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Spitzenforschung:Wo bleibt der Knall beim Nobelpreis?

Chemiestudentin im Labor, 2009

Frauen im Labor, wie Chemiestudentin Katharina Förg, gibt es viele. Nur den Nobelpreis gewinnen sie nicht.

(Foto: cath)

Das Komitee verschanzt sich bei der Auszeichnung der Naturwissenschaften hinter alten Regeln. Es sollte mehr Mut beweisen, denn Chemtrail-Verschwörungen und Glyphosat-Ängste greifen um sich.

Kommentar von Felix Hütten

Alfred Nobel, der Stifter des Nobelpreises, hat einst das Dynamit erfunden. Er war, wenn man so will, ein bedeutender Sprengmeister der Wissenschaft. Doch in diesem Jahr lag nicht viel Sprengkraft in den Entscheidungen der naturwissenschaftlichen Nobelpreise. Alle Geehrten haben den Titel zweifelsohne verdient, doch als Symbol für die Wissenschaft der Zukunft taugen sie nicht. Man könnte fast sagen, die Juroren waren mutlos. Die Wissenschaft wird immer kleinteiliger, einen einzigen Knall pro Jahr, wie ihn Nobel einst würdigen wollte - wie zum Beispiel die Entdeckung der Struktur der DNA von Watson und Crick -, gibt es immer seltener.

Im Zeitalter einer globalisierten Spitzenforschung setzen sich Ergebnisse vielmehr aus Einzelteilen zusammen und hierbei treten immer häufiger moralische Fragen auf: Man denke zum Beispiel an Versuche, Embryonen außerhalb des Mutterleibs zu züchten.

Die ungleiche Verteilung mag historisch erklärbar sein, zukunftsgerichtet ist sie nicht

Diese Projekte bieten Sprengstoff für Kontroversen, gewiss, und genau davor scheut sich das Komitee, indem es sich eisern hinter seiner Regel verschanzt, Forschung erst dann auszuzeichnen, wenn diese mehrere Jahrzehnte alt ist. Damit die Nobelpreise der Naturwissenschaften aber auch in Zukunft relevant bleiben, muss die Botschaft des Preises lauten: Aufgepasst, wir ehren die Wissenschaft von heute, wir positionieren uns - ähnlich wie es beim Friedensnobelpreis üblich ist - und sorgen auf diese Weise für einen großen Knall.

Damit bekäme der Preis die Chance, in aktuelle Debatten einzugreifen, Diskussionen zu befeuern und Akzente zu setzen, zum Beispiel gegen Klimawandelskepsis, gegen den Vorwurf der Lügenforschung, gegen die Macht von Chemtrail-Verschwörungen und Glyphosat-Ängsten.

In einer Zeit, in der sich Gesellschaften spalten lassen wie Atome, ist es umso wichtiger, Haltung zu zeigen. Und deshalb sollten nicht nur Forschungsprojekte an sich bewertet werden, sondern auch Menschen, die sie vorantreiben. Auch hier gilt es, die Symbolkraft zu erkennen und jene in das Rampenlicht zu rücken, die für die Zukunft der Wissenschaft wichtig werden. Konkret: 97 Mal ging der Medizinnobelpreis bislang in die USA, nur ein Mal nach Afrika, 199 Mal an einen Mann, zwölfmal an eine Frau.

Diese ungleiche Verteilung mag historisch erklärbar sein, zukunftsgerichtet ist sie nicht. Wer also den Nachwuchs begeistern will, muss ihn motivieren, statt ihn auszuschließen. Der muss sich für Frauen engagieren, die scharenweise in naturwissenschaftlichen Vorlesungen sitzen, doch noch immer nur ein Bruchteil von ihnen auf der Liste der Nobelpreisträgerinnen steht.

© SZ vom 08.10.2016/fehu
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