Sprachwissenschaften:Das Ich, das durch die Zeit wandert

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SZ: Welche Rolle spielen die Verhaltensforscher?

Sprachwissenschaften: Hans-Jörg Schmid ist Professor für Moderne Englische Sprachwissenschaft.

Hans-Jörg Schmid ist Professor für Moderne Englische Sprachwissenschaft.

(Foto: Foto: oh)

Schmid: Sie schauen beispielsweise auf die Gestik: Eine Frau spricht über eine Beziehung zu einem Mann. Sie sagt, es sei immer so ein Auf und Ab gewesen, es sei von ganz steil oben an und dann nach einer Abflachung immer etwas hoch und runter gegangen.

Und dazu macht die Sprecherin eine kreative Kurvenbewegung mit der Hand, während die Metapher - eine Beziehung als Weg, der Höhen und Tiefen hat - ja sehr konventionell ist.

Die Gestik zeigt also, dass eine Standard-Metapher trotzdem im Bewusstsein sehr konkret wird, wenn man intensiv über ein Thema spricht - sonst wäre die Handbewegung nicht so bedacht und individuell, also eine metaphorische Gestik, die weit über das Standardrepertoire hinausgeht.

SZ: Eine solche Metapher beschreibt einen zeitlichen Ablauf mit räumlichen Begriffen. Das ist wohl eine der ältesten "übertragenen" Bedeutungen?

Schmid: Ja, das scheint in der Entwicklung des Menschen eine lange Geschichte zu haben. Auch in der kindlichen Entwicklung kommen solche Konzepte früh zur Anwendung. In neurologischen Tests kann man zeigen, dass Hirnareale, die mit räumlicher Wahrnehmung zu tun haben, aktiv sind, wenn konventionelle Zeit-Metaphern verwendet werden, wie "Wir nähern uns Ostern".

Interessant ist, dass räumliche Zeit-Metaphern auf zwei verschiedene Arten konzeptualisiert werden: Die eine Vorstellung ist das Ich, das durch die Zeit wandert; die andere ist die, dass es die Zeit ist, die sich bewegt, während das Ich stehenbleibt.

Nicht bloß ein Etikett

SZ: Nach der klassischen Lehre von der "Übertragung", also von der Metapher als Ersatz des "eigentlichen" durch ein "uneigentliches" Wort, hat es ja in der Moderne Kritik an solchen Definitionen gegeben - auch um zu betonen, dass die Metapher nicht bloß ein anderes Etikett einer klar definierten Sache ist, sondern einen eigenen Erkenntnisgewinn darstellt. Wird das durch die Sprachwissenschaft heute bestätigt?

Schmid: Durchaus. Die Vertreter einer solchen Position untersuchen natürlich in ihren Studien eher besondere, starke Metaphern, und nicht die erstarrten, die "toten".

Aber man kann auch zeigen, dass die "toten" Metaphern in einem intensiven Gespräch wiederbelebt werden können und dann wirklich einen über eine reine Vokabel hinausgehenden, zusätzlichen inhaltlichen Wert haben. Das gilt erst recht für Metaphern mit einem gewissen Grad von "Neuigkeit".

SZ: Eine Metapher ist also mehr als der Ersatz eines Wortes durch ein anderes?

Schmid: Nehmen Sie den Satz "Dieser Chirurg ist ein Metzger." Die Aussagekraft des Bildes ist nur damit zu erklären, dass man zusätzliche Wissensbestände in die Wörter hineinprojiziert. Der Metzger arbeitet ja durchaus auch akkurat und versteht sein Handwerk; die Unterstellung, dass der Metzger unfähig sei, ergibt sich nur aus der Kombination der beiden Bereiche "Chirurg" und "Metzger".

Dies ist jedenfalls keine einfache "Übertragung" dessen, was der Metzger tut, auf das, was der Chirurg tut. Man betrachte die Umkehrung: "Dieser Metzger ist ein Chirurg." Da ist dann der Metzger gar nicht mehr negativ konnotiert, obwohl der Chirurg ja auch ein durchaus blutiges Handwerk hat.

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