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Sprachforschung:Zum Prahlen bekommen Tiere den Mund auf

Wenn aber schon ein Huhn verschiedene Alarmrufe zustande bringt, warum haben sie sich dann nicht bei allen Arten entwickelt? Die kurze Antwort lautet: Weil es sich in vielen Fällen nicht lohnt. Kennt ein Tier sowieso nur einen Weg, sich in Sicherheit zu bringen, reicht ihm auch ein allgemein gehaltener Gefahrenhinweis. "Für eine Maus ist es vermutlich egal, ob sie von einer Katze oder einem Fuchs gejagt wird. Sie wird immer versuchen, so schnell wie möglich in ihrem Loch zu verschwinden", schreibt die Leipziger Verhaltensforscherin Juliane Bräuer in ihrem Buch "Klüger als wir denken: Wozu Tiere fähig sind" (Springer Spektrum).

Weniger existenziell, aber durchaus nützlich ist es, wenn es einen speziellen Laut gibt, der auf Futter hinweist. Obwohl der Rufer riskiert, selbst weniger abzubekommen, ist das Verhalten im Tierreich erstaunlich weit verbreitet, etwa bei Hühnern, Raben und vielen Primaten. Dahinter steckt oft Prahlerei: Wer genügend Futter für zwei findet, kann ein so schlechter Partner nicht sein. Dementsprechend paart sich eine Henne am liebsten mit einem Hahn, der oft zum Essen ruft. Ähnliches gilt für Bonobos. Sie differenzieren in ihren Rufen sogar zwischen verschiedenen Qualitäten des gefundenen Futters. Aus Bonobo-Sicht schmecken Äpfel ganz okay, Kiwis hingegen bombastisch. Angesichts der Südfrüchte lassen die Affen ein Piepsen und Bellen hören, Äpfel kündigen sie durch Kläffen und Grunzen an.

Die von Zuberbühler und seinem Team getesteten Bonobos hörten aus den Rufen ihrer Artgenossen heraus, welches Futter sie erwarten konnten. Die Forscher hatten ihnen zuvor beigebracht, dass es Äpfel immer in der einen, Kiwis stets in einer anderen Ecke ihres Käfigs gab. Bekamen sie nun den Kiwi-Ruf eines Kumpels vorgespielt, liefen sie zuverlässig in die Kiwi-Ecke. Trotzdem hält es Zuberbühler für unwahrscheinlich, dass die Bonobos tatsächlich eine Art Wort für Kiwis kennen. "Bei Trauben, die ihnen ebenso gut schmecken, würden sie den gleichen Laut hören lassen", sagt der Schweizer Forscher. "Die Rufe stehen wohl für mehr oder weniger beliebtes Futter."

11 Töne

haben neugeborene Riesenotter in ihrem Repertoire. Sie bellen und schnarren, zischen und summen. Und bis zum Erwachsenenalter steigt die Anzahl der verschiedenen Laute sogar auf mindestens 22 an, so fanden Ulmer Biologinnen heraus. Zootiere plauderten dabei genauso vielfältig wie Artgenossen, die frei in zwei peruanischen Nationalparks lebten. Riesenotter gelten als sehr soziale Tiere.

Doch nicht immer ist das Publikum so aufmerksam. Auch Tiere hören einander manchmal nicht zu und bekommen nur die Hälfte mit. Erdmännchen zum Beispiel hängen ihren Rufen zwar eine individuelle Signatur an, die sie eindeutig identifiziert. Doch warum sie das tun, ist bislang ein Rätsel. Denn die Artgenossen achten gar nicht auf die Signatur, wie Playback-Studien eines Teams um Simon Townsend von der University of Warwick gezeigt haben. Wer hätte gedacht, dass sich Erdmännchen und Menschen so nah sein können: Beide müssen damit leben, dass die Hälfte von dem, was man mitteilen möchte, niemals beim anderen ankommt.

Auch in einem anderen Bereich ähnelt die tierische der menschlichen Kommunikation. Zwar hat nur der Homo sapiens eine ausgefeilte Grammatik entwickelt. Daher sagt etwa die Göttinger Verhaltensforscherin Julia Fischer, Tiere hätten keine Sprache in unserem Sinne. Dennoch lassen viele Primaten - wie die erwähnten Dianameerkatzen - immerhin zarte Ansätze von etwas hören, das der menschlichen Syntax ähnelt. Sie kombinieren ihre Rufe so, dass dabei neue Bedeutungen entstehen.

Wenn Campbell-Meerkatzen ihrer Warnung vor einem Adler oder Leoparden ein "Boom" voranstellen, schwächt dies die Warnung ab, wie sich aus der bedächtigen Reaktion der Artgenossen schließen lässt. Ähnliches gilt für das Anhängsel "-oo". Es entspricht dem menschlichen "-artig". Hängt das "-oo" am Ende des Leoparden-Warnrufs ("Krak-oo"), warnt der modifizierte Laut vor allen möglichen "leopardenartigen" Gefahren: vor abbrechenden Ästen ebenso wie vor einer Gruppe fremder Artgenossen.

Auch Weißnasenmeerkatzen haben es mit ihren Grammatikkünsten weit gebracht. Vor einem Adler warnen sie überwiegend mit "Hack", vor einem Leoparden hauptsächlich mit "Pyow". Kombiniert zu "Hack-Pyow"-Sequenzen bedeutet der Ruf hingegen: "Los Kumpel, auf geht's!"

Warum aber nutzen die Meerkatzen kombinierte Rufe nicht häufiger, wenn sie es doch offensichtlich grundsätzlich können? Liegt ihnen vielleicht einfach nichts an den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, die sich durch neue Laut-Kombinationen ergeben?

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