Stadtentwicklung:Gran Canaria im Ruhrpott

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Von Menschen provozierte Schadstoffeinträge haben in den darauffolgenden Jahrzehnten auch andere Ströme in Mitleidenschaft gezogen. Im Nachkriegsdeutschland wurden zunehmend Umweltgifte von der Industrie eingeleitet, Schwermetalle aus Stahlwerken etwa oder krebserregendes Chlor aus Papierfabriken. Dazu ereigneten sich Havarien, die die Öffentlichkeit schockierten: Insektizide aus unbekannter Quelle schwappten im Juni 1969 in den Main und töteten Millionen Fische, bis hin zu den oberen Rhein-Kilometern an der niederländischen Grenze.

Pestizide fluteten am 1. November 1986 den Rhein, in einem Umfang von 30 Tonnen. Der Grund: Mitarbeiter der Schweizer Pharma-Firma Sandoz hatten einen Großbrand in einer Lagerhalle verhindern wollen. Das Löschwasser, mit den giftigen Chemikalien versetzt, gelangte in den Fluss. Zwischen Basel und Koblenz krepierten sämt­liche Fische - eine der größten Naturkatastrophen der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die Negativschlagzeilen führten zu einer Sensibi­lisierung, die den Weg für ein großes Reinemachen ebnete. An der Ruhr kann man erleben, wie man die Wasserqualität eines Flusses so wiederherstellt, dass dort wieder Leute schwimmen können, ganz legal und ohne Gesundheitsbedenken.

In Essen, am Ufer des Baldeneysees, Anfang der 30er Jahre durch das Aufstauen der Ruhr entstanden, ist im Mai 2017, an einem 23-Grad-Tag, die Badestelle "Seaside Beach" eröffnet worden. Es gibt hellen, aufgeschütteten Sand und eine Bucht, auf deren Oberfläche die Sonnenstrahlen glitzern. Ein Hauch von Gran Canaria im südlichen Ruhrpott.

Die Essener Hobby-Schwimmer tummeln sich in einem Wasser, das die Hygienestandards der EU für Badegewässer erfüllt. Grünes Licht hat ihnen eine Frau im dritten Stock eines grauen Büroturms in der Essener Innenstadt gegeben. Dort sitzt Anna-Marina Lorsch, Expertin für Umwelthygiene beim Gesundheitsamt, und analysiert die Niederschlagswerte, die eine Messstationen erhebt. Haben die die Geräte in den vergangenen 48 Stunden weniger als fünf Millimeter Regen pro Tag registriert, können Ausflügler ihre Bermudashorts und Bikinis auspacken.

Sobald in nur einer der Messstationen der Wert darüber liegt, wird dagegen am Baldeneysee die rote Fahne gehisst. Dann gibt es keine Garantie mehr, dass die Klärwerke und die angeschlossenen Speicherbecken die angespülten Wassermassen aufnehmen können. Überläufe könnten in diesem Mischwassersystem, wie an der Spree, in die Ruhr und ihre Seitenarme dringen - und mit ihnen Enterokokken und E.Coli-Bakterien, potenziell krankmachende Keime aus dem Klo.

Die Ruhr war ein geschundener Fluss

An 47 von 111 Tagen hat das Essener Gesundheitsamt den "Seaside Beach" im vergangenen Sommer freigegeben. Das Frühwarnsystem haben Ingenieure, Biologen und Kommunikationswissenschaftler des Gemeinschaftsprojektes "Sichere Ruhr" konzipiert. Der Badestrand sei "ein Vorbild für andere Kommunen, die ihren Bürgern mit überschaubaren Kosten den Traum von einem Flussbad erfüllen wollen", erläutert Wolf Merkel, der Technische Geschäftsführer des Ruhrverbands, der an dem Projekt beteiligt war.

Das potenzielle Einsatzgebiet für das Frühwarn­system sind Flüsse, deren Wasser keine kostspieligen Filtersysteme erfordert, weil es ohnehin oft genug sauber ist. In Mülheim an der Ruhr erwägen Stadtplaner bereits ein ebensolches System, gemeinsam mit Experten des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wasserforschung (IWW), zu installieren. Der Traum: ein Flussbad unter dem stählernen Gerüst der Mintarder Ruhrtalbrücke, über die die A52 führt.

Dass ausgerechnet die Ruhr, die Wasserader in der einstigen Herzkammer der deutschen Kohle- und Schwerindustrie, wieder gesundet, ist eine fast unglaubliche Genesungsgeschichte. In den 60er und 70er Jahren war sie noch Schauplatz einer Öko-Dystopie: Schwermetalle aus Fabriken vergifteten die Flusshabitate. Zudem wucherten Algen, weil sauerstoffzehrender Dünger übers Uferfiltrat ins Gewässer rann, ein Kollateralschaden der Landwirtschaft. ­Schaumberge türmten sich auf der Wasseroberfläche - die Nebenwirkung von Tensiden aus Waschmitteln.

1972 startete der Ruhrverband eine Offensive, um das Gewässer zu retten. Der 260 Millionen Mark teure Reinigungsplan: 26 biologische Kläranlagen, die Lücken im Abwassersystem schlossen, errichtet in Städten von Hattingen bis Bottrop. Sie bestanden aus Schlammbecken, in denen Mikroorganismen aus dem Abwasser gelöste Umweltgifte mittels Stoffwechselprozessen in Biomasse verwandeln. Es war die ­Renaissance eines Verfahrens, das einst in der Region geprägt wurde: 1912 ließ Karl Imhoff, Essener Bauingenieur und Vorreiter in der Abwassertechnologie, in Essen-Rellinghausen die europaweit erste Anlage ­dieser Art bauen.

Später wurden in der Nachbarschaft der Kläran­lagen sogenannte Schönungsteiche ausgehoben. In diesen Feuchtbiotopen werden die Konzentrationen von toxischen Stoffen verdünnt, die trotz der Klärung immer noch im Wasser zirkulieren. In den 90erJahren etablierten Fachleute zudem eine Klärungsstufe, die Phosphate tilgt - indem sie mit Eisen vermengt werden, das dann als Fällmittel fungiert. Deutschlandweit entwickelten sich in der Folge immer bessere Klärverfahren. Die Technologien seien immer weiter verfeinert worden, sagt Andreas Nahrstedt, Ingenieur beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasserforschung.

Selbst physikalische Hightech-Verfahren kämen mittlerweile zum Einsatz, zum Beispiel die ­Eliminierung von Keimen mittels UV-Strahlen. Sie spalten deren Moleküle. Ein weiterer Gesundungsfaktor für die deutschen Flüsse ist der regionale Strukturwandel: Viele Fabriken, von Kohle- bis Stahlindustrie, meldeten Schicht im Schacht, vor allem im Ruhrgebiet. Potenzielle Schmutzquellen versiegten.

Der Kampf gegen Düngereintrag

Trotz dieser positiven Trends sind viele deutsche ­Gewässer aber noch lange keine lieblichen Natur-­Resorts. 82 Prozent der deutschen Flüsse und Seen verstoßen noch immer gegen die EU-Wasserrahmenrichtlinie, die Grenzwerte für insgesamt 45 Schadstoffe vorschreibt. Überdosiert ist vor allem eine Substanz, die übers Grundwasser eindringt: Nitrat, das aus der Gülle von den Äckern der Agrarindustrie stammt - beispielsweise Maisfeldern, die die Ver­gärungsmasse für Biogasanlagen liefern. Besonders nitratverseucht sind die Gewässer in jenen Land­strichen, in denen die Konzerne großflächige Monokulturen bewirtschaften - im Münsterland etwa, wo mit der Werse Deutschlands nitrathaltigster Fluss fließt, oder in Niedersachsen, wo reichlich Dünger in Ems, Elbe und Weser rinnt.

An der Spree, wo ebenfalls Nitrate einsickern, wenn auch in kleineren Mengen, warten die Flussbadvisionäre auf die ersten Laborergebnisse. Von der Qualität der getesteten Filtersysteme wird ab­hängen, ob sie auch künftig von Bund und Land ­finanziert werden. Immerhin: Der rot-rot-grüne ­Berliner Senat hat das Flussbad in den Koalitions­vereinbarungen verankert. Ein gutes Omen, dass auch weiterhin Geld fließt, wenn 2019 die Laufzeit der aktuellen Förderungsphase endet. Wie spendabel der Bund ist, muss sich zeigen.

Wie die Abendgestaltung in Berlin einmal aus­sehen könnte, wenn das Flussbadprojekt erfolgreich ist, kann man jetzt schon in einer Schweizer Stadt ­beobachten: In Basel springen die Menschen nach der ­Arbeit in die stramme Strömung des Rheins - nur wenige Kilometer entfernt vom Unfallort der Katastrophe von Sandoz, deren Folgen 1986 den Rhein malträtierten. So sehr hat sich der Fluss mittlerweile erholt, dass das Baden an den Ufern der Stadt freigegeben ist. Hier wurde bereits verwirklicht, wonach sich die Berliner sehnen: den Fluss zur Schlagader ­eines ­urban-mediterranen Lebensstils zu machen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise geschrieben, dass Fäkalkeime wie "Ehec-Viren" aus den Toiletten Berlins in die Spree gespült würden. Enterohämorrhagische Escherichia coli (kurz Ehec) sind natürlich Bakterienstämme.

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