Social Media So verbreiten sich falsche Nachrichten im Internet

Es sind nicht die Bots, die erklären, warum sich Fake News schneller und weiter verbreiten.

(Foto: dpa)
  • Forscher haben 126 000 Nachrichten-Ketten von Twitter ausgewertet, um zu untersuchen, wie sich falsche Nachrichten im Internet verbreiten.
  • Unwahrheiten verbreiten sich demnach schneller und weiter, eine wahre Nachricht braucht im Schnitt sechs Mal so lange, um 1500 Personen zu erreichen.
Von Jan Schwenkenbecher

Sind es Programme, die falsche Nachrichten im Internet möglichst schnell verbreiten, sogenannte Bots? Sind es nach Aufmerksamkeit heischende Nutzer, die ihre Lügen an vielen Stellen posten? Wer sich auf diese Erklärungen beruft, der irrt wohl. Wie Forscher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) zeigen, sind es nicht Trolle oder Bots, die die Dynamik falscher Nachrichten erklären. Wir alle sind es.

Für ihre Studie, die im Fachblatt Science veröffentlicht wurde, analysierten die Wissenschaftler 126 000 Nachrichten-Ketten von Twitter - also Tweets, deren Re-Tweets, den Re-Re-Tweets. Drei Millionen Nutzer verbreiteten diese in der Zeit zwischen der Gründung der Plattform im Jahr 2006 und 2017. Die Nachrichten-Ketten stuften die Forscher anschließend als "falsch", "wahr" oder "gemischt" ein. Als "falsch" bewerteten sie einerseits bewusst lancierte Fehlinformationen, also Fake News, andererseits aber auch unabsichtlich entstandene Falschnachrichten. Sie verließen sich dabei auf sechs Faktencheck-Organisationen (snopes.com, politifact.com, factcheck.org, truthorfiction.com, hoax-slayer.com, urbanlegends.about.com), die in ihrer Einschätzung zu 95 bis 98 Prozent übereinstimmten. Stichprobenartig überprüften die MITler 13 000 Nachrichten selbst.

Die Forscher konnten so in der Twitter-Historie die Höhepunkte ausmachen, zu denen besonders viele falsche Nachrichten kursierten: Ende 2013 ging die Nachricht um, der Papst habe ein Drittes Vatikanisches Konzil abgehalten. Ende 2016 verbreitete sich die Nachricht, die französische Regierung habe Details des Bataclan-Attentats verschleiert. Außerdem war die Anzahl falscher Nachrichten während der beiden vergangenen US-Präsidentschaftswahlen besonders hoch, wobei sie 2016 drei Mal höher lag als 2012.

"Auch wenn die Analyse nur anhand von Twitter-Daten durchgeführt wurde, glaube ich, dass sich die Ergebnisse auf andere Social Media-Plattformen übertragen lassen", sagt Soroush Vosough, Erstautor der Studie. "Denn unsere Ergebnisse deuten auf mögliche psychologische Gründe hin, die Menschen dazu verleiten, falsche Nachrichten zu verbreiten."

Die Ergebnisse zeigen, dass sich falsche Nachrichten deutlich schneller im Internet verbreiteten und häufiger geretweetet werden als wahre. So brauchte eine wahre Nachricht im Schnitt sechs Mal so lange wie eine falsche, um 1500 Personen zu erreichen. Am größten war der Unterschied bei politischen Nachrichten. Das war in gut einem Drittel der Fall. Dennoch bedeutet die Verbreitung noch nicht, dass alle Personen, die die falschen Nachrichten sehen, diese auch lesen und erinnern.

Bleibt die Frage: Warum verbreiten Menschen falsche Nachrichten?

Um zu überprüfen, ob Bots die falschen Informationen besonders schnell verbreiten, setzten die Forscher eine Software ein, um die Bot-Beiträge herauszufiltern. Die Ergebnisse blieben allerdings gleich. "Bots erklären nicht, dass falsche Nachrichten schneller und weiter verbreitet werden", sagt Sinan Aral, einer der Forscher. "Menschen sind für die Verbreitung falscher Nachrichten weitaus mehr verantwortlich, als wir bisher dachten."

Allerdings ist es auch keine spezielle Gruppe von Menschen, die falsche Nachrichten besonders häufig verbreitet. Denn die Ergebnisse zeigen außerdem, dass falsche Nachrichten auch dann mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit eher geteilt wurden, wenn die Forscher Alter, Aktivität und die Anzahl der Twitter-Kontakte (Folgende und Gefolgte) herausrechneten.

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Bleibt die Frage: Warum verbreiten Menschen falsche Nachrichten? Wieso schreibt jemand, dass Hillary Clinton einen Alien adoptiert habe? In der Studie führen die Forscher hier die Theorie an, dass dies auf den Neuigkeitswert zurückzuführen sein könnte. Hillary Clinton und ein adoptierter Alien? Das ist zwar falsch, man hat es so aber auch noch nie gehört, man ist überrascht. So erregen falsche Nachrichten unsere Aufmerksamkeit in besonderem Maße. Was auch wiederum befeuere, diese "Neuigkeit" mit anderen zu teilen.

Nicole Krämer, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Duisburg-Essen, die die Studie grundsätzlich für methodisch sauber gemacht hält, hat in diesem Punkt aber noch eine Ergänzung. Krämer hat selbst zur Verbreitung von Nachrichten geforscht, sie legt den Fokus eher auf die Negativität der Nachricht. Menschen gewichteten Negatives stärker, sagt Krämer, "das ist evolutionär begründet." Die Angst vor dem Löwen ist eben wichtiger als die Freude über eine schöne Landschaft. "Wir haben da aus ersten Studien Hinweise, dass das auch für Nachrichten gilt und negative Nachrichten stärker verbreitet werden."

Das größte Problem: Wer entscheidet darüber, was wahr und was falsch ist?

Krämer arbeitet zusammen mit weiteren Wissenschaftlern, IT-Experten und Juristen an dem Projekt "Dorian", das Möglichkeiten untersucht, die Verbreitung von falschen Nachrichten einzudämmen. "Dorian" läuft seit einem halben Jahr, Ergebnisse gibt es noch nicht. Auch die MIT-Forscher wollen untersuchen, welche Gegenmaßnahmen wirken. Zwei Ideen hat Sinan Aral, eine davon ist "Labeling". "Wir könnten Quellen mit einem Wahrheits-Score versehen", sagt er, "ein Prozentsatz, der sich daraus errechnet, wie viele wahre und falsche Nachrichten in einem bestimmten Zeitraum von dieser Quelle stammen." So könnten Nutzer sehen, wie vertrauenswürdig eine Nachrichten-Quelle ist.

Eine andere Methode wäre, das existierende Anreiz-System zu verändern. "Wir wissen, dass einige falsche Nachrichten aus ökonomischen Gründen verbreitet werden", sagt Aral. Das Social Media-Werbesystem mache die Verbreitung von Beiträgen profitabel, die viel Aufmerksamkeit hervorriefen, weil man daneben Anzeigen verkaufen könne. "Vielleicht könnten wir hier ökonomische Gegenreize setzen, etwa diese Accounts abstufen und ihre Reichweite verringern."

Das größte Problem dürfte allerdings sein, wer letztlich darüber entscheidet, was wahr und was falsch ist. Übernehmen Faktencheck-Organisationen im Internet die Deutungshoheit über die Wahrheit? Wo beginnt Zensur? Diese Fragen werden die Forscher von MIT und Fraunhofer-Institut künftig beschäftigen. Was sie nun schon wissen: die Maßnahmen müssen sich nicht gegen Bots und Trolle richten, wir alle sind Teil des Problems.

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