Psychologie:Mal ohne Tüddeldü

Kinder und Handy

Ob auf der Arbeit oder auf dem Sofa: Das Smartphone ist meist dabei.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Wie ein paar Tage Smartphone-Verzicht auf die Psyche wirken. Eine Studie zeigt: Weniger gut als erhofft - und ein paar Nebenwirkungen gibt es auch.

Von Sebastian Herrmann

Das Smartphone hockt wie ein übellauniges Haustier neben dem Sofa und bettelt um Aufmerksamkeit. Eigentlich war es der Plan, auf der Couch zu lümmeln und zu lesen. Aber nach ein paar Buchseiten gibt das Nervtelefon ein Ping, ein Tüddeldü oder Brummen von sich. Eine Pushmeldung (Die Inzidenz ist hoch), eine Nachricht in einem der vielen Messenger (Einladung zum Elternstammtisch) oder eine Notification aus einem sozialen Netzwerk (Jemand äußert Böses im Namen des Guten) drängeln dazu, auf dem Smartphone rumzudrücken. Schwups ist eine halbe Stunde vergangen, das Buch vergessen und die Laune so instabil wie das Handynetz während einer Fahrt mit dem ICE. Wieder sinnlos rumgetrödelt, statt schön zu lesen. Nur dieses verdammte Smartphone versperrt den Weg zum Glück!

Diese Ansicht liegt nahe, gelten das Digitale im Allgemeinen und das Smartphone im Besonderen doch tendenziell als Seelenzerstörer. Doch so einfach scheint es nicht zu sein. Gerade haben Psychologinnen um Lisa Walsh von der University of California in Los Angeles eine Studie publiziert, die nahelegt: Digitales Fasten und Smartphone-Entsagung haben zwar durchaus positive Effekte, allerdings sind diese gering - und ein paar, ebenfalls kleine, negative Nebenwirkungen scheint der Verzicht auch noch zu haben. Also was nun?

Zu den psychischen Auswirkungen des Smartphone- und auch Social-Media-Gebrauchs bleiben bislang verblüffend viele Fragen offen. Die meisten Studien berichten nur von Korrelationen und können wenig oder nichts über Kausalitäten aussagen. So lässt sich aus der Forschungsliteratur quasi herauspicken, was zu den eigenen bestehenden Ansichten passt. Smartphones und Social Media fördern Depressionen und beeinträchtigen das Wohlbefinden. Oder: Smartphones und Social Media haben keinen nennenswerten Effekt auf die seelische Gesundheit und können das Wohlbefinden befördern. Die beiden Forschungsfraktionen interpretierten die gleiche Evidenz schlicht unterschiedlich, so die Psychologin Walsh.

Um also die Klärung der Frage nach den Auswirkungen des Smartphone-Gebrauchs etwas voranzubringen, organisierten die Forscherinnen für ihre Studie ein naheliegendes Experiment. Die Teilnehmer mussten für etwas mehr als eine Woche entweder ihren Smartphone-Gebrauch drastisch einschränken oder weitgehend auf Besuche in den sozialen Netzwerken verzichten. Anschließend verglichen die Psychologinnen die Effekte mit mehreren Kontrollgruppen. Smartphone-Fasten erhöhte demnach das Gefühl von Autonomie, förderte das Selbstbewusstsein, den Fokus und die Zufriedenheit, wenn auch alles nur in geringem Ausmaß. Social-Media-Verzicht hatte noch kleinere Effekte. Weder stieg das Wohlbefinden, noch besserten sich depressive Neigungen. Stattdessen berichteten die Probanden von leicht verstärkten negativen Empfindungen.

Digitales Fasten garantiert also auch kein Glück. Ruhig bleiben und weitermachen, lautet das Fazit der Psychologinnen. Es wäre dennoch schön, mal wieder konzentriert ein Buch zu lesen. Aber man könnte das Smartphone ja einfach in einem anderen Zimmer liegen lassen oder dem digitalen Haustier wenigstens alle Lautäußerungen untersagen.

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