Ständige Impfkommission:Experten mit den falschen Freunden

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"Es muss etwas passieren"

Mit der G-BA "sehr unzufrieden" äußert sich Müller, es fehle an Transparenz. "Wir haben erhebliche Bedenken, was die Unabhängigkeit der Stiko betrifft", sagt Müller. Noch dazu halte die Kommission geheim, auf der Grundlage welcher Daten und Methoden sie entscheidet.

"Die Stiko verfolgt das veraltete Konzept der Expertenrunde: Die Tür wird zugemacht, ein bisschen so wie beim Papst-Konklave", moniert Müller. "Dieser Zustand ist unhaltbar. Es muss etwas passieren."

Angesichts des zunehmenden Einflusses der Stiko hat die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen eine Kleine Anfrage zum Thema an die Bundesregierung gerichtet. "Jahrelang hat niemand auf die Stiko geguckt. Da hat immer ein Klüngel gesessen, der ohne jede Transparenz und ohne Verfahrensregeln entschieden hat", sagt Birgitt Bender, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion.

Neuerdings betrachten auch zuständige Beamte im Bundesgesundheitsministerium die Impf-Kommission mit mulmigem Gefühl. Sie sorgten dafür, dass das Gremium kritischen Zuwachs bekommen hat. Mit Gerd Antes vom Freiburger Cochrane-Zentrum hat die Stiko nun ein Mitglied, das sich mit der Bewertung von Pharmastudien auskennt. G-BA-Mann Müller setzt denn auch "auf den Lern- und Entwicklungsprozess, der gerade in der Stiko im Gange ist".

"Honorare bewirken eine positive Grundhaltung"

Allerdings finden sich auch in der neu besetzten Kommission zahlreiche Mitglieder, die enge Beziehungen zur Industrie pflegen. So hat Frank Falkner von Sonnenburg (Universität München) den Vorsitz im Fachbeirat "Forum Impfen" inne, das von zwei Impfstoffherstellern finanziert wird. Dabei sind hier neben Friedrich Hofmann auch Wolfgang Jilg (Universität Regensburg), Christel Hülße (Rostock) und Ursel Lindlbauer-Eisenach (München).

Auf der von Glaxo Smith Kline finanzierten Webseite "Gesundes Kind" drückt der Pharmariese dem Mainzer Professor Fred Zepp seinen Dank aus. Bei der "Arbeitsgemeinschaft Meningokokken", die von drei Impfstoffherstellern gesponsert wird, ist Jan Leidel (Gesundheitsamt Köln) aus der Stiko dabei, und in der "Arbeitsgemeinschaft Masern und Varizellen" arbeiten Rüdiger von Kries (Universität München) und Klaus Wahle (Universität Münster) mit Geld von Glaxo und Sanofi.

Die Mehrheit der Stiko-Mitglieder arbeitet demnach mit der Impfstoffindustrie zusammen. Da erstaunt es wenig, dass die Kommission selbst kein Konfliktpotenzial erkennt. Der Geschäftsordnung der Stiko zufolge dürften Mitglieder, bei denen "Misstrauen gegen eine unparteiische Amtsausübung" gerechtfertigt scheint, nicht an den entsprechenden Beratungen teilnehmen, erklärt die Stiko auf Anfrage.

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