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Wissenschaftsgeschichte:Die wahren Schätze waren Arzneimittel

Nicht nur mit Menschen, auch mit empfindlichen Käfern, Pflanzen und Tierhäuten gingen die Schiffsbesatzungen wenig zimperlich um. Beim Transport nach Großbritannien zerstörten häufig Sonnenlicht, Feuchtigkeit und Salzwasser die Sammelobjekte, Würmer, Ameisen und Nagetiere an Bord taten ein Übriges. Manchmal zerschlugen die Schiffsleute die Objekte auch einfach zum Zeitvertreib.

Und doch kamen genügend Funde unversehrt an. Besonders begeistert waren Naturforscher von exotischen Straußeneiern, Goliathkäfern, Schmetterlingen, Faul- und Gürteltieren. Aber die wahren Schätze, schreibt Wissenschaftshistorikerin Murphy, waren Arzneimittel. Dazu zählten etwa die Cinchona-Rinde, die Chinin enthält - oder Farbstoffe wie tiefblaues Indigo und hellrotes Cochenille, aus Käfern extrahiert und damit wertvoller als die gleiche Menge Silber.

Wissenschaftliche Studien zu Arzneimitteln und Farbstoffen aus den Tropen eröffneten Sklavenhändlern oft neue Möglichkeiten. Sie suchten eifrig nach profitablen natürlichen Ressourcen etwa für medizinische Anwendungen. So profitierte die Gesundheit der europäischen Kolonialisten zum Beispiel von Chinin gegen Malaria und anderen aus den Tropen stammenden Substanzen. Dieses Medikament machte den Aufenthalt in den Kolonien sicherer, sodass sich mehr Europäer dorthin wagten, den Handel ankurbelten und damit nach noch mehr Sklaven verlangten. Die Wissenschaft profitierte also nicht nur von der Sklaverei, indirekt trug sie auch zu ihrer Ausdehnung bei.

"Kabinetten der Neugierde"

Dabei suchten Forscher nicht nur Käfer und Pflanzen. Mediziner etwa sammelten mithilfe des Sklavenhandels gern auch menschliche Überreste. "Der Handel mit natürlichen Kuriositäten war weit verbreitet, Körperteile gehörten dazu", sagt Carolyn Roberts, Wissenschaftshistorikerin an der Yale University. Dazu zählten Hautgeschwulste, die aus den Händen von Sklaven geschnitten wurden, getrocknete Haut und Föten aus Fehlgeburten. Ein alter Katalog verzeichnet gar "Steine, entnommen aus der Vagina eines schwarzen afrikanischen Mädchens". Solche Präparate endeten oft in den "Kabinetten der Neugierde" wohlhabender Herren, aber auch an Universitäten und wissenschaftlichen Instituten.

Einige Historiker bezeichnen diese Sammlungen heute als die damalige "Big Science". Forscher untersuchten und sortierten diese Objekte, ihre Berichte flossen unter anderem in die Taxonomie ein. Carl von Linné etwa nutze sie bei der Zusammenstellung seiner berühmten Schrift "Systema Naturae" im Jahr 1735, dem Grundlagenwerk der modernen biologischen und zoologischen Nomenklatur.

Und so wurden viele Wissenschaften zu Trittbrettfahrern des Kolonialismus. Sklaven waren es, die das erste große Observatorium der südlichen Hemisphäre in Kapstadt errichteten. Astronomen wie Edmond Halley beobachteten den Mond und die Sterne von Sklavenhäfen aus. Isaac Newton nutze für die Entwicklung seiner Theorie der Schwerkraft Gezeitenmessungen aus der ganzen Welt, um den Einfluss des Mondes zu berechnen. Ein wichtiger Datensatz kam aus französischen Sklavenhäfen der Karibikinsel Martinique.

Viele mit dem Sklavenhandel verbundenen Sammelobjekte landeten schließlich in den Naturhistorischen Museen. Als James Petiver 1718 starb, schnappte sich der Londoner Naturforscher Hans Sloane seine Sammlung. Er hatte selbst auf Plantagen in Jamaika gesammelt und sich in eine Sklavenhalterfamilie eingeheiratet, deren Geld noch mehr Forschung ermöglichte. 1727 folgte er Newton als Präsident der Royal Society, die ihrerseits in den Sklavenhandel investiert hatte.

Als Sloane 1753 starb, vermachte er seine gesamte Sammlung der britischen Regierung. Sie wurde später zur Grundlage des British Museum in London, das viele dieser Objekte ins neu gegründete Natural History Museum überführte - dort befinden sie sich noch heute. Andere mit dem Sklavenhandel verbundene Sammlungen landeten unter anderem im Herbarium der Oxford University, in der Royal Society und im Chelsea Physic Garden.

Vertreter dieser Institutionen tun sich schwer damit, Zahlen zu diesen Sammlungen zu nennen. Zu vielen alten Objekten gibt es nur vage, fragmentierte Aufzeichnungen, die weder gesichtet noch digitalisiert sind. Dokumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert allerdings belegen, dass Abertausende Objekte einst nach Europa kamen. Naturforscher Henry Smeathman zum Beispiel schickte 600 Pflanzenspezies und 710 Insektenarten, oft mit mehreren Individuen pro Art.

Diese alten Funde und Objekte sind mehr als antiquarische Kuriositäten. Wissenschaftler verwenden sie noch immer, etwa für taxonomische Zwecke. Viele der Sammlungen enthalten sogenannte Typen, also die zuerst beschriebenen Individuen einer Art, mit denen alle anderen Individuen verglichen werden. Die Sammlungen sind von unschätzbarem Wert bei der Erforschung der Domestikation von Pflanzen, der Geschichte des Klimawandels und der Biogeografie. DNA aus alten Proben gibt Auskunft darüber, wie sich Pflanzen und Tiere über die Jahrhunderte entwickelt haben.

Die meisten Forscher sind sich jedoch der Herkunft der Sammlungen nicht bewusst. "Nur sehr wenige Menschen denken darüber nach, wie die Objekte gesammelt wurden", sagt Stephen Harris, Kurator des Herbariums der Oxford University. "Für sie sind das nur Daten." Umso mehr stehen die Museen heute in der Pflicht, meint der Kurator Mark Carine vom Natural History Museum. Die Sammlung des Londoner Naturforschers Sloane etwa sei "nicht nur eine biologische Dokumentation, sondern auch eine Quelle für das Verständnis des sozialen und historischen Kontextes, in dem sich die Wissenschaft entwickelt hat."

James Delbourgo, ein Historiker an der Rutgers University in New Jersey, der viel über Sklaverei und Wissenschaft geschrieben hat, sieht seine Forschung nicht als "Angriff auf Museen". Er wisse, wie sehr das Personal dort oft überlastet sei. Vielen Museen aber stäubten sich, die zweifelhafte Herkunft vieler Gegenstände anzuerkennen. Jetzt also, wo der Zusammenhang zwischen früher Naturwissenschaft und Sklaverei langsam bekannt wird, bleibt eine wichtige Frage: Wie sollen Wissenschaftler mit dieser Einsicht umgehen?

Denn klar ist auch, dass die Anerkennung dieser Tatsache nur ein erster Schritt sein kann, meinen die Wissenschaftshistoriker. In ihren Publikationen sollten Autoren künftig auf den Ursprung ihrer Daten hinweisen, fordern sie. Zumal dieser Hinweis auch eine wichtige wissenschaftliche Information sei. Pflanzenpräparate zum Beispiel wurden nicht wahllos irgendwo in Afrika gesammelt, sondern nur an bestimmten Punkten entlang der Küste - in der Nähe von Häfen, von denen aus Sklaven verschifft wurden. "Aus wissenschaftlicher Sicht ist ein Sammlungsobjekt im Wesentlichen ein Beweisstück", sagt Harris, "und je mehr man über die Herkunft dieses Beweisstücks weiß, desto besser kann man es in den Analysen einsetzen."

Auch deshalb sollten die neuen Einsichten über den Zusammenhang von Wissenschaft und Sklavenhandel in die aktuellen Diskussionen über Reparationen einfließen, fordern die Historiker. Dabei aber gehe es nicht nur um finanzielle Entschädigung, sagt Wissenschaftshistorikerin Kathleen Murphy, sondern auch um den angemessenen Umgang mit den Funden. Einige britische Organisationen und US-Universitäten wie Yale, Georgetown und Brown haben immerhin anerkannt, dass sie von der Sklaverei profitiert haben.

Insgesamt, sagt Murphy, "waren die moderne Wissenschaft und der transatlantische Sklavenhandel zwei der wichtigsten Faktoren bei der Gestaltung der modernen Welt".

Dieser Beitrag ist im Original im Wissenschaftsmagazin "Science" erschienen, herausgegeben von der AAAS. Deutsche Bearbeitung: clh. Weitere Informationen: www.aaas.org

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir das englische "At the dawn of the 1700s" usw. fälschlicherweise mit "17. Jahrhundert" übersetzt. Richtig ist natürlich das 18. Jahrhundert.

© SZ vom 04.05.2019/fehu/cat
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