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Silikonmasken:Totale Verwandlung in 20 Sekunden

Combination photo shows a man in custody with and without his disguise in Vancouver

Verkleidet mit einer Silikonmaske konnte dieser Zwanzigjährige in ein Flugzeug von Hongkong nach Vancouver steigen. Nach der Landung flog seine Tarnung jedoch auf, er wurde in Kanada verhaftet.

(Foto: REUTERS)
  • Die Preise für äußerst realistische Silikonmasken sind stark gefallen. Dadurch werden sie auch für Betrüger attraktiv, die mit den Masken ihr Aussehen verändern können.
  • Experimente zeigen, dass die Tarnungen kaum zu durchschauen sind. Es gibt allerdings subtile Hinweise, wie zum Beispiel eine unnatürliche Gesichtsfarbe oder eine etwas künstliche Mimik.
  • Derzeit sind etwa 40 Kriminalfälle bekannt, bei denen die Masken zum Einsatz kamen.

Es ist im Film "Mission Impossible" wohl eine der dramatischsten Szenen: Die zweifelhafte Claire bespricht mit ihrem Ehemann Jim Phelps ihre geheimen Missetaten - doch plötzlich reißt sich Phelps eine verblüffend echt aussehende Gummimaske vom Kopf. Darunter steckt Ethan Hunt, der Held des Films. Dank der Täuschung kommt er der Betrügerin auf die Schliche.

Vor rund 25 Jahren waren lebensecht wirkende Masken noch Hollywood vorbehalten, mittlerweile sind sie jedoch in der Realität angekommen. Die Preise für Silikongesichter liegen inzwischen unter 1000 Dollar. Die Masken werden über den ganzen Kopf gezogen und reichen etwa bis zu den Schultern. Die Auswahl ist enorm, eine kanadische Firma hat online etwa den "Senilen" im Angebot, den "Lehrer" oder den "Fetten". Und nicht immer werden die Visagen zum Guten eingesetzt. Vor einigen Jahren passierte ein junger asiatischer Mann die Passkontrolle in Hongkong und bestieg ein Flugzeug Richtung Kanada. Mit einer Maske, die ihn als alten weißen Mann tarnte, hatte er die Grenzer genarrt. 2016 wurde ein Afroamerikaner wegen eines Bankraubs festgenommen. Später stellte sich heraus, dass in Wahrheit ein Weißer die Bank ausgeraubt hatte - mit einem Silikongesicht als Schwarzer getarnt.

Kaum einem Beobachter fällt die Tarnung von Verbrechern auf

Lassen sich Menschen von einer Schicht Gummi so einfach täuschen? Psychologen der Universität York haben nachgewiesen, dass die Silikonhüllen tatsächlich schwer auszumachen sind und daher für Sicherheitskräfte zum Problem werden könnten. Kürzlich publizierten die Forscher im Fachblatt Perception Ergebnisse eines Experiments im Londoner Wissenschaftsmuseum. Dort baten sie Besucher, den Ausweis eines Komplizen zu überprüfen und zu entscheiden, ob sie ihn passieren lassen würden. Der Komplize hatte eine Maske auf. 87 Prozent der Teilnehmer erkannten nicht, dass der Mann ein falsches Gesicht hatte. Als diese 87 Prozent daraufhin explizit gefragt wurden, ob der Mann eine Maske trage, waren immer noch neun von zehn überzeugt, ein echtes Gesicht zu sehen.

Der am Experiment beteiligte Psychologe Rob Jenkins zeigt sich von den Ergebnissen wenig überrascht. Schon die Berichte von den Verbrechen der Maskenmänner hätten darauf hingedeutet, dass kaum jemand von der Tarnung Notiz nehme. "Die Fälle wurden meist nicht gelöst, weil jemand erkannte, dass der Täter eine Maske trug", sagt Jenkins. "Sondern weil ein Mitwisser der Polizei einen Tipp gab, oder die Maske im Zuge einer Hausdurchsuchung gefunden wurde." Der weiße Bankräuber etwa wurde überführt, weil seine Freundin eine Tasche mit Bargeld und der Silikonmaske entdeckte. Sie verständigte die Polizei. Bei einem weiteren Banküberfall flüchtete der Täter zu Fuß. Er hatte sich als alter Mann getarnt - und erregte mit seinem sportlichen Sprint Verdacht.

Auch in anderen Studien haben Wissenschaftler gezeigt, wie leicht falsche Gesichter als echte durchgehen. Im Fachmagazin Cognitive Research berichtet die Psychologin Jet Sanders von einem Experiment, in dem 60 Personen Fotos von Menschen mit und ohne Masken betrachteten. Ohne zu wissen, nach was sie suchen sollten, erkannte keiner der Probanden, dass einige Bilder keine echten Gesichter zeigten. In einem weiteren Experiment sollten 160 Studenten auf dem Universitätsgelände von Kyoto einen Mann beobachten, der auf einer Bank ein Buch las. Nur fünf erkannten, dass der Bücherwurm eine Maske trug.

Ein Betrüger tarnte sich als französischer Minister und erschwindelte Millionen

Jenkins schätzt, dass mittlerweile etwa 40 Verbrechen bekannt sind, in deren Verlauf Masken zum Einsatz kamen. Nur die Spitze des Eisbergs, glaubt er. Denn zählen lassen sich nur die Fälle, die später aufgeklärt wurden. Die wohl spektakulärste dieser Taten wird seit Anfang Februar in Paris vor Gericht verhandelt. 2015 hatte sich ein Unbekannter als der damalige französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian ausgegeben und sich mit Komplizen einen zweistelligen Millionenbetrag erschwindelt. Über Skype und Telefon kontaktierte der falsche Minister rund 150 meist wohlhabende Zielpersonen und behauptete etwa, Lösegeld für entführte französische Staatsbürger zu sammeln. Drei glaubten den Schwindel. Einer davon ist laut Anklage der Multimilliardär und islamische Religionsführer Karim Aga Khan IV. Er soll dem Betrüger 20 Millionen Euro überwiesen haben. Der türkische Geschäftsmann İnan Kıraç wurde sogar um mehr als 40 Millionen Euro erleichtert. Sieben Männer stehen in Paris vor Gericht; als Kopf der Bande steht der vorbestrafte Trickbetrüger Gilbert Chikli unter Verdacht. Die Angeklagten bestreiten die Tat.

Und so sind Verkleidungen in der Welt der Geheimdienste und Kriminellen zwar beileibe nichts Neues. Gegenüber falschen Schnurrbärten und Hüten haben die Masken laut Jenkins jedoch viele, auch praktische Vorteile: "Man kann sie in weniger als 20 Sekunden anziehen und damit sein Aussehen vollständig verändern." Sogar das Geschlecht lasse sich wechseln.

Doch es gibt stets auch Menschen, die sich von Fake-Gesichtern nicht foppen lassen. Subtile Zeichen wie eine unnatürliche Hautfarbe, oder eine etwas künstliche Mimik geben ihnen den entscheidenden Hinweis. Und im Fall der illegalen Ausreise aus Hongkong war es fast filmreif: Der Schwindel flog auf, als der Mann während des Flugs die Maske abnahm - was seiner Sitznachbarin dann doch etwas seltsam vorkam.

© SZ vom 26.02.2020/fie
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