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Medizin:Wissenschaftler warnen vor Geschäftemacherei mit Stammzelltherapien

Stammzell-Entwicklung von allein

Therapien mit Stammzellen gelten als große Hoffnung der Medizin - aber auch finanziell versprechen sich einige kommerzielle Kliniken viel davon.

(Foto: MPI für molekulare Biomedizin/dpa)

Die Zulassung werde teils immer laxer, sagen Europas Wissenschafts- und Medizinakademien. Sie fordern, Patienten vor falschen und riskanten Zusagen zu schützen.

Von Christina Berndt

Seit Jahren schon gelten Stammzellen als die Hoffnungsträger in der Medizin schlechthin. In Zukunft könnten sie helfen, zerstörtes Gewebe etwa bei Patienten mit Herzinfarkt, Alzheimer oder Parkinson zu ersetzen. Doch die Forschung entwickelt sich oft langsamer als die Versprechen: Während in Labors weiterhin an möglichen Zelltherapien geforscht wird, bieten bereits zahlreiche kommerzielle Kliniken und Praxen rund um den Globus Stammzelltherapien an. Dabei erleichtert manche nationale Zulassungsbehörde einzelnen Anwendungen - auf öffentlichen oder ökonomischen Druck hin - über die Maßen schnell den Zugang zum Medizinmarkt. Darüber drücken die Europäische Akademie der Wissenschaften (EASAC) und die Europäische Akademie der Medizin (FEAM) nun ihre Sorge aus. Der gemeinsame Bericht über Herausforderungen und Chancen der regenerativen Medizin, der am Dienstag veröffentlicht werden soll, liegt der SZ vor.

Manche Behörden stellen immer geringere Anforderungen - der Druck ist zu groß

Die Akademien fordern die Gesetzgeber in der EU dazu auf, Patienten vor falschen und riskanten Zusagen zu schützen. "Stammzell- und genbasierte Therapien beinhalten große medizinische Versprechen", heißt es in dem Bericht, der an diesem Dienstag veröffentlicht wird und der SZ bereits vorab vorlag. Es gehe nicht an, dass immer geringere Anforderungen an die wissenschaftliche Beweislage zum Nutzen dieser Therapien gestellt werden, bevor diese Anwendung an Patienten finden. "Wir sehen ein wachsendes Problem darin, dass kommerzielle Kliniken unregulierte Produkte und Dienstleistungen anbieten", sagt Volker ter Meulen, einer der Vorsitzenden der gemeinsamen Arbeitsgruppe von EASAC und FEAM. Zu großer Enthusiasmus angesichts des gewiss großen Potenzials der möglichen Anwendungen der regenerativen Medizin habe zu einer Lücke zwischen den Erwartungen und den Realitäten geführt, die Translation der Technologien vom Labor in die klinische Praxis erfolge nicht mit Augenmaß.

Den Akademien zufolge sind die Behörden mancher Länder angesichts des starken Wettbewerbs auf dem globalen Gesundheitsmarkt zuletzt immer toleranter geworden. "Analysten erwarten, dass der Markt für regenerative Medizin in den nächsten Jahren schnell wachsen wird. Es ist nur natürlich, dass dies Hoffnungen auslöst - sowohl bei verzweifelten Patienten als auch bei der Biotech-Industrie", sagt Giulio Cossu von der University of Manchester. Im Ergebnis werden Behörden unter Druck gesetzt, die Zulassungsprozesse für stammzell- und genbasierte Therapien zu beschleunigen. "Aber dieser Trend setzt Patienten einem Risiko aus."

Nach Ansicht der Experten sind verschiedene Stammzelltherapien jetzt zum Greifen nahe. Die Wissenschaft stehe derzeit an der Schwelle, Krankheiten mit solchen Ansätzen heilen zu können, heißt es in dem Bericht. Aber zugleich sei bei vielen Krankheiten eben noch mehr Forschung nötig, vor allem bei den komplexen polygenetischen Leiden, denen mehr als ein einzelner Gendefekt zugrunde liegt, und den im Laufe des Lebens erworbenen degenerativen Krankheiten. Wenn nun die wesentlichen wissenschaftlichen Fragen vor der Zulassung nicht mehr beantwortet werden, hätte dies zur Folge, dass Investitionen verschwendet würden, Forschungsanstrengungen ungenutzt blieben und Hoffnungen auf Heilung enttäuscht würden.

"Wenn Länder nun in ihrem Eifer, nationale ökonomische Interessen zu stützen, ihre Zulassungsstandards herabsetzen, ist es umso wichtiger für die EU als Global Player, die Prinzipien hochzuhalten", sagt FEAM-Präsident George Griffin. "Auch wir wünschen uns, dass Therapien in möglichst kurzer Zeit verfügbar sind. Aber dies sollte solide, transparent und evidenzbasiert geschehen." Die EU und die nationalen Behörden sollten sich hüten, das öffentliche Vertrauen in die Wissenschaft zu unterlaufen.

© SZ vom 02.06.2020
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