Süddeutsche Zeitung

Sprachbarriere Todesstreifen:Von Bruder zu Brouder

Nur die Saale und ein kleines Wäldchen trennen die beiden Dörfer Rudolphstein und Sparnberg voneinander. Doch früher lag hier der der Todesstreifen als Sprachbarriere - und das ist heute noch hörbar.

Oliver Rezec

Nur die Saale und ein kleines Wäldchen trennen die beiden Dörfer Rudolphstein und Sparnberg voneinander. An Tagen, an denen der Fluss wenig Wasser führt, kann man die zwanzig Meter sogar hinüberwaten oder von Stein zu Stein ans andere Ufer springen. Auch eine Holzbrücke führt über den Fluss - und damit über die Landesgrenze: Rudolphstein liegt im äußersten Norden Bayerns, Sparnberg gehört schon zu Thüringen. Wenn man die alten Leute hier reden hört, merkt man von einer Grenze nichts. Beiderseits der Saale sprechen sie dieselbe ungewöhnliche Mischung aus Ostfränkisch und Thüringisch. Bei ihnen heißt das Gras "Graos", der Schmied heißt "Schmäid" und der Bruder "Brouder".

Dialekte halten sich nicht an die Grenzen von Bundesländern. Wo Menschen ständig miteinander reden, gleichen sie auch ihre Redeweise einander an. Die Verbreitung ihrer Mundart endet dort, wo sie nicht mit Gesprächspartnern zusammenkommen. So können Gebirge natürliche Dialektgrenzen bilden. Durch Odenwald, Spessart und Rhön etwa verläuft die sogenannte "Appel-Apfel-Linie": Nordwestlich davon sagen die Menschen "Appel", südöstlich "Apfel". Eine andere markante Grenze ist der Lech. Der Fluss trennt das Schwäbische am Westufer vom Bairischen im Osten. Eine Sprachbarriere, das hat sich nun herausgestellt, war auch die innerdeutsche Grenze. Sie hat zum Beispiel Rudolphstein und Sparnberg gespalten.

Wenn in den Dörfern jene Generation spricht, die noch nicht im Rentenalter ist, dann kann man sie hören, die Grenze. Als erstes bemerkt man es bei jener Eigenheit, die Dialektwissenschaftler "Vokalzentrierung" nennen und alle anderen "Sächseln" (obwohl sie Dialektologen als typisch für das Thüringische gilt). Die jungen Rudolphsteiner haben diese Färbung abgelegt. Die jungen Sparnberger hingegen haben sie noch genauso wie die Alten. "Das merken Sie schon beim ersten Hinhören", sagt Michael Schnabel, Dialektforscher an der Uni Passau. Er hat Sprachaufnahmen ausgewertet, die Anfang der 90er-Jahre entlang des ehemaligen Todesstreifens gemacht worden waren. Zusammen mit einem Kollegen durchsucht Schnabel Tondokumente aus 21 Ortschaften diesseits und jenseits der ehemaligen Staatengrenze. Das Projekt trägt den Untertitel: "Neue Dialektgrenzen an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze nach vier Jahrzehnten politischer Spaltung?"

Bis in die 1940er-Jahre hinein waren Sparnberg und Rudolphstein eine Gemeinschaft. Man ging ins Wirtshaus auf der anderen Seite, die Familien verheirateten ihre Kinder "rüber und nüber". Die Generation, die schon sprach, als 1945 die alte Saalebrücke gesprengt wurde, bewahrte den Ortsdialekt auf beiden Seiten bis heute. Die Brücke wurde nach dem Ende des Krieges nicht wieder errichtet. Anfang der 1960er-Jahre wurde der Uferbereich auf der Sparnberger Seite zum Grenzstreifen ausgebaut. Entlang der Straße wurde der übermannshohe Metallzaun gespannt, dahinter der Zehnmeterstreifen gerodet. Hinter diesem wiederum stand eine Mauer.

Jene Dorfbewohner, die heute etwa zwischen 20 und 50 Jahre alt sind, lernten als Kleinkinder das Sprechen zu einer Zeit, als es keinen Kontakt mehr gab zum Partnerdorf. Die Rudolphsteiner Kinder und Jugendlichen hatten es fortan nur noch mit bayerischen Altersgenossen zu tun. Dass sie das typisch Thüringische am Dialekt ihrer Eltern nicht übernommen oder ganz schnell wieder abgelegt haben, erklärt Schnabel mit sozialem Druck: "Das Thüringische, das man gemeinhin ,Sächseln' nennt, galt als sprachliches Stereotyp für die DDR. Es war in der BRD der 60er- und 70er-Jahre nicht mit Prestige verbunden, und darum versuchten die jungen Leute auf der westdeutschen Seite, es zu vermeiden".

Bayerisches "R" in Sachsen

Das abgelegte Sächseln ist aber nur die ohrenfälligste Veränderung, welche die vierzig Jahre deutscher Teilung hinterlassen haben: Die Rudolphsteiner rollen das "R" jetzt vermehrt mit der Zungenspitze, so wie es eher in Bayern üblich ist. Die Sparnberger sind beim "hinteren R" geblieben, das mit dem Zäpfchen im Rachen gegurgelt wird. Dafür haben sie ihrerseits das aufgegeben, was das Fränkische zur Dialektmischung beigetragen hatte: das Verziehen der Vokale zu Doppellauten. Die jungen Sparnberger sprechen die Vokale immer häufiger so aus wie im Standarddeutschen: Kein "Graos" mehr und kein "Brouder", sondern "Gras" und "Bruder". Und ein Apfel ist für sie "ein Apfel" und nicht "ein Äpfel", wie es ihre Großeltern sagen oder die Gleichaltrigen von Gegenüber. So grausam die Teilung war - der Dialektforschung hat sie wertvolle Daten hinterlassen. Bislang war unklar gewesen, ob sich so tiefgreifende Veränderungen tatsächlich in so kurzer Zeit vollziehen können.

Dass die Sprachdaten erst jetzt ausgewertet werden - fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall - gibt eine Ahnung davon, welch langsame Wissenschaft die Dialektologie ist. Das Verfahren zur Datengewinnung ist aufwändig: Besucht ein Mundartforscher ein Dorf, muss er zunächst Freiwillige finden, die den Ortsdialekt beherrschen, und sie um eine Sprachaufnahme bitten - was einfacher klingt, als es ist, denn die ungewöhnliche Bitte weckt bisweilen Misstrauen. Willigen die Probanden ein, muss der Forscher möglichst dafür sorgen, dass sie das Tonbandgerät schnell wieder vergessen und unbefangen plaudern. Gegenüber Fremden oder vor dem Mikrofon redet man schließlich nicht so entspannt wie in der Familie, sondern hält unwillkürlich den eigenen Dialekt zurück. Sind die Aufnahmen schließlich gemacht, müssen sie abgehört und von Hand in Lautschrift umgesetzt werden. Keine Maschine kann bis heute diese Transkription zuverlässig leisten. Doch nur in verschrifteter Form können die Daten katalogisiert und statistisch erfasst werden. Dann erst kann die empirische Arbeit beginnen. Ihre Ergebnisse spiegeln nur die Verhältnisse des einen besuchten Dorfes wieder - ein paar Kilometer weiter können manche Vokabeln, Vokalaussprachen oder Pluralformen schon wieder anders klingen. Auf diese Weise ein ganzes Land zu katalogisieren, ist eine Herkulesaufgabe.

Was sich sprachlich seit der Wieder-vereinigung getan hat, wird also erst in ein paar Jahren wissenschaftlich belegt sein. Eine Beobachtung hat Schnabel allerdings schon gemacht: Eigentlich folgt in Sparnberg auf den Freitag schon immer der "Sonnabend". Zwei der Befragten dort nannten ihn bei den Aufnahmen jedoch "Samstag", wie es auf der bayerischen Seite üblich ist. Womöglich ist der erste Begriff dabei, über die Saale zu springen. Vielleicht werden die beiden Dörfer irgendwann auch sprachlich wieder vereint sein.

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Quelle:
SZ vom 2.10.2007
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