. Und in den ersten Lebensjahren entwickelte sich das Muster dieser Vernetzung bei modernen Menschen und Neandertalern offenbar sehr verschieden - so sehr, dass der Schädel des Menschen schließlich eine rundere Form annimmt.

Bereits zuvor hatten die Forscher anhand von Menschen- und Schimpansenschädeln herausgefunden, dass auch die Hirnentwicklung dieser zwei Arten im ersten Jahr unterschiedlich verläuft. Danach ähnelt sich der Prozess wieder. Bei den Neandertalern, so vermuten die Wissenschaftler im Journal of Human Evolution, entspricht diese wichtige Phase eher der von Schimpansen, während bei modernen Menschen die Organisation der Nervenbahnen die Grundlage für etwas andere - vermutlich bessere - geistige, emotionale und kommunikative Fähigkeiten legt.

"Wir konnten zeigen, dass diese frühe Phase der Gehirnentwicklung beim Neandertaler fehlt", erklärt Gunz. Neandertaler und moderne Menschen erreichen daher ähnliche Gehirnvolumina, aber entlang unterschiedlicher Entwicklungsmuster. Deshalb "ist es unwahrscheinlich, dass der Neandertaler die Welt so wahrgenommen hat, wie wir sie wahrnehmen".

Beim Neandertaler, der vor 28.000 Jahren verschwand, nachdem er etwa 10.000 Jahre lang neben dem Homo sapiens koexistierte, ist der Schädel passend zur Hirnentwicklung länglicher als beim modernen Menschen.

Der vor 400.000 Jahren aufgetauchte Frühmensch sei aber alles andere als geistig zurückgeblieben gewesen, unterstrich Gunz. "Das waren hochentwickelte Jäger, sehr spezialisiert." Es sei auch wenig wahrscheinlich, dass Neandertaler keine eigene Sprache gehabt hätten - deren Entwicklungsstadium sei allerdings unklar.

Der im Mai veröffentlichte komplette Gen-Bausatz des Neandertalers zeigt große Übereinstimmungen mit dem modernen Menschen auf. Zu den Unterschieden zählen aber auch Gene, die mit der Gehirnentwicklung zusammenhängen. Mit ihren Kollegen aus der Genetik wollen die drei Paläoanthropologen solche Unterschiede genauer untersuchen. "Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen werden, die Funktion der Gene zu verstehen, die uns vom Neandertaler unterscheiden", erklärt Gunz.