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Sprachtherapie:Wenn die Worte nicht raus wollen

Der König lernt, seine Sprache zu bändigen: Colin Firth (links) als Georg VI. mit Sprachlehrer Lionel Logue (gespielt von Geoffrey Rush) in "The King's Speech".

(Foto: Constantin Film)

Etwa 800 000 Menschen in Deutschland stottern. Viele Angebote zur Behandlung sind unseriös und der Therapieerfolg bleibt unklar. Eine neue Leitlinie zeigt, was helfen kann - und welche Methoden wenig taugen oder nicht untersucht sind.

Von Felix Hütten

Der Stress ist das Problem, zum Beispiel, wenn Gina Ramisch an der Uni Referate halten soll. Dann kommt dieser Moment, den sie ein bisschen fürchtet. Der Moment, wenn ein Wort im Hals stecken bleibt wie ein Pfefferkorn. Es muss da raus, aber es kratzt und will nicht. Und doch: "Ich komme meist ohne Probleme mit meinem Stottern zurecht", sagt die 28-jährige Studentin. Für sie gehört Stottern zum Alltag, Stress manchmal auch. Ramisch hat im Alter von vier Jahren zu stottern begonnen - typisch für das originäre Stottern, das nicht durch ein Trauma oder einen Schlaganfall ausgelöst wird, sondern meist im Kindesalter ohne plötzliches Ereignis beginnt.

Etwa 800 000 Menschen in Deutschland stottern, genauere Zahlen gibt es nicht. Noch immer ist Stottern ein Rätsel für die Wissenschaft, niemand weiß, wie genau das Pfefferkorn da reinkommt in den Hals, wieso Wörter bei Stotterern nicht rauswollen. Lange Zeit haben Mediziner eine psychische Störung vermutet, gespeist durch die Beobachtung, dass es - manchmal - eben doch geht. Auch die Münchner Studentin Gina Ramisch spricht an manchen Tagen flüssiger, vor allem, wenn sie sich unter ihren Mitmenschen wohlfühlt.

Einfache Erklärungen, tolle Videos - aber die Wirkung etlicher Methoden ist nicht belegt

Eine aktuelle Leitlinie soll Ärzten und Stotternden nun seriöse Informationen über den Stand der Wissenschaft liefern. Dazu haben die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) und weitere 16 Fachgesellschaften, darunter Neurologen, Pädiater und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, insgesamt 43 Studien zu Ursachen und Therapien des Stotterns analysiert und daraus Empfehlungen für Ärzte und Eltern gewonnen. Wichtigste Aussage der Leitlinie: Originäres Stottern ist keine psychische Störung, und Eltern brauchen sich meist keine Vorwürfe machen.

Genau das tun aber noch immer viele Eltern, wenn ihr Kind zu stottern beginnt. Viele verwechseln Stottern zudem mit einer geistigen Einschränkung oder sehen es als Folge schlechter Erziehung - als seien Betroffene nicht ganz auf der Höhe, als sei die Familie zerworfen, das Kind traumatisiert. Solche Vorurteile konnten sich auch deshalb so lange halten, weil die Wissenschaft bislang wenig Gegenargumente geliefert hat.

Noch immer haben Mediziner nicht genau verstanden, was im Gehirn eines Stotterers passiert. Tests lassen vermuten, dass bei Menschen mit Redeflussstörungen Nervenverbindungen in der linken Hirnhälfte schwächer ausgeprägt sind. Dieser Teil des Gehirns ist für die Planung des Sprechens zuständig. Forscher vermuten, dass Stottern zu 70 bis 80 Prozent vererbt ist - und wohl in hohem Maße mit Veränderungen der Hirnstruktur einhergeht.

Bei drei von vier Kindern verschwindet die Redeflussstörung jedoch wieder von allein. Dieses Phänomen wird als Remission bezeichnet. Aufgrund der hohen Zahl an Spontanheilungen raten Mediziner Eltern stotternder Kinder, nicht in Panik zu verfallen. Bleibt das Stottern bestehen, sind Betroffene dennoch nicht ihrem Schicksal ausgeliefert. Die Autoren der aktuellen Leitlinie betonen, dass eine seriöse Therapie gute Chancen auf Erfolg hat.

Für junge Patienten im Alter zwischen zwei und sechs Jahren bescheinigt die Leitlinie dem sogenannten Lidcombe-Verfahren gute Ergebnisse. Hier werden Kinder von einem Therapeuten oder Elternteil spielerisch an das Sprechen herangeführt. Mit gezieltem Lob und leichten Korrekturen ("Oh, hier haben die Wörter ein bisschen gehüpft") sollen die Patienten ihr Stottern nach und nach ablegen.

Bei Jugendlichen und Erwachsenen sind Therapien zur Verbesserung der Sprechflüssigkeit häufig erfolgreich. Die Patienten lernen Techniken, mit denen sie beispielsweise das Tempo des Sprechens anpassen oder gezielt einen weichen Stimmansatz am Wortanfang trainieren. Hierbei geht es weniger darum, die Redeflussstörung vollständig abzulegen, sondern mehr um eine Kontrolle des Stotterns und der damit verbundenen negativen Begleiterscheinungen. Viele Stotterer senken beispielsweise aus Scham den Blick, manche erröten oder ziehen Grimassen, wenn ein Wort partout nicht aus dem Mund kommen will.

Die Autoren schränken allerdings ein, dass es das eine, richtige Angebot für Stotterer nicht gibt. Was dem einen hilft, kann für jemand anderes nutzlos sein. Es gilt: Nur weil ein Verfahren wissenschaftlich nicht untersucht wurde, heißt es nicht unbedingt, dass es schlecht ist. Die Autoren der Leitlinie weisen allerdings darauf hin, dass Patienten Anspruch auf eine Behandlung haben, die dem Stand der Wissenschaft entspricht. Martin Sommer, Neurophysiologe von der Universität Göttingen und Mitherausgeber der Stotterleitlinie, rät Eltern und Patienten daher, Therapieangebote stets kritisch zu prüfen.

Einige Anbieter werben mit allzu einfachen Erklärungen und versprechen mit bestechenden Vorher-nachher-Videos und wenig Aufwand schnellen Erfolg. Hier sei Vorsicht geboten, sagt Sommer. So fehlten der Leitlinie zufolge beispielsweise für Hypnose, Homöopathie oder Bachblütentherapie jegliche Wirksamkeitsnachweise. Das Problem ist: Solche Angebote zeigen zwar in manchen Fällen tatsächlich kurzfristig Wirkung, doch ist unklar, ob dies an der Therapieform selbst liegt oder eine Spontanheilung unabhängig von der Behandlung eingetreten ist.

Ein Ziel der Therapie ist, sich von unangenehmen Gesprächen nicht einschüchtern zu lassen

Zudem müssten sich Patienten und Familienmitglieder selbst die Frage stellen, was Erfolg für sie überhaupt bedeutet. Denn viele Therapien konzentrieren sich neben Sprechtechniken insbesondere auf den Umgang mit dem Stottern. Die Redeflussstörung soll beherrschbar und damit letztlich die Lebensqualität gesteigert werden. Das hat im Alltag große praktische Bedeutung, schließlich vermeiden viele Betroffene aus Scham oder Angst das Sprechen, denn wer schweigt, verstummt zwar - aber er stottert nicht. Besonders Kinder eignen sich schnell Strategien an, um unangenehmen Situationen zu entkommen. Klingelt etwa im Elternhaus das Telefon, tun sie stark beschäftigt - in der Hoffnung, dass ein anderes Familienmitglied den Hörer abnimmt.

Auch die Münchner Studentin Gina Ramisch kennt solche Ausflüchte. Sie erwischt sich gelegentlich dabei, dass sie schweigt, etwa wenn sie zum Essen eingeladen ist und am Tisch fremde Menschen sitzen. Dazu kommt die Scham der anderen. Gesprächspartner, die noch nie mit einem stotterndem Menschen Kontakt hatten, seien manchmal verunsichert und wüssten nicht, wie sie sich angemessen verhalten sollen, erzählt Ramisch. Sie kann das nachvollziehen und hat gelernt, damit umzugehen.

Ein Lernziel in der Therapie für Stotterer ist es daher, sich von unangenehmen Gesprächen nicht einschüchtern zu lassen. Ein weiterer, wichtiger Therapieansatz richtet sich nicht an die Betroffenen, sondern an ihr Umfeld. So bieten Beratungsstellen Tipps und Angebote für Eltern, Geschwister und Freunde von Stotternden. Ein wichtiger Ratschlag: Zeit lassen. Auch Gina Ramisch trifft ab und an auf ungeduldige Gesprächspartner, die ihr das Gefühl geben, dass sie sich mit ihrer Antwort beeilen muss. Die 28-Jährige spricht mittlerweile auch mit Fremden offen über ihr Stottern. "Das hilft", sagt Ramisch, "dass sich alle Beteiligten ein bisschen entspannen."

© SZ vom 30.12.2016
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