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Smartphones und Ablenkung:Kein Smartphone mehr: "wie ein Drogenentzug"

Die gestiegene Nutzung elektronischer Geräte beim Fahren könnte zudem einen allgemeinen Trend erklären: Seit Mitte der 1990er geht die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle in Industrieländern wie den USA und Deutschland kontinuierlich zurück; doch der Rückgang ist neuerdings gestoppt oder sogar umgekehrt. So starben in den USA in den ersten neun Monaten des Jahres 2015 neun Prozent mehr Menschen als im Vorjahreszeitraum. In Deutschland ist laut Prognosen des Statistischen Bundesamts die Zahl der Todesopfer das zweite Jahr in Folge gestiegen.

Fahrer halten Handynutzung für ein "Naturrecht"

Auf Einsicht können Verkehrsforscher bei den telefonierenden und simsenden Autofahrern vergebens hoffen. Der deutsche Verkehrsgerichtstag geht von rund 1,3 Milliarden Handyverstößen in Deutschland aus, davon wird weniger als jeder Dreitausendste geahndet. "Die Fahrer halten die Handynutzung nicht einmal für ein Bagatelldelikt. Sie halten es für ein Naturrecht", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Er beobachtet, dass vor allem die jüngere Generation kaum länger als eine halbe Stunde dem Smartphone widerstehen könne. "Es ist wie ein Drogenentzug. Sie schaffen es nicht."

Die Smartphonenutzung mithilfe von schärferen Strafen einzuschränken, hält der Fachmann daher für aussichtslos. Wer ertappt wird, zahlt bislang 60 Euro - und auch nur dann, wenn er das Gerät während der Fahrt in der Hand gehalten hat. Ein Tablet auf dem Schoß zu haben, ist dagegen nicht verboten, weil die Hände frei bleiben - eine Norm, die der Verkehrsrechtler Peter Schlanstein von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Münster für "völlig verfehlt" hält. Dennoch will das Bundesverkehrministerium bislang keine schärferen Strafen fordern. "Abgelenkte Autofahrer sind eines der großen Unfallrisiken im Straßenverkehr", kommentierte Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Wer auf der Autobahn eine SMS tippe, sei "im Blindflug" unterwegs. Kontrollen und Verbote könnten das Problem aber nicht allein lösen, wichtig sei Aufklärungsarbeit. Der ADAC forderte angesichts der Ergebnisse aus den USA, die Ablenkung stärker in den Fahrschulen zu thematisieren.

Autokonzerne spielen die Arbeit der Forscher herunter

Dennoch könnte die Untersuchung der Amerikaner nun Fortschritte bringen. "Hier wurden erstmals sehr viele Probanden über lange Zeit beobachtet", sagt Brockmann. Ihr Bauchgefühl habe zwar vielen Forschern schon gesagt, dass Ablenkung ein großes Problem sei. "Jetzt können wir uns zunehmend auf feste Zahlen stützen." Die US-Untersuchung sei inhaltlich durchaus auf Deutschland übertragbar, sagt Brockmann - sowohl die Mentalität im Straßenverkehr als auch der Grad der Benutzung elektronischer Geräte sei vergleichbar.

Auch die Autoindustrie könnte durch die Zahlen unter Druck geraten. So ist laut der Untersuchung selbst die Bedienung des bordeigenen Navigationssystems nicht ungefährlich und vom Risiko her vergleichbar damit, ein Handy zu bedienen. Als kürzlich Forscher der Universität Utah die geistige Belastung durch solche Bordsysteme anprangerten, stritt etwa Volkswagen ein höheres Risiko durch die Bedienung in seinen Fahrzeuge pauschal ab. Die Ausführung von Nebentätigkeiten könne umgekehrt sogar zu einer Reduktion des Unfallrisikos führen, behauptete der Konzern gegenüber der SZ. Denn die Fahrer würden dann ihren Fahrstil entsprechend an die Ablenkung anpassen. Dieses Argument fegen die Wissenschaftler aus Virginia nun beiseite. Eine derartige "Schutzwirkung" können die Experten nur für äußerst wenige Tätigkeiten ausmachen, zum Beispiel wenn Eltern ihr Kind auf der Rückbank bei Laune halten. Nachwuchs an Bord lässt Mütter und Väter tatsächlich konservativer fahren und senkt dementsprechend auch das Unfallrisiko. Musik zu hören und dabei mitzusingen scheint laut der Untersuchung ebenfalls sicher zu sein.

50 Millionen US-Dollar hat allein die aktuelle Studie des Virginia Tech Transportation Institute den amerikanischen Steuerzahler gekostet - ein Zeichen dafür, welchen hohen Stellenwert die USA dem Problem Ablenkung im Straßenverkehr mittlerweile beimessen. Auch Werner Herzogs Film lief mittlerweile an zehntausenden High-Schools und vor den Belegschaften von hunderten US-Behörden. In Europa gibt es bislang keine vergleichbaren Anstrengungen.

© SZ.de/pai/dd
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