Süddeutsche Zeitung

Spanien:"Wir verlieren unwiderruflich die besten Böden"

Agrarkonzerne graben den Menschen in Südspanien das Wasser ab und hinterlassen plastikverseuchte Wüsten. Jetzt regt sich Widerstand.

Alejandro Ortuño bremst das Auto ab und rollt im Schritttempo ein Feld entlang. "Er ist magisch", sagt er und blickt auf einen markanten Berg, den Monte Arabí. Grüne niedrige Bäume heben sich vom ockerfarbenen Fels ab, der am höchsten Punkt steil abfällt. "Die Leute hier lieben diesen Ort, diesen Berg", sagt Ortuño, Leiter der Umweltinitiative "Salvemos el Arabí y Comarca". Es dämmert. Aufgewirbelter Staub leuchtet im Abendlicht. Auf dem Feld reflektiert etwas die letzten Sonnenstrahlen, zwischen sattgrünen Brokkolipflanzen funkelt etwas. Es sind Plastikfetzen, die, wohin man blickt, aus dem kargen Ackerboden ragen.

In Yecla, in der Provinz Murcia im Südosten Spaniens, ist die Erde trocken, staubtrocken und verschmutzt. Desertifikation nennen Wissenschaftler den Prozess, der Ökosysteme zerstört und Böden unfruchtbar zurücklässt, manche sprechen auch von Verwüstung. Zwar herrschte hier schon immer ein trockenes Klima, doch früher betrieben die Bauern einen ressourcenschonenden Trockenfeldbau von Wein, Oliven und Mandeln. In den vergangenen Jahren jedoch haben Konzerne zunehmend Ackerflächen aufgekauft, um dort Salat, Paprika, Brokkoli und Zitrusfrüchte zu pflanzen. Früchte, die viel Wasser benötigen.

Es ist ein Teufelskreis, der kaum wahrgenommen wird

Wasser, das hier nicht vorhanden ist. In Spanien blüht das Geschäft der Agrarindustrie, Deutschland ist einer der Hauptabnehmer der Feldfrüchte. Doch die ganzjährige Verfügbarkeit von preiswertem Obst und Gemüse hierzulande geht zu Lasten der Menschen in Spanien, denn die dortigen Wasservorräte schrumpfen dramatisch. Der Klimawandel verschärft die Situation. Der Sommer dauert in Spanien inzwischen durchschnittlich fünf Wochen länger als in den 80ern, Hitzewellen sind intensiver. In 33 der 50 spanischen Provinzen war es am Donnerstag zeitweise 44 Grad heiß. Es fällt wenig Niederschlag. Im vergangenen Winter regnete es fast gar nicht. Aber nicht nur der Klimawandel verschärft die Desertifikation, die Desertifikation verschärft umgekehrt den Klimawandel, da sie natürliche Regenerationskreisläufe zerstört.

Es ist ein Teufelskreis, der kaum wahrgenommen wird. Viele Menschen denken bei Desertifikation in Spanien an die sogenannten Badlands, etwa die Pseudowüste Tabernas in Andalusien. Sie entstanden vor Tausenden Jahren mit der Verlandung von Binnenseen nach einer tektonischen Hebung. Die Erosion der Sedimente hinterließ eine karge Landschaft, die an eine Wüste erinnert, aber keine ist. "Der Blick auf die Badlands ist irreführend und der Grund dafür, dass wir Desertifikation nicht genügend Aufmerksamkeit schenken", sagt der Landschaftsökologe Gabriel Del Barrio. Die wirklichen Hotspots seien die Gewächshäuser in Almería, die kontinentalen bewässerten Felder oder die Dehesa-Agroforstwirtschaft, bei der Viehzucht, Bäume und Ackerbau kombiniert werden.

Zurück bleibt Fels

Die Desertifikation in Spanien ist ein für die Menschen existenzbedrohender Prozess. Er wird häufig zu spät erkannt, wenn sich die Böden bereits in karge, oft vermüllte und chemisch verseuchte Brachflächen verwandelt haben, die sich kaum mehr regenerieren können. "Desertifikation wird oft über die Auswirkungen definiert, nicht über ihre Ursachen", sagt Del Barrio. "Aber Wassermangel, Bodendegradation und Bodenerosion sind Konsequenzen. Dem, was sie verursacht, wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt."

Stattdessen werden die natürlichen Ressourcen bis zum letzten Tropfen ausgepresst, etwa mit kräftigeren Pumpen oder Ableitungen von Flüssen. Dieses Wasser werde allerdings nicht genutzt, um das Defizit auszugleichen, sondern um noch mehr Land zu bewässern und damit alles schlimmer zu machen, sagt Del Barrio. Dabei sei der erwirtschaftete Profit anfangs sogar höher, eben weil das System übermäßig genutzt werde, erklärt der Bodenwissenschaftler Víctor Castillo. Erst wenn das System kollabiere, realisiere man, dass es sich nicht erholen kann. "Das ist der Kern von Desertifikation. Man bringt das System über einen Kipppunkt. Und wenn der Stress vorbei ist, gibt es kein Zurück mehr." Terrassen stürzen zusammen, der Boden versalzt, die natürliche Pflanzendecke verschwindet, der Regen spült Nährstoffe und feine Partikel weg, zurück bleibt Fels.

Viele südeuropäische Länder leiden unter Desertifikation. In Spanien liegen die Hotspots Murcia, Almería und Alicante in der semi-ariden Küstenzone. Betroffen sind aber auch La Mancha, Extremadura und das Flusstal des Ebro. In ganz Spanien entfällt mittlerweile 80 Prozent des Wasserverbrauchs auf künstliche Bewässerung in der Landwirtschaft. Deshalb sinken Flusspegel, gehen Feuchtgebiete verloren und versiegen Quellen, erklärt die Biologin Julia Fernández.

"Es ist unmöglich, das alles zu entfernen."

Da sich die Bewässerungslandwirtschaft trotzdem weiter ausbreite, gebe es inzwischen Hunderttausende illegale Bohrungen, um an Wasser zu gelangen. "Wir verbrauchen gerade die Reserven der Grundwasserspeicher. Trotzdem steigt die Nachfrage. Das ist absolut nicht nachhaltig und man weiß nicht, wie viele Jahre das noch so weitergehen kann", sagt Fernández. "Wir verlieren unwiderruflich die besten und auf natürliche Weise fruchtbarsten Böden."

Alejandro Ortuño zeigt auf eine weite Ackerfläche, die vor alten Olivenhainen liegt. "All das hier ist neu und existierte vor 2016 und 2017 nicht. Zuvor lagen hier kleine Bauernhöfe mit traditioneller Landwirtschaft." Auf denselben Flächen bauen nun große Firmen Gemüse an, am Rande der Felder liegen Bewässerungsanlagen. "Das Wasser, das sie nutzen, ist das Wasser unserer Zukunft", sagt Ortuño. Zudem werde Wasser auch in andere Gegenden transferiert, etwa nach Alicante, ebenfalls für die Landwirtschaft, aber auch für Hotel-, Golf- und andere Freizeitanlagen.

"Eine Blase der Landwirtschaft"

Ortuño steigt wieder ins Auto, fährt langsam vorbei an graubraunen Äckern, auf denen schwarze und transparente Plastikfetzen im Wind zittern. Vorbei an noch jungen Pflänzchen, ordentlich in endlose Reihen eingelassen. Vorbei an einem rot-beigen Haus. Ein Altenheim, das statt alte Olivenbäume nun brache Äcker umgeben. Ein beißender Geruch schwappt durch das Autofenster. Auch der Einsatz von Chemikalien bereitet Ortuño Sorge, die Verwendung von Plastik, die Überproduktion, die Arbeitsbedingungen der Feldarbeiter. "All das ist nicht nachhaltig, es ist eine Blase, eine Blase der Landwirtschaft", sagt der 38-Jährige, eigentlich ein wortkarger, ruhiger Mensch, der plötzlich emotional wird: "Ich bin wütend, traurig und frustriert. All das Plastik wird im Boden bleiben oder vom Wind weitergetragen. Es ist unmöglich, das alles zu entfernen."

Die Plastikfolien decken die Samen ab, um den Treibhauseffekt zu nutzen, Feuchtigkeit und Wärme zu speichern, sie vor Schädlingen und Krankheiten zu schützen. Nach Gebrauch werden die Planen in die Erde gepflügt und zurückgelassen. "Plastik ist die technologische Antwort auf den Wassermangel", kommentiert Gabriel Del Barrio das Vorgehen. Der Boden unter dem Plastik werde schließlich ausgebeutet zurückgelassen, "er ist steril". Selbst wenn man das Plastik entfernen und den Boden sich selbst überlassen würde, könne sich die Vegetation nicht mehr erholen. Manchmal sei der Boden von Chemikalien durchdrungen, das sei noch schlimmer. Im Extremfall werde, wie in Almería, gleich in Steinwolle gepflanzt und Nährstoffe per Flüssigkeit hinzugefügt.

In der Provinz Murcia leiden ausgerechnet Trockenbauern am stärksten unter Desertifikation und Klimawandel, denn sie sind auf regulären Regen angewiesen. "Sie arbeiten an der Grenze des Profitablen und müssen ansehen, wie die traditionelle Landschaft verloren geht", sagt Castillo. Die neuen Monokulturen bedrohen das traditionelle Mosaik vielfältiger Anbauflächen. Die Biobauern Marta Ortega, 33, und Antonio Bernal Balao, 38, aus Yecla arbeiten noch traditionell. Sie gehören zur jungen Generation, die etwas bewegen will. Beide haben tiefe Wurzeln in der Region, die eines der bekanntesten Weinbaugebiete Spaniens ist. "Es änderte sich in einer sehr kurzen Zeit", beginnt Marta zu erzählen. "Zuvor waren hier Olivenbäume, Mandelbäume, Weinreben. Aber man ist nie auf Salat oder Brokkoli gestoßen. Diese neuen Praktiken begannen vor 15 Jahren. Die großen Monster kamen vor vier. In diesen vier Jahren haben wir viel Boden verloren und viel Wasser." Bislang waren die Plastikmeere vor allem in der Küstenregion um Almería bekannt, doch sie breiten sich aus, auch in Yecla.

"Jetzt haben wir Trinkwasser, aber in ein paar Jahren? Ohne Wasser hat man kein Leben."

"Es ist eine traurige Situation", sagt Ortega. "Landwirtschaft ist eine wundervolle Arbeit, wenn man die Verbindung zu den Pflanzen, Bäumen und Tieren spürt. Mit den neuen Methoden sieht man kaum mehr eine andere Pflanze, ein Tier. Und wenn man eins sieht, denkt man, oh, ein Überlebender." Alte Mandel- und Weintraubensorten verschwinden, weil immer weniger Menschen die Landwirtschaft ihrer Familien fortführen. Ortega stellt Olivenöl her, Balao Wein. Zwar halten sie sich an eine biologische Anbauweise, kompostierten, pflanzten Bäume. Doch was nutze das, wenn der Nachbar genau das Gegenteil mache? "Die Chemikalien sind im Boden, in der Luft", sagt Ortega. Zudem fürchtet sie eine Kontaminierung des Grundwassers: "Jetzt haben wir Trinkwasser, aber in ein paar Jahren? Ohne Wasser hat man kein Leben. Die Firmen werden nicht lange bleiben, weil sie so nicht dauerhaft arbeiten können. Das Problem werden wir hier alle haben." Die neue Konkurrenz durch die Giganten schlaucht sie auch finanziell. Die Preise auf dem Markt sinken. "Wenn wir an der jetzigen Situation nichts ändern, wird es sehr schwer", sagt Balao.

Marta Ortega und Antonio Bernal Balao gehören zu den wenigen Landwirten, die trotzdem weitermachen und Gleichgesinnte suchen. "Es ist zwar noch eine kleine Bewegung - aber mit viel Kraft", sagt Ortega. "Wir müssen Leute motivieren, etwas zu pflanzen. Wenn du einen Samen pflanzt, siehst, wie er keimt und wächst, daraus eine Frucht entsteht, ich finde, das ist eines der schönsten Dinge auf der Welt." Sie ist optimistisch: "Wir alle sind Konsumenten, es liegt in unseren Entscheidungen, welche Zukunft wir haben."

Wissenschaftler äußern sich allerdings vorsichtiger: "Ich glaube, dass die Situation kontrolliert werden könnte, aber nicht gecancelt", sagt Gabriel Del Barrio. "Landdegradierung kann nicht rückgängig gemacht werden." Hilfreich wäre, wenn das Plastik nach der Nutzung ordentlich entsorgt werde. "Wenn wir Recycling-Netzwerke schaffen, können wir die Landdegradierung verlangsamen. Das ist machbar. Aber ob es von den Politikern und Stakeholdern angenommen wird, liegt außer meiner Kontrolle. Ich bin relativ pessimistisch." Seiner Meinung nach liegt die Lösung bei nachhaltigen Entwicklungszielen, etwa dem UN-Nachhaltigkeitsziel der "Land Degradation Neutrality" bis 2030. Doch gebe es auf EU-Ebene noch nicht mal eine einheitliche Methode für das Monitoring, kritisiert Del Barrio.

Die ausgehobene Fläche klafft wie eine Wunde neben dem Berg

Angesichts des Klimawandels rät Víctor Castillo zur Anpassung. Schon im Kleinen könne man etwas tun: Pflanzenbarrieren bauen, Gebiete wieder bepflanzen und damit die Biodiversität steigern. Julia Fernández fordert als Leiterin der Wasser-Stiftung "Fundación Nueva Cultura del Agua" vor allem eine "neue Wasserkultur", eine Kultur der Nachhaltigkeit, in der Wasser als eine der Grundlagen der Gesellschaft verstanden wird. "Es ist nicht akzeptabel, dass es soziale Gewinner und Verlierer des Klimawandels gibt, die aufgrund ihrer Wirtschaftskraft identifiziert werden", findet Fernández. In der spanischen Presse äußerte sich einer der in Yecla tätigen Agrarkonzerne über das Plastik: Dieses sei biologisch abbaubar, werde innerhalb von zwölf Monaten zersetzt. Auf eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung reagierte der Konzern nicht. Und auch die Regionalverwaltung Murcia sowie das Landwirtschaftsministerium und das Ministerium für ökologischen Wandel von Spanien nahmen auf Anfrage keine Stellung zum Plastik oder zum Wasserverbrauch.

Vor einem Eingriff konnte Alejandro Ortuño gemeinsam mit anderen Umweltschützern die Landschaft um den Monte Arabí immerhin bereits bewahren. Durch Proteste konnte der Bau einer industriellen Schweinefarm gestoppt werden. Zurück blieb eine ausgehobene Fläche, die wie eine Wunde neben dem Berg klafft. Was wird die industrielle Landwirtschaft wohl auf den Feldern hinterlassen? Auf dem Rückweg schaut Ortuño abwesend auf die Fahrbahn, über die der Abendwind immer wieder Plastikfetzen weht.

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SZ vom 29.06.2019/cvei
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