bedeckt München 14°

Sexualität:Sexuelle Revolution durch Penicillin

Sexuelle Revolution, Marilyn Monroe 1953

In den angeblich so prüden 50er Jahren wurde Marilyn Monroe (hier 1953) zum Sexsymbol und zur Hollywoodlegende. Tatsächlich war das Thema Sex in den westlichen Gesellschaften zu dieser Zeit nicht so tabu, wie es häufig dargestellt wird.

(Foto: dpa)

Der Wandel der Sexualmoral in Nordamerika und Europa fand in den 60er Jahren statt, heißt es gemeinhin. Stimmt nicht, sagen Ökonomen, die sexuelle Revolution habe deutlich früher angefangen. Und ihr Auslöser seien auch nicht die Antibabypillen gewesen - sondern andere Medikamente.

Von Christian Weber

Alles im Leben hat seinen Preis, sagen Ökonomen. So muss es also auch mit der freien Liebe sein. Sinkt deren Preis, dann verbreitet sie sich stärker. "It's the economy, stupid" lautet mal wieder die Kurzfassung einer Studie, die der Ökonom Andrew Francis von der amerikanischen Emory University in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Archives of Sexual Behaviour (Bd. 42, S.5, 2013) vorstellt.

In dieser Arbeit versucht er, den Beweis zu führen, dass die Sexuelle Revolution nicht erst am Ende der 1960er-Jahre die Welt umgekrempelt hat, als endlich moderne Verhütungsmittel wie die Pille zur Verfügung standen und die Gedanken freier wurden.

Vielmehr habe sie bereits mindestens ein Jahrzehnt früher, mitten in den vermeintlich so prüden 1950er-Jahren begonnen. Und hauptverantwortlich dafür sei der schottische Bakteriologe Alexander Fleming gewesen, der am 28. September 1928 zufällig in seinem Labor entdeckt hatte, dass Schimmelpilze der Gattung Penicillium Bakterien töten können.

Flemings Entdeckung führte Anfang der 1940er-Jahre zum klinischen Einsatz von Antibiotika, mit denen sich die Syphilis erstmals effektiv bekämpfen ließ. "Es ist eine verbreitete Annahme, dass die sexuelle Revolution mit der freizügigeren Haltung der 60er-Jahre und der Entwicklung der Antibabypille begonnen habe", sagt Francis. "Die Sachlage deutet jedoch klar darauf hin, dass bereits der verbreitete Gebrauch von Penicillin und der dadurch bedingte Rückgang der Syphilis-Erkrankungen während der 50er die moderne sexuelle Ära startete."

Bis dahin waren die Risiken - ökonomisch gesehen: die Kosten - von ungeschütztem Sex extrem hoch. Am Höhepunkt der Syphilis-Epidemie im Jahre 1939 starben allein in den USA 20.000 Menschen an der Seuche. "Es war das Aids der späten 30er- und frühen 40er-Jahre", sagt der Ökonom Francis.

Dies beunruhigte im laufenden Zweiten Weltkrieg insbesondere die militärische Führung, die um die Kampfkraft der Soldaten fürchtete und deshalb die Aufklärung über Geschlechtskrankheiten sowie die Entwicklung von Therapien vorantrieb - mit Erfolg: Von 1947 bis 1957 sank die Zahl der Syphilis-Fälle um 95 Prozent, die Zahl der Todesfälle um 75 Prozent. Ökonomisch gesprochen: Die potenziellen Kosten des Risikos Sex waren drastisch gesunken; und das hatte Folgen bis in die Betten der USA, wie Francis jetzt zeigen konnte.

Zwar gibt es aus diesen Zeiten keine repräsentativen Umfragen zum Sexualverhalten, Francis kam jedoch auf die Idee, dass andere, statistisch von den Gesundheitsbehörden gut erfasste Indikatoren ebenso zuverlässig auf sexuelle Freizügigkeit schließen lassen. Unter diesen sind: die Zahl der außerehelichen Geburten sowie die Zahl der minderjährigen Mütter und der Tripper-Infektionen, einer hochansteckenden, aber nicht so gefährlichen Geschlechtskrankheit wie die Syphilis.

Und tatsächlich, erläutert Francis: "Sobald die Syphilis verschwand - in der Mitte bis zum Ende der 1950er-Jahre - stiegen alle drei Indikatoren für riskanten Sex dramatisch an." Die Antibabypille wird somit nicht der Grund gewesen sein. Zwar kam das Präparat Enovid bereits 1957 als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden auf den amerikanischen Markt, doch erst 1960 wurde es von der Arzneimittelbehörde FDA als Verhütungsmittel zugelassen. Und wichtiger noch: Erst 1972 öffnete das oberste US-Gericht allen unverheirateten Paaren den Zugang zur Pille, die sich erst dann flächendeckend verbreitete.

"Der Lohn der Sünde ist nun vernachlässigbar"

Ökonom Francis sieht hier Parallelen zur gegenwärtigen Aids-Epidemie. Auch hier zeigen neuere Studien, dass der klinische Einsatz der neuen und wirksamen Hochaktiven Antiretroviralen Therapien (HAART) wieder zu einem riskanteren Sexualverhalten vor allem unter Männern geführt hat, weil eine HIV-Infektion jetzt behandelbar erscheint. Hier zeige sich wieder die Gültigkeit der Ökonomie, schreibt Francis: "Beide Beispiele bestätigen die Grundannahme, dass das Verhalten die Kosten einer Krankheit beeinflusst, und dass die Kosten einer Krankheit wiederum das Verhalten beeinflussen."

Es ist eine Einsicht, die - so berichtet Francis - interessanterweise die Vertreter der Kirche mit ihrem ganz speziellen Interesse am Sex zuerst formulierten. Er zitiert den bekannten spanischen und katholischen Arzt Eduardo Martinez Alonso, der über die Erfindung des Penicillins wie folgt schimpfte: "Der Lohn der Sünde ist nun vernachlässigbar. Man kann nun ohne Strafe sündigen, weil der Dorn der Sünde entfernt wurde." Eigentlich eine gute verhaltensökonomische Einsicht.

Auch wenn Francis die Bedeutung anderer, weicher Faktoren für die Sexuelle Revolution nicht bestreiten möchte, glaubt er doch, dass man in Zukunft zumindest die 1950er-Jahre neu wird einordnen müssen, sie seien eben nicht nur prüde und konservativ gewesen. "So mögen viele Erwachsene mittleren Alters gewesen sein, nicht aber notwendigerweise die jungen Erwachsenen."

Die neue Studie ist zudem ein weiterer Hinweis darauf, dass es bei der Geschichte der Sexualität nicht genügt, nur Texte und Medien der jeweiligen Zeit zu betrachten, manchmal sind Statistiken aufschlussreicher.

So argumentierte vor Kurzem auch der Historiker Faramerz Dabhoiwala von der University of Oxford in einem Interview in dieser Zeitung. Er verwies darauf, dass sich bereits um 1800 eine Art sexueller Revolution ereignet haben muss. Nur so sei es zu erklären, dass damals plötzlich 25 Prozent der Kinder außerehelich geboren wurden; noch 1650 habe die Quote nur ein Prozent betragen. "Das zeigt, dass die Menschen auf einmal keine Angst mehr haben mussten", sagt Dabhoiwala.

© SZ vom 30.01.2013/mcs/rus
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema