bedeckt München 21°

Ständige Impfkommission:Experten mit den falschen Freunden

Dann aber dürfte ihr stellvertretender Vorsitzender Ulrich Heininger vom Universitäts-Kinderspital beider Basel eigentlich keiner Stiko-Sitzung mehr beiwohnen: Er hat bereits von allen großen Impfstoffherstellern Honorare erhalten.

"Solche Kontakte bedeuten nicht zwangsläufig, dass die Beurteilung einzelner Impfstoffe voreingenommen oder industriegesteuert ist", betont Pharmakritiker Becker-Brüser. Viele Impfungen seien segensreich. "Honorare bewirken aber eine positive Grundhaltung."

Das Gesundheitsministerium sieht zumindest offiziell kein Konfliktpotenzial: Die bestehenden Regelungen seien "geeignet, die erforderliche Verfahrenstransparenz bei der Stiko zu gewährleisten", heißt es in der Antwort auf die Kleine Anfrage der Grünen.

"Die Wettbewerbsneutralität der Stiko-Empfehlungen" ergäbe sich zudem daraus, dass "die Stiko keine Impfstoffe empfiehlt, sondern die Durchführung von Schutzimpfungen." Dass manche Impfstoffe nur von wenigen Herstellern angeboten werden, ist offenbar nicht aufgefallen.

So teuer wie noch nie

Umso auffälliger ist, dass die Stiko den Impfkalender in jüngerer Zeit erheblich gefüllt hat. 2004 fiel die umstrittene Entscheidung für die Windpocken-Impfung aller Kleinkinder, seit 2006 stehen für die Jüngsten Spritzen gegen Pneumokokken und Meningokokken auf dem Programm. Und 2007 kam die Impfung für 12- bis 17-jährige Mädchen gegen Papillomviren (HPV) hinzu, welche mitunter Gebärmutterhalskrebs auslösen.

Spätestens seit dieser Entscheidung ist klar: "Die Stiko trägt nicht nur enorme Verantwortung für die öffentliche Gesundheit, ihre Empfehlungen verursachen auch beträchtliche Kosten", so Becker-Brüser. Als die Stiko die HPV-Impfung empfahl, war nur ein Impfstoff gegen die Viren zugelassen. Eine profitable Situation für den Hersteller Sanofi, der seither 477,18 Euro pro Impfling von den Kassen verlangt.

So teuer war noch kein Impfstoff - das Maximum lag bisher bei rund 50 Euro. Gleichwohl kassiert der Hersteller des inzwischen zugelassenen zweiten HPV-Impfstoffs, Glaxo, auf den Cent genau den gleichen Preis wie sein Konkurrent Sanofi. Damit droht die Impfung gegen HPV zum Kostendebakel für die Krankenkassen zu werden. Mindestens zwei Spieler im Gesundheitswesen gibt es also, die sich über den gewachsenen Einfluss der Stiko freuen. Auch wenn der Ruf der Kommission darunter noch mehr leidet.

© SZ vom 26.01.2008/mcs
Zur SZ-Startseite