Die Chinesische Mauer kann ein Stück Heimat sein. Auch dann, wenn sie nur auf einem Foto zu sehen ist und der Betrachter weit weg in den USA lebt. Handelt es sich bei dem Betrachter um einen Chinesen, taucht dieser allein durch den Anblick der Mauer offenbar so tief in die Kultur seines Heimatlandes ein, dass seine Fremdsprachenkenntnisse darunter leiden.
Dies stellten Forscher um Shu Zhang von der Columbia Business School in New York fest, als sie dort lebenden Chinesen Bilder asiatischer und amerikanischer Kulturgüter zeigten ( PNAS, online).
Die Probanden konnten genügend Englisch, um sich im Alltag problemlos mit Amerikanern zu unterhalten. Nachdem sie aber Bilder der Chinesischen Mauer betrachtet hatten, redeten sie langsamer und weniger eloquent, als sie sich üblicherweise ausdrückten.
Bilder eines amerikanischen Kulturguts, dem Mount Rushmore National Memorial, riefen diese Veränderung nicht hervor. Dafür hatte die Chinesische Mauer keinen Einfluss auf die Sprachfertigkeiten amerikanischer Kontrollprobanden. Es lag also nicht an allein an den überwältigenden Ausmaßen der Mauer, die den Chinesen die Worte stocken ließ.
Vielmehr erklären die Forscher ihre Ergebnisse mit einer "kulturellen Prägung": Ein Bild aus der Heimat genügt, um die im Ausland lebenden Chinesen gedanklich aus ihrer amerikanischen Umgebung heraus und in die asiatische Heimat zurückzuholen.
Dies zeigte sich auch in der Neigung der Probanden, Pistazien zum Beispiel nach dem Anblick der Chinesischen Mauer nicht mit der amerikanischen Vokabel (pistachio) zu benennen, sondern mit einer wörtlichen Übersetzung aus ihrer Heimatsprache ("happy nuts").
