Sozialverhalten "Trittbrettfahrer bedrohen die Kooperation"

SZ: Die Hilfsbereitschaft sinkt also, wenn der Sparsame die Schulden des Verschwenders bezahlen soll und nichts dafür bekommt.

Die Erfindung des Zeigens war nach Ansicht von Michael Tomasello einer der ersten Schritte zu Sprache und Kultur.

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Tomasello: Das nennt sich Trittbrettfahren und stellt die entscheidende Bedrohung der Kooperation dar. Schwindler müssen deshalb entweder bestraft oder ausgeschlossen werden. Wenn in einer Jäger-Sammler-Gesellschaft jemand seine Aufgabe nicht erfüllte, dann ging beim nächsten Mal niemand mehr mit ihm jagen - und er erhielt nichts zu essen. Wenn ein Land seinen Pflichten nicht nachkommt oder falsche Angaben macht, muss dies sanktioniert werden.

SZ: Das globale Zusammenleben benötigt nicht mehr Mitgefühl, sondern ein auf der Basis von Fairness austariertes Beziehungsgeflecht?

Tomasello: Ja! Das Wichtigste ist, die Institutionen so zu strukturieren, dass sich jeder, damit meine ich Personen, Gruppen, Organisationen, Nationen, fair behandelt fühlt. Die Menschen besitzen ein natürliches Verständnis davon, dass der eine nicht besser oder schlechter ist als der andere.

Jeder weiß: Ich habe selbstsüchtige Motive, aber der andere hat sie auch. Wenn ich also ein größeres Stück vom Kuchen abhaben möchte, so muss ich wissen, dass der andere dies ebenso will. Das ist die Basis für Verhandlungen. Darum geht es: das Verhandeln von Interessen. Alle, die an einem öffentlichen Gut teilhaben, etwa ein stabiles Klima, müssen das Gefühl haben, gleich behandelt zu werden. Das lässt die Leute auch Schwierigkeiten akzeptieren.

SZ: Der Evolutionsbiologe Robin Dunbar hat ausgerechnet, dass Jäger-Sammler-Gemeinschaften einst aus rund 150 Personen bestanden. Das menschliche Hirn lernte damals, solche sozialen Gefüge zu meistern. Bewältigt dieses Organ auch sieben Milliarden Menschen?

Tomasello: Es würde uns leichtfallen, etwa beim Klimaschutz zu einer Lösung zu kommen, wenn die Erde von Invasoren aus dem Weltall bedroht werden würde. In diesem Fall verstünden wir uns leicht als ein Jagdtrupp mit gemeinsamen Interessen. Aber bei den aktuellen Problemen können wir nicht auf andere deuten, die an allem schuld sind. Wir haben uns die Suppe selbst eingebrockt.

SZ: In der Jäger-Sammler-Gemeinschaft dient soziale Ächtung, sprich Klatsch und Tratsch, dazu, Schmarotzer zur Aufrichtigkeit zu erziehen. Funktioniert das auch zwischen Nationen?

Tomasello: Nichts anderes passiert ja im Augenblick, vermittelt durch das internationale Netz der Medien. Da werden Vergehen angeprangert. Auch wenn Beobachter den Eindruck gewinnen, Staaten seien so hartleibig, dass Kritik an ihnen abpralle, so glaube ich doch, dass auf lange Sicht weder Griechen noch Italiener oder irgendwer den Schwarzen Peter haben wollen. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns hier auf Strukturen zubewegen, die Fairness auf globalem Niveau einfordern und sicherstellen.

Man darf im Übrigen nicht vergessen: Die Idee der Überstaatlichkeit ist extrem jung. Es ist noch nicht lange her, da besaßen Deutschland oder Italien keine staatliche Einheit. Wenn wir heute im globalen Maßstab denken müssen, so sollten wir beachten: Es wird dauern, bis sich die Menschen geistig darauf eingestellt haben. Als Amerikaner bin ich aber ganz optimistisch, dass wir das schaffen werden - genug Zeit vorausgesetzt.

SZ: Wieso sind Menschen überhaupt in der Lage, riesige Gesellschaften zu bilden? Sieht man von den Ameisen ab, ist das in der Biologie einzigartig.

Tomasello: Das ist das zentrale Problem in der Evolution des Menschen. Wieso können wir hier sitzen und reden, in diesem Land, mit den Autobahnen und Strom- und Telefonleitungen, in diesem Gebäude mit den Computern? Wieso gibt es diese extrem großen und strukturierten Gesellschaften? All dies beruht auf Kooperation. Menschen sind um vieles kooperativer als alle anderen Affen.