So steuert eine Menge Der Schwarm

"Es müssen immer mehrere sein, die andere Informationen haben als die anderen": Wie viele Menschen braucht es, um eine Gruppe zu zu lenken?

Von Hans Hoff

Bleibe in Bewegung! Gehe! Bleibe bei deiner Gruppe! Nicht reden! Kein Blickkontakt! Die Anweisungen sind klar. Also gehe ich. Nicht zu schnell, nicht zu langsam.

Ich bin Teil eines großen Ganzen, eines Schwarms, gebildet aus 200 Menschen, von denen die meisten genau das tun, was auch ich gerade tue: Sie schwärmen ziellos durch eine zugige Kölner Messehalle, immer bemüht, den Anweisungen Folge zu leisten.

Niemand lacht, alle schauen ernst, denn alle wissen, dass sie Teil eines Experiments sind, und im Dienste der Wissenschaft nimmt man in Kauf, was ansonsten mindestens ein süffisantes Lächeln erzeugen würde; nicht nur die Kälte, sondern auch die bunten Kappen und die Hemdchen, die über dicke Jacken und Pullover gezogen werden und jeden zweiten aussehen lassen wie ein Michelin-Männchen.

Derweil stehen Ranga Yogeshwar und Jens Krause auf einem Podest und strahlen. Abwechselnd schauen sie auf die Monitore vor sich und dann wieder auf die wogende Menge.

Der WDR-Moderator und der Wissenschaftler vom Centre for Biodiversity and Conservation der Universität Leeds sind begeistert, dass gerade das eintritt, was Krause vorausberechnet und bereits mit kleineren Versuchsgruppen erprobt hat.

Geheime Anweisungen

Dabei hat er ermittelt, wie groß in einem Schwarm der Anteil jener Individuen sein muss, die eine neue Richtung vorgeben und so die ganze Gruppe beeinflussen. "Der Schwarm folgt nicht einem Individuum, das etwas Komisches macht. Es müssen immer mehrere sein, die andere Informationen haben als die anderen", sagt Krause.

Anhand der 200 Schwärmer in der Kölner Messehalle überprüft er seine Thesen. Dazu hat er ausgewählten Teilnehmern geheime und vor allem abweichende Anweisungen erteilt. Nun sind in verschiedenen Versuchen verschieden große Gruppen angewiesen, einen bestimmten Punkt in der Halle anzusteuern.

"Leader" heißen sie in der Versuchsanordnung. Doch nicht immer werden sie dem Begriff gerecht. Nichts passiert, als es nur fünf Teilnehmer sind, die ausscheren. Schnell vereinsamen sie, und der Schwarm zieht weiter seines Weges. Bei zehn anders Informierten funktioniert das Mitziehen leichter. Der Schwarm löst sich aus der Kreisform und schiebt sich in eine neue Richtung. Bei 20 Ausreißern ist es überhaupt kein Problem mehr. Sie reißen den Schwarm förmlich mit.

Davon weiß ich, das auf Gruppenzusammenhalt programmierte Teilchen im Schwarm, allerdings nichts. Informationen sind nur spärlich geflossen, um die Versuchsteilnehmer nicht zu beeinflussen. Ich gehe als weitgehend Unwissender und suche weisungsgemäß den Kontakt zu den anderen.

Nie soll mehr als eine Armlänge Platz zwischen mir und dem nächsten bleiben. Leichte Panik breitet sich in mir immer dann aus, wenn sich eine Lücke auftut. Wo ist mein nächster Bezugspunkt? Ich werde kurz hektisch, bis ich wieder Anschluss finde, mich der Entindividualisierung hingebe, und das Gleichförmige irgendwann tatsächlich genieße. Es gibt mir Sicherheit und das wohlige Gefühl, Teil dieses großen Ganzen zu sein.

Ranga Yogeshwar sieht sogar eine politische Dimension dieses Versuchs, den er für seine Wissenschaftssendung "Quarks & Co." mitinitiiert hat. "Das war Politik pur", sagt er, als er später verfolgt, wie sich 20 Teilnehmer der Gruppe zum einen Ende der Halle orientieren und zehn andere in die gegengesetzte Richtung streben.

Plötzlich ist auf den Monitoren zu sehen, wie die Kräfte aufeinander wirken. Deutlich dominieren die 20 den Schwarm, aber nicht lange, denn irgendwann macht sich auch der Einfluss der Zehn bemerkbar. Der Schwarm beginnt zu pendeln. Der Moderator sieht darin ein plakatives Bild dafür, wie Wechselwähler funktionieren und Wahlausgänge mal so, mal so beeinflussen. Eine kühne These, der Krause so nicht folgen mag.

Hai im Rücken

Irgendwann vorher hat sich Yogeshwar auch selbst eingemischt in die Versuchsaufstellung. Er hat einen Hai dargestellt, der mit der Kamera im Rücken in einen Fischschwarm eindringen soll. Doch wohin er auch stößt, er bekommt nichts zu fassen, weil der so träge wirkende Schwarm sich stets erstaunlich schnell teilt und hinter dem "Hai" gleich wieder schließt.

Dort, wo ich schwärme, ist vom "Hai" Yogeshwar nichts zu sehen. Zu registrieren ist allerdings eine Hektik, die auf einmal den Schwarm um mich herum befällt. Die Schritte werden schneller, was raschere Reaktion erfordert. Unruhe, Hast und Unsicherheit sind die Folge.

Mehr Lücken, mehr Versuche, diese zu schließen. Das hält eine Weile an, bis allmählich wieder Ruhe einkehrt. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Bedrohung sich verflüchtigt hat. Ein Blick aufs Podest bestätigt das. Der "Hai" Yogeshwar hat die Jagd aufgegeben und beobachtet wieder. Der an sich eher dumm erscheinende Schwarm hat sich klug verhalten, klüger als sich das Individuum möglicherweise hätte anstellen können.

Erst nach insgesamt sechs Stunden erfahren die Teilnehmer, was gerade mit ihnen veranstaltet wurde. Nicht jeder kapiert gleich, worum es ging, und so manchem wird möglicherweise erst aufgehen, welche Rolle er in diesem wissenschaftlichen Unternehmen gespielt hat, wenn er sich in der Sendung "Quarks & CO." am heutigen Dienstag, 10. April, im WDR Fernsehen beim Schwärmen bewundern kann.

Danach will Krause bis zum Sommer auch die Videoaufnahmen genauer auswerten, will anhand der farbigen Kappen analysieren, wie genau die Führer und die Geführten aufeinander reagiert haben. Möglicherweise könnten seine Erkenntnisse irgendwann Auswirkungen auf Evakuierungspläne haben, können im Ernstfall eingesetzte Leader gezielt große Menschenmengen in rettende Richtungen lenken. Wenn das stimmt, dann hat sich das Schwärmen gelohnt, vielleicht auch für die 200 kleinen Fische in der Kölner Messehalle.