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Steinkreise:"Die Bauten sind Abbild des Weltverständnisses"

Als sich vor etwa 6000 Jahren die Ackerbauern und Viehzüchter vom Kontinent aus nach Norden in Richtung England oder Skandinavien ausbreiten, nahmen sie offenbar nicht nur ihre Tiere und Säcke voller Emmer und Einkorn mit. Sie gaben auch ihre Ideen an die Einheimischen weiter. In manchen Regionen stieg die Bevölkerungsdichte, da es das neue Wirtschaftsmodell erlaubte, mehr Menschen auf kleinerer Fläche zu ernähren. Die Errichtung von Megalithgräbern, Mini-Denkmälern für größere Clans sozusagen, war eine Reaktion auf die neuen sozialen Herausforderungen. "Verwandtschaft wird im Neolithikum wichtig, weil man etwas zu vererben hat, nämlich Land und Tiere", sagt Andreas Zimmermann.

Doch erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung, vor rund 5200 Jahren, tauchten die ersten Monumentalbauten in England auf, sagt Alasdair Whittle von der Universität Cardiff. Noch immer rätseln die Forscher, was die Ursachen für die monumentale Architektur sein könnten, die enorme Anstrengungen verlangte. Allein für Stonehenge waren einige Millionen Arbeitsstunden notwendig.

Das muss man sich leisten können. "Es ist ein ganzes Bündel von Voraussetzungen und Auslösern, das regional zu ganz individuellen Ergebnissen führt", sagt Andreas Zimmermann. Es müsste so viel Überschuss erwirtschaftet worden sein, um die Arbeiter beim Bau versorgen zu können. Die Gesellschaft muss hierarchisch strukturiert gewesen sein. Und die Akteure müssen starke Motive gehabt haben, um so ranzuklotzen, sagt Zimmermann. "Die Bauten sind Abbild des Weltverständnisses, die Menschen wollen die Welt begreifen und erklären, da spielt auch die Astronomie eine Rolle." Das war für Wildbeuter wie Bauern wichtig, weil man wissen musste, in welcher Jahreszeit man sich befand. Bei manchen war eben der sozioökonomische Aspekt wichtiger, bei anderen der Wunsch, die Weltordnung zu verstehen.

Bauwerke als sozialer Kitt

In jedem Fall war das Bauen bereits in neolithischen Gesellschaften ein symbolischer Akt, der eine gewisse Identität stiftete. Die gemeinsame Arbeit war dabei genauso wichtig wie das Endprodukt. "Der Akt des Bauens könnte entscheidend gewesen sein", schreibt der Archäologe Mark Edmonds von der Universität York im Fachmagazin Science, "brachte er doch die Leute zusammen, sie teilten und arbeiteten gemeinsam." Dies war auch deshalb so wichtig, weil die Migration die gesellschaftliche Ordnung durcheinander brachte. Die Bauten gaben Halt und Identität.

Stonehenge war sicher die spektakulärste Anlage dieser Art in Europa. Doch auch in Deutschland finden sich ungewöhnliche Bauten wie das Königsgrab von Lüdelsen, eine gewaltige, 35 Meter lange Anlage aus 60 gigantischen Steinen. "Die frühen Bauern erschließen sich mit Hilfe der Bauten und Rituale die neue Heimat", sagt Johannes Müller. "Sie strukturieren so die unbekannte Landschaft neu." Menschen orientierten sich an den Landmarken, sagt Müller. Die Bauten lagen oft an überregionalen Wegesystemen.

Gewaltige Veränderungen geschahen also vor mehr als 5000 Jahren. Die Gesellschaft erfand sich neu, verschiedene regionale Gruppen standen plötzlich in Konkurrenz zueinander. "Es gab eine Art Wettbewerb untereinander, um die Bauwerke zu errichten", sagt Müller. Die Konkurrenzsituation führte zu Höchstleistungen. "Das Entstehen dieser Anlagen ist mit einem Innovationspaket verbunden."

Vor 5600 Jahren wurde der Hakenpflug in der Landwirtschaft eingeführt, es gab weitere spektakuläre technische Neuerungen wie Rad und Wagen. "Wir sehen auch vor 5600 Jahren erste Spuren von Hochseeschifffahrt und ausgedehnten Handelsbeziehungen", sagt Johannes Müller. Im norddeutschen Raum tauchte Feuerstein von der Insel Helgoland auf, Kupfer wurde aus südlichen Regionen importiert. Rad und Wagen kamen vor rund 5400 Jahren hinzu. "Diese technologischen Veränderungen erfassen die gesamte Gesellschaft", sagt Müller.

Ob die gewaltigen Anlagen eine Art Motor für Neuerungen waren, oder die Innovationen umgekehrt zu den großen Anlagen führten, lässt sich nicht sicher klären. Jedenfalls tauchten eine Reihe neuer Werkzeuge und Ideen auf. "Die Monumente sind eigentlich die Überreste einer großen Revolution", sagt Müller. Wer also künftig einmal auf Stonehenge schaut, sieht nicht nur eine Ikone der Menschheitsgeschichte, ein astronomisches Meisterwerk und einen magischen Ort, sondern auch ein Abbild einer völlig neuen Gesellschaft, die Hierarchie und Besitz entdeckt hatte. Bei den Opferhandlungen am Fluss Avon versicherte sich die Gesellschaft ihrer selbst.