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Sonnenbaden:Es werde Licht

Ein kurzes Sonnenbad in der Mittagspause macht zwar nicht braun, ist aber gesund: Mediziner finden immer mehr Gutes an den sommerlichen Strahlen - solange diese in Maßen genossen werden.

Die Sonne feiert ihr Comeback im Keller. Gebäude 18, Universitätsklinikum des Saarlands in Homburg. Hier in den Katakomben der Hautklinik betreibt Jörg Reichrath seine Grundlagenforschung. Patienten behandelt der Professor für Dermatologie in den Stockwerken darüber.

Sonnenbad; dpa

"Die Sonne ist in den vergangenen Jahren zu sehr verteufelt worden" - meinen heute zumindest einige Mediziner.

(Foto: Foto: dpa)

Reichrath redet nahezu mit Lichtgeschwindigkeit. In gefühlten fünf Minuten ist das gesamte Forschungsgebiet umschrieben, der aktuelle Stand der Wissenschaft erläutert. Und die entscheidende Meinung geäußert: "Die Sonne ist in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr verteufelt worden." So sehr, dass es ziemlich ungesunde Folgen haben könnte.

Reichrath vertritt unter Hautärzten eine Minderheit. Doch nach Jahrzehnten, in denen beinahe ausschließlich vor den Strahlen gewarnt wurde, erheben sich inzwischen immer mehr Stimmen wie die des Schnellsprechers aus dem Saarland. Sie fordern ein Umdenken.

Ihr Hauptargument: Die Haut braucht Sonne, um Vitamin D zu bilden. Das ist wichtig für den Knochenaufbau - und, so zeigt sich nun, auch für viele andere Körperfunktionen. Vitamin D schützt offenbar vor Multipler Sklerose. Es senkt das Diabetesrisiko. Es wirkt vorbeugend gegen Asthma, Rheuma und andere Autoimmunkrankheiten und wehrt wahrscheinlich auch Infektionen ab. Sogar gegen Bluthochdruck hilft es. Und offenbar bewahrt es auch vor einigen der häufigsten Krebsarten oder lässt sie glimpflicher verlaufen.

Also nichts wie zurück in die Sonne? Wenn es so einfach wäre. Darüber, wie viel Strahlung gut und gesund ist, ob man sie überhaupt braucht oder man Vitamin D nicht lieber als Nahrungsergänzung einnehmen sollte, ist ein Streit unter Wissenschaftlern entbrannt. Ein heftiger.

Michael Holick, einer der bekanntesten Verfechter der These vom "Schützenden Sonnenlicht" (sein gleichnamiges Buch ist beim Haug-Verlag erschienen) wurde von Kollegen gar als Schande für den ganzen Berufsstand bezeichnet. Der Endokrinologe, der erstmals die hormonelle Wirkung von Vitamin D nachweisen konnte, musste infolge des öffentlichen Drucks sogar seine Lehrtätigkeit am dermatologischen Institut der Boston University einstellen.

Der griechische Sonnengott Helios wird gern mit Schwert dargestellt. Der Forscherstreit zeigt, wie zweischneidig selbiges ist: Auf der einen Seite gibt es das unbestrittene Hautkrebsrisiko durch die Sonne, auf der anderen deren indirekte positive Wirkungen, die zum Teil belegt sind, häufig aber auch nur vermutet werden. Wer soll entscheiden, was wichtiger ist und die Gesundheit fördert? Sollen Menschen ein gewisses Hautkrebsrisiko eingehen, um dafür ein vielleicht viel größeres, aber nicht eindeutig nachgewiesenes Darm- oder Brustkrebsrisiko zu mindern? Wann soll man in die Sonne gehen? Wie viel Vitamin D ist gut? Sollte man es lieber als Pillen schlucken? Und was ist mit Solarien?