StammzellforschungSturm im Reagenzglas

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Deutsche Forscher feiern bereits einen Durchbruch in der Stammzellforschung - zu früh.

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Wer außerordentliche Behauptungen aufstellt, sollte auch Beweise liefern. Doch auf dem Feld der Stammzellforschung gilt dies wohl nicht mehr. Am Freitag verkündeten die Universität Lübeck und das Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik in Berlin, dass ein neuer Stammzell-Typ in Bauchspeicheldrüsen von Erwachsenen gefunden worden sei. Durch diesen "bahnbrechenden Erfolg" erlange "Deutschland eine Schlüsselposition in der adulten Stammzellforschung".

Anlass für die Euphorie ist ein Bericht, den eine Lübecker Forschergruppe um Charli Kruse in der Zeitschrift Applied Physics veröffentlicht hat. Danach lassen sich die Stammzellen, die aus Bauchspeicheldrüsen von Ratten und drei Menschen gewonnen wurden, im Labor vermehren. Die Forscher konnten daraus angeblich sogar Nerven- und Knorpelzellen oder Drüsengewebe entwickeln. Damit wären diese Stammzellen fast so vielseitig wie jene umstrittenen Stammzellen, die aus Embryonen gewonnen werden.

Die Politik war begeistert: Ministerien aus Schleswig-Holstein und dem Saarland nutzten die Experimente sogleich zur Werbung für ihre Länder. Und die Vize-Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion Maria Böhmer bejubelte einen "großen Durchbruch". Auch adulte Stammzellen seien Alleskönner.

Kritischer Blick auf die Freudenbotschaft

Stammzellexperten blicken dagegen kritisch auf die Freudensbotschaften aus Berlin. "Es lohnt sich sicher, die Ergebnisse weiterzuverfolgen", sagt Jürgen Hescheler von der Universität Köln. "Aber solange die Versuche nicht bestätigt werden, bleibe ich skeptisch." Für seine Zurückhaltung hat Hescheler gute Gründe: Gerade erst hat er gezeigt, dass euphorische Meldungen zur Herzinfarkt-Therapie mit Stammzellen Kontrollen nicht standhalten.

Die Koordinatorin eines Stammzell-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Anna Wobus, bemängelt zudem, dass die angeblichen Fähigkeiten der Zellen längst nicht bewiesen seien: Noch fehlten Tests, ob sich die Zellen überhaupt ausreichend lange und stabil vermehren ließen und ob sie wirklich funktionstüchtig seien, so Wobus. "Das alles muss noch gemacht werden, bevor man - wenn überhaupt - von einem Durchbruch sprechen könnte."

Wissenschaftliche Sorgfalt stand aber auch nicht im Vordergrund der Berliner Verkündigung. Charli Kruse räumte im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung ein, dass er eineinhalb Jahre über seine Forschung geschwiegen habe, um sich zunächst das Patent zu sichern. Dieses sei ihm am 1.April erteilt worden. Am 2.April habe er dann seinen Fachartikel an eine Zeitschrift geschickt - aus Sorge vor der Konkurrenz allerdings nicht an eine hochklassige Medizinzeitschrift, bei der Experten die Manuskripte begutachten.

Stattdessen wählte er ein Internet-Journal, das für Schnelligkeit bekannt ist. Binnen 24 Stunden habe man sich dort für die Veröffentlichung entschieden. "Eine nennenswerte Begutachtung ist in dieser Zeit nicht möglich", sagt Hescheler. Die wird nun folgen müssen.

© SZ vom 29.5.2004 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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