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Silvester:"Jede Verbrennung erzeugt Feinstaub"

Jahresrückblick 2019

Feuerwerksraketen explodieren in der Silvesternacht über der Münchner Innenstadt.

(Foto: dpa)

Raketen und Böller zum Jahreswechsel. Für viele Menschen gehört das einfach dazu. Ute Dauert vom Umweltbundesamt erklärt, warum es sich für Mensch und Umwelt lohnen würde, mit dieser Tradition zu brechen.

Zu Silvester gehört ein Feuerwerk: Bislang gab es nur wenige, die an dieser Vorstellung etwas auszusetzen hatten. Mehr als 130 Millionen Euro wurden in Deutschland vergangenes Jahr in den Himmel geschossen. Das ändert sich gerade. Zum Beispiel in München. Dort gilt erstmals ein komplettes Feuerwerksverbot in Teilen der Altstadt. In Berlin wird Feuerwerk etwa vom Alexanderplatz verbannt. Und einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge sprechen sich 57 Prozent der Bundesbürger aus Umwelt- und Sicherheitsgründen für ein Verbot von Böllern aus. Ute Dauert hält einen solchen Schritt für richtig. Sie ist Meteorologin und leitet das Fachgebiet Beurteilung der Luftqualität im Umweltbundesamt.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SZ: Feuerwerk ohne Feinstaub: Geht das überhaupt?

Ute Dauert: Knallen, Pfeifen oder bunte Explosionen kriegt man nur mit dem klassischen Feuerwerk hin, also mithilfe von Schwarzpulver und pyrotechnischen Effektsätzen. Da geschehen Verbrennungsprozesse und jede Verbrennung erzeugt Feinstaub. Alternativen wären Lasershows oder druckluftbetriebene Konfettikanonen.

Die man ja nicht unbedingt zu Hause rumstehen hat. Sieht also so aus, als dürften wir in der Silvesternacht in diesem Jahr wieder hohe Feinstaubbelastungen erwarten. Wie sieht die Belastung im Vergleich zum Rest des Jahres aus?

Die Feinstaub-Emissionen, also was vom Silvesterfeuerwerk freigesetzt wird, liegen seit Jahren auf einem ähnlichen Niveau von etwa 4000 Tonnen. Aber wenn wir auf die gemessenen Konzentrationsdaten schauen, dann treten in den ersten Stunden des neuen Jahres die höchsten Feinstaubwerte innerhalb eines Jahres auf. Da sprechen wir von Stundenwerten, die häufig weit über 1000 Mikrogramm pro Kubikmeter liegen. Zum Vergleich: Im Jahresdurchschnitt lagen wir 2018 in den städtischen Wohngebieten bei 18 Mikrogramm pro Kubikmeter. Also das ist schon ein explosionsartiger Anstieg - im wahrsten Sinne des Wortes.

Ute Dauert ist Meteorologin und leitet das Fachgebiet Beurteilung der Luftqualität im Umweltbundesamt.

(Foto: privat)

Wovon hängt die Höhe der Belastung ab?

Zunächst einmal von der Menge an Feuerwerkskörpern, die abgebrannt wird. Aber es gibt noch mehr Faktoren. Etwa die meteorologischen Bedingungen: Wenn ich einen kräftigen Wind habe, dann werden die Schadstoffe sehr schnell in der Atmosphäre verteilt und damit verdünnt. Niederschläge waschen die Schadstoffe aus der Luft. Wenn wir aber eine austauscharme Wettersituation haben - was im Winter häufig der Fall ist -, dann erreicht die Konzentration enorme Werte, die über viele Stunden, bis hin zum nächsten Tag anhalten können.

Wer ist besonders durch Feinstaub belastet?

Die Wissenschaft ist sich ziemlich einig, dass es vermutlich keine Schwelle gibt, unterhalb derer Feinstaub nicht gesundheitsschädlich ist. Erkrankungen der Atemwege bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen können durch Feinstaub verursacht werden. In der Silvesternacht akut betroffen sind aber Menschen, die an Atemwegserkrankungen wie zum Beispiel Asthma oder einer Bronchitis leiden.

Wie kann man sich schützen?

Menschen mit einer Erkrankung der Atemwege, sollten während des Feuerwerks am besten in der Wohnung bleiben.

Und die Menschen, die an Silvester nicht auf ein Feuerwerk verzichten und auch selbst eines abbrennen möchten, weil das für sie eben dazu gehört?

Diese Menschen sind der erhöhten Feinstaubbelastung ausgesetzt - darüber müssen sie sich bewusst sein. Ein Tuch vor Mund und Nase oder ein einfacher Mundschutz zum Beispiel sind da nicht wirklich wirksam. Professionelle Feinstaubmasken könnten helfen, sind aber nicht praktikabel und auch nicht wirklich eine Lösung für alle.

Feinstaub ist das eine, aber Feuerwerke sind ja auch laut. Wie schädlich ist die Lautstärke für den Menschen?

Lärm ist ein großes Problem in der Silvesternacht. Etwa 8000 Menschen erleiden jährlich Gehörschäden durch Böller und ein Großteil davon behält bleibende Schäden. Denn die Feuerwerkskörper, die in der Silvesternacht von Erwachsenen abgebrannt werden dürfen, müssten eigentlich mit einem Abstand von acht Metern Entfernung gezündet werden. Denn erst dann ist der Schall, der durch den Knall entsteht, nicht mehr schädlich fürs Ohr. Das ist gerade in Großstädten meistens nicht der Fall. Da wird sehr viel dichter Feuerwerk abgebrannt und daher besteht auch das Risiko, einen Hörschaden zu erleiden, der irreversibel sein kann.

Einige Städte - wie etwa München - haben angefangen, Feuerwerke in bestimmten Zonen zu verbieten. Haben die Städte das Feinstaubproblem erkannt?

Die Möglichkeit, Feuerwerke zu untersagen, besteht an sich schon immer. In der Verordnung zum Sprengstoffgesetz ist geregelt, wer wann wo ein Feuerwerk abbrennen darf. In der Nähe von Altenpflegeheimen, Krankenhäusern und Kindereinrichtungen oder brandgefährdeten Gebäuden ist das in der Regel untersagt. Neu ist, dass jetzt viele Städte wie zum Beispiel München oder Berlin aus Sicherheitsgründen private Feuerwerke unterbinden oder feuerwerksfreie Zonen einrichten. Das geschieht zum Schutz der feiernden Menschen aber auch zum Schutz vor Sachschäden. Ich denke, bei den Verboten spielt weniger der Feinstaub eine Rolle als die Sicherheit. Trotzdem ist das natürlich positiv für die Feinstaubbelastung in den Stadtzentren.

Möglicherweise spielt ja für die Städte auch der Müll eine Rolle?

Sicher. Allein in den fünf Großstädten München, Hamburg, Berlin, Frankfurt und Köln sind 191 Tonnen Silvester-Müll zusammengekommen. Reste von Raketen und Böllern, aber auch Flaschen und Verpackung. Da haben die Stadtreinigungsbetriebe enorm viel zu tun. Wer also an Silvester Feuerwerk abbrennt, der sollte zumindest daran denken, den Müll korrekt in der Restmülltonne zu entsorgen.

© SZ.de/jsa
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