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Silvesterknaller:Ohhh! Ahhh!

Einmal im Jahr lassen es die Deutschen krachen: 100 Millionen Euro investieren sie dann in ein nicht ganz ungefährliches Vergnügen. Doch woraus bestehen die Böller eigentlich?

Luise Heine

Zündschnur

Illegal importierte Feuerwerkkörper - gefährlich sind die kurze Zündschnur und die übergroße Menge an Schwarzpulver.

(Foto: Foto: dpa)

Auch Silvesterraketen haben eine "Seele". So nennen Experten den Faden in der Mitte der Zündschnur. Auf ihn ist ein schwarzpulverähnliches Gemisch aufgetragen. Um diese Mixtur unempfindlich gegen äußere Einwirkungen und Feuchtigkeit zu machen, ist ein schützender, mit Nitrocellulose präparierter Faden um die Seele gewickelt. Billige Importware oder selbst gebastelte Raketen können an der Zündschnur gefährliche Schwachstellen haben. Böller, die verspätet oder zu früh losgehen, verletzen jedes Jahr Menschen, fast 500 waren es allein in Berlin an Silvester 2007. In Deutschland prüft die Bundesanstalt für Materialforschung neue Feuerwerkskörper. "BAM" ist auf den Pappkörper sicherer Raketen gedruckt. Deutschland hat die strengsten Vorgaben, zum Beispiel darf eine Rakete nicht mehr als 20 Gramm explosiven Anteil aufweisen. Ab 2010 soll es ein europaweites Prüfsiegel geben.

Lesen Sie auf Seite 2, wieso die Rakete überhaupt abhebt.

Ohhh! Ahhh!

Treibsatz

Silvesterraketen dürfen 120 Dezibel in einer Höhe von acht Metern nicht übersteigen. Immer wieder führt der Raketenlärm zu bleibenden Hörschäden.

(Foto: Foto: ddp)

Schwarzpulver sorgt im Treibsatz dafür, dass die Rakete die gesetzlich erlaubten 20 bis 100 Meter in den Himmel steigt. Der seit über 1.000 Jahren bekannte Explosionsstoff besteht aus Kaliumnitrat (Oxidationsmittel), Schwefel (senkt die Zündtemperatur) und Holzkohle (sorgt für gleichmäßiges Abbrennen). Der Treibsatz ist im unteren Teil der Pappröhre unterhalb der eigentlichen Rakete verborgen. Das extrastark zusammengepresste Schwarzpulver verlangsamt das Abbrennverhalten und sorgt so für einen gleichmäßigen Schub. Wird zudem Metallgrieß zugegeben, zum Beispiel Titan oder Aluminium, leuchtet der Schweif silbern. Der Treibsatz brennt mit einem Zentimeter pro Sekunde ab. Das so erzeugte Gas kann dank eines Tonpfropfens mit Loch nur nach unten entweichen und bewirkt den steilen Aufstieg - das klassische Rückstoßprinzip. Das rasante Ausweichen des Gases erzeugt auch den typischen, hohen Ton. Silvesterraketen dürfen laut BAM 120 Dezibel in einer Höhe von acht Metern nicht übersteigen. Immer wieder führt der Raketenlärm zu bleibenden Hörschäden.

Lesen Sie auf Seite 3, warum der Böller explodiert.

Ohhh! Ahhh!

Feines Schwarzpulver wird auf Trägerstoffen wie Reisspelzen, Baumwollsamen oder Rapskörnern aufgebracht, um die Effekte zu verteilen.

(Foto: Foto: ddp)

Zerlegerladung

Nach dem Aufstieg beginnt Phase zwei. Dabei zündet die Treibladung entweder direkt die eigentlichen Effekte, die dann aus der Hülse der Rakete nach oben geschoben werden und als "Regen" niedergehen. Oder aber eine Zerlegerladung verteilt die Effekte gleichmäßig, indem sie diese mit großer Wucht freisetzt. Besonders feines Schwarzpulver wird dafür auf Trägerstoffe wie Reisspelzen, Baumwollsamen oder Rapskörner aufgebracht. Aufgrund der so vergrößerten Oberfläche erreicht die Ladung sehr hohe Abbrenngeschwindigkeiten. Explosionsartig zerreißt sie den Pappkörper der Rakete, verstreut die Ladung weit in der Luft und zündet sie dabei auch noch an. Besteht die Zerlegerladung aus Kaliumperchlorat mit feinstem Aluminiumpulver, erzeugt sie einen besonders lauten Knall und einen grellen Blitz.

Lesen Sie auf Seite 4, wie die Showeffekte entstehen.

Ohhh! Ahhh!

Rote Flammen erzeugt man mit einer Strontiumschicht, orangefarbene mit Kalzium, grüne mit Barium.

(Foto: Foto: dpa)

Effektfüllung

All das sorgt noch nicht für den eigentlichen Showeffekt der Rakete. Dafür ist der sogenannte pyrotechnische Satz verantwortlich. Diese Effektfüllung bietet das Schauspiel, sie erzeugt Licht, Lärm oder Nebel. Bei Silvesterraketen geht es meist um das Leuchten. Dafür sind mit Alkalimetallsalzen ummantelte, gerollte Kügelchen verantwortlich. Deren Kern besteht aus Kunststoff oder Reisspelzen, die in mehreren Schritten in einer Rührtrommel beschichtet werden. Rote Flammen erzeugt man mit einer Strontiumschicht, orangefarbene mit Kalzium, grüne mit Barium. Als letzte Schicht wird Schwarzpulver aufgetragen. Die Energie, die beim Entzünden des Pulvers frei wird, reicht aus, um die hohen Zündtemperaturen der Effektstoffe zu erreichen. Geschickt kombiniert, entstehen am Himmel so Blumen, Fontänen oder Blitze. Die Japaner gelten als Meister der der Herstellung großartiger Feuerwerke mit klangvollen Namen wie Warimono oder Pokamono.

© sueddeutsche.de/agfa/reb

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