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Sicherheit von Ölplattformen:Buße tun und weiter sündigen

Der deutsche Vorschlag auf ein Moratorium für Tiefseebohrungen in der Nordsee hat wenig Chancen. Die Ölbohrungen gehen weiter, das Risiko steigt. Die meisten Staaten haben nichts gelernt aus den verheerenden Folgen der Umweltkatastrophe im Golf.

Wenn der Balanceakt mit den Urgewalten der Tiefe aus dem Gleichgewicht gerät, wenn das Spiel mit dem Druck des Erdöls entgleist, dann dröhnt es aus dem Bohrloch, dann faucht und zischt es aus der Unterwelt. Wenn die Arbeiter auf den Ölplattformen solche Geräusche hören, wissen sie, dass nur noch wenig Zeit bleibt, um das Monster unter der Erde zu bändigen.

Ölpreise klettern auf neue Rekordstände

Die Öl-Plattform "Statfjord A" ist eine der ältesten in der Nordsee, seit 1979 beutet sie die Vorkommen aus. Vor drei Jahren liefen bei der Beladung eines Tankers etwa 4000 Tonnen Öl ins Meer, ein acht Quadratkilometer großer Ölteppich trieb auf die Küste zu. Ein halbes Jahr später gab es den nächsten Unfall.

(Foto: dpa)

So war es im April auf der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko, und so war es auch vier Wochen später auf der norwegischen Plattform Gullfaks C, die in der Nordsee vor der Stadt Bergen Öl fördert. Beinahe hätte es etwa tausend Kilometer vor der deutschen Küste eine Katastrophe gegeben, doch im Unterschied zur BP-Plattform funktionierte im letzten Moment der Notabschalter auf dem Meeresgrund.

Und Bergen ist es auch, wo sich die Umweltminister der 16 Anrainerstaaten der Nordsee und des Nordostatlantiks an diesem Donnerstag treffen. Die Konferenz steht unter dem Eindruck des BP-Unglücks. Deutschland hat einen mutigen Vorschlag gemacht: Solange die Ursachen für die Katastrophe im Golf nicht geklärt sind, und solange nicht klar ist, ob so etwas auch in der Nordsee geschehen könnte, sollen neue Bohrungen in der Tiefsee verboten werden.

Die deutsche Delegation schlägt vor, "intensiv zu prüfen, ob eine zeitliche Unterbrechung von neuen Bohrungen" nötig sei, wie es in dem Entwurf des Verhandlungspapiers heißt - mit anderen Worten: Deutschland will erreichen, dass die Länder über ein Moratorium für Tiefseebohrungen nachdenken.

Gründe dafür gibt es genug: Schon zweimal kam es in der Nordsee zu Katastrophen. Im Jahr 1977 waren es 23.000 Tonnen Öl, die sieben Tage lang aus der Plattform Ecofisk Bravo sprudelten; elf Jahre später starben 166 Menschen auf Piper Alpha, 670 Tonnen Öl flossen in die Nordsee. Hinzu kommen mehrere hundert kleinere Unfälle, bei denen Jahr für Jahr insgesamt 200 bis 900 Tonnen Öl ins Meer gelangen: Arbeiter machen Fehler, wenn sie Öltanks leeren, Geräte der alternden Anlagen werden defekt, Tankschiffe verlieren ihre Ladung - im Jahr 2007 geschah das 515 Mal.

Die großen Unfälle ereigneten sich bisher im seichten Teil der Nordsee, wo Taucher Lecks reparieren können. Doch weil die bekannten Ölfelder allmählich zur Neige gehen, drängen die Ölkonzerne in immer tiefere Gewässer. Die sogenannte Ospar-Kommission zum Schutz der Meeresumwelt im Nordatlantik erwartet, dass rund um Island und die Färöer-Inseln, westlich der Shetland-Inseln und in der Barentssee zunehmend Öl gefördert wird.

Röttgen schlägt Moratorium vor

Mit der größeren Tiefe steigt aber auch das Risiko, dass in der Nordsee eine Ölkatastrophe ähnlich wie im Golf von Mexiko passiert, warnen Umweltschützer. Die Techniker sind dort auf Roboter angewiesen, die dem Druck in der Tiefe standhalten. Und weil die See so weit im Norden sehr kalt ist, können die Bakterien im Wasser das Öl nur langsam abbauen - die Umweltschäden bei einem Unfall in einer Meerestiefe von 1000 Metern wären verheerend.

Doch die Hoffnung der Umweltschützer, dass die Minister in Bergen einem Verbot solcher Ölbohrungen zustimmen, dürfte vergeblich sein. Die Initiative von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) steht unter keinem guten Stern. Im Juli hatte er im Fernsehen angekündigt, sich für einen Bohrstopp einzusetzen. "Wenn man mal eine Pause macht für neue Bohrungen, dann wäre das vielleicht ein praktischer Schritt", sagte er - fügte jedoch gleich hinzu, dass die anderen Nordsee-Staaten wohl kaum zustimmen würden. So dürfte es nun kommen.

Nicht einmal innerhalb der deutschen Regierung konnte man sich darauf einigen, dass neue Projekte erst dann wieder erlaubt sein sollten, wenn klar ist, dass die Sicherheitsstandards hoch genug sind. Das Wirtschaftsministerium schwächte ab: Die deutsche Delegation darf jetzt nur noch eine Diskussion über ein Moratorium fordern. Und am Mittwoch wurde bei den ersten Vorgesprächen auf Beamtenebene in Bergen klar, dass für Norwegen, Großbritannien und Dänemark nicht einmal dieser abgeschwächte Vorschlag in Frage kommt. Von dem deutschen Antrag ließen die Beamten nicht mehr viel übrig, von einem Bohrstopp ist gar nicht mehr die Rede.

Den größten Widerstand leisten jene Länder, in denen Ölkonzerne nach Recherchen der Umweltorganisation Greenpeace die meisten der insgesamt 24 neuen Tiefseeprojekte planen - in Norwegen und England dürften wohl wirtschaftliche Interessen gegenüber dem Umweltschutz überwiegen. Die Staaten verdienen an der Vergabe der Bohrlizenzen und an der Ölförderung. Wenn die Minister am Donnerstag eintreffen, werden sie sich bestenfalls darauf einigen, die Sicherheitsvorkehrungen im eigenen Land zu analysieren und im nächsten Jahr über ihre Erkenntnisse zu berichten, hieß es aus Verhandlungskreisen. Vielleicht wird auch eine Arbeitsgruppe gegründet. "Es ist beschämend, dass nach einer solchen Jahrhundertkatastrophe nicht ernsthaft über Konsequenzen nachgedacht wird", sagt Stefan Krug, der die Konferenz für Greenpeace in Bergen beobachtet.

Die Umweltverbände hoffen nun auf die Europäische Kommission, die einen sogenannten Stresstest für Ölbohrungen in der EU angekündigt hat. Die Behörde will Schwachstellen bei den Sicherheitsvorkehrungen auf den Plattformen prüfen und offenbar noch im Herbst Vorschläge für Verbesserungen machen. Inzwischen geht das Bohren jedoch weiter - ganz so, als sei nichts geschehen.

© SZ vom 23.09.2010/jab
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