Sozialverhalten "Auch Kinder sind egoistisch"

SZ: Das ist bereits am Verhalten von Kleinkindern abzulesen.

Tomasello: Wir sollten nicht vergessen, dass auch Kinder egoistisch sind. Aber: Sie unterstützen andere Menschen recht vorbehaltlos. Wir bringen sie ins Institut, da ist jemand, den sie nicht kennen - und sie helfen ihm, einfach so. Sie tun das selbst dann, wenn ein Spiel sie fesselt. Wir haben viele Belege, dass die Kinder das nicht etwa von ihren Eltern lernen. Ob die Mutter dabei ist oder nicht, spielt keine Rolle.

Ob mit oder ohne Belohnung, sie helfen. In einer neuen Studie konnten wir zeigen: Wenn Kinder jemanden sehen, der Hilfe braucht, dann wollen sie, dass etwas passiert. Es stellt sie zufrieden, wenn sie sehen, dass der Person geholfen wird, sie müssen das nicht selbst tun. Das Hilfsmotiv ist sehr früh im Leben da, und es ist, davon bin ich überzeugt, die Grundeinstellung.

SZ: Sie vermuten sogar, dass die Sprache einen kooperativen Charakter hat?

Tomasello: Wenn Sie von einem Wesen ausgehen, das komplett egoistisch ist, wieso sollte es einem anderen, ebenso selbstsüchtigen, Aufmerksamkeit schenken, wenn dieses mit dem Finger in eine Richtung deutet? Die einzige Reaktion wäre: "Da ist schon wieder dieser Kerl und versucht egoistisch zu sein. Wieso sollte mich das interessieren?" Wenn dieses Wesen jedoch etwas anzubieten hat, etwas, das mir, wenn auch geringfügig, von Nutzen sein könnte, dann fange ich an, mich dafür zu interessieren. Nämlich: Was will er mir mit seiner Geste sagen, wieso deutet er in diese Richtung?

SZ: Die beiden beginnen sich für das Gleiche zu interessieren ?

Tomasello: Wenn man mit Kooperation generell startet, dann entsteht eine geteilte Aufmerksamkeit. Wir arbeiten zusammen, also ist unsere Intention geteilt. Ich weiß, was deine Ziele sind, du weißt, was meine Ziele sind. Stellen Sie sich eine Situation vor, in der ein Lehrer einem Novizen etwas beibringen wollte. Der Schüler bemüht sich, eine Steinklinge herzustellen, der Experte sagt ihm, wie es geht: "Mach es so! So!", und er wird dabei eine Zeigegeste verwenden. Der Lehrer lädt seinen Schüler ein, ihn zu imitieren. Dieser fragt sich, wieso vollführt er diese verrückten Bewegungen? Er versetzt sich in den Lehrer hinein und handelt so, als ob er an dessen Stelle wäre, weil er grundsätzlich davon ausgeht, dass der Lehrer ihm helfen will.

SZ: Die Erfindung des Zeigens war also einer der ersten Schritte auf dem Weg zu Sprache und Kultur?

Tomasello: Es entstand als ein Mittel, um kooperative Aktivitäten zu koordinieren. Es diente dazu, die Aufmerksamkeit auf ein gemeinsames Ziel zu lenken. In der Zeigegeste vereinen sich viele Elemente, die man für Sprache und Kultur benötigt: Es hat die kognitive Komponente, die Intentionen und Schlussfolgerungen erlauben, aber beides funktioniert nicht ohne die kooperative Infrastruktur. Wer sich in die Absichten eines anderen hineinversetzt, der wird ein Werkzeug nicht jedes Mal neu erfinden müssen.

Er überlegt sich: Wozu war diese Form eines Schabers gut, wieso hat sie der Erfinder genau auf solche Weise ausgeführt? Wenn er die Intention dahinter erschließt, wird es ihm ein Leichtes sein, das Gerät nicht nur zu reproduzieren, sondern weiterzuentwickeln. Dieser Wagenheber-Effekt lässt Kultur entstehen.

SZ: Und Sprache?

Tomasello: Wir starten bei der kooperativen Struktur der Kommunikation, bei der Jagd entsteht das Zeigen, mit ikonischen Gesten oder Pantomime kommen sukzessive symbolische Anteile hinzu. Damit haben wir den Weg zur Sprache, ich würde sagen, zu zwei Dritteln bereits zurückgelegt. Jetzt fehlt "nur" noch der konventionelle Teil. "Wir" nennen das einen "Stift", und unsere Kinder denken nicht einmal mehr darüber nach, dass dies ein Stift ist.

SZ: Die technische Kultur erweitert seit ein paar Jahrhunderten mit Büchern, Zeitungen, Radio, Fernsehen und zuletzt dem Internet zusehends auch die kommunikativen Möglichkeiten - und trifft so ins Herz des Menschenseins, denn der Homo sapiens entstand ja auf Basis der Kommunikation. Keine Frage also, dass sich die neuen sozialen Medien auf die sozialen Beziehungen auswirken - aber wie?

Tomasello: Das ist alles so neu, dass wir es kaum beurteilen können. Ich bin gerade alt genug, um Erinnerungen an das erste Fernsehen zu haben, ich war sechs oder sieben Jahre alt. Damals konnte man sehen, was Menschen anderswo in der Welt tun, ohne sein Zuhause zu verlassen. Zum ersten Mal zeigte sich so etwas wie ein globales Bewusstsein. Heute bekommen wir in Windeseile Nachrichten aus allen Teilen der Welt, und es ist schwer für eine Regierung, den Informationsfluss zu kontrollieren.

Die Leute teilen zwar Verrücktheiten mit, aber das ist Teil der Offenheit. Es war daneben interessant zu beobachten, dass die neue Form der Kommunikation bei der Lösung des Koordinationsproblems hilft. Es lautet: Ich kooperiere, wenn alle anderen auch kooperieren. Da gab also einer in Kairo bekannt, auf den Tahrir-Platz kommen zu wollen, aber nicht alleine, weil ihn sonst die Polizei verhaften würde. Als Zehntausende ihre Bereitschaft per Mobiltelefon bekundeten, konnte die Demonstration stattfinden. Das ist natürlich etwas Gutes!