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Sexualhormone:Rollenumkehr dank Testosteron

Im Tierreich sind die Geschlechterrollen klar verteilt: Männchen balzen und kämpfen, Weibchen brüten und hegen den Nachwuchs. Oder doch nicht? Beim Grillkuckuck balgen sich die Frauen um die Männer.

Robert Lücke

Im Tierreich sind die Männchen meistens echte Angeber. In der Regel sind sie größer, schwerer und stärker als die Weibchen ihrer Art. Oft drängeln sie sich auch optisch in den Vordergrund. Die Männchen vieler Vogelarten zum Beispiel tragen während der Balzzeit ein absurd buntes Federkleid oder plustern sich bis auf das Doppelte ihrer normalen Größe auf. Auch das Verhalten der Männchen ist eigen.

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Grillkuckuck.

(Foto: Foto: W. Goymann/Max-Planck-Gesellschaft)

Das Sexualhormon Testosteron macht sie aggressiv, lässt etwa Hirsche oder Steinbockmännchen gegeneinander kämpfen und Vogelmänner um die Wette singen. Das alles passiert im Wettstreit um die Gunst der Weibchen. Aber bei manchen Tierarten sind die Geschlechterrollen vertauscht, dann sind es die Frauen, die sich um die Männer balgen - zum Beispiel beim afrikanischen Grillkuckuck.

Dieser gehört zu dem einen Prozent aller Vogelarten, deren Weibchen aggressiv Reviere verteidigen und um Männchen konkurrieren. Während der Regenzeit entwickeln sie ein prachtvolles Brutgefieder und verteidigen große Territorien, deren Besitz sie durch anhaltenden Gesang verkünden.

"Und auch sonst verhalten sie sich wie echte Machos: Konkurrentinnen werden vehement vertrieben, Männchen jedoch sind willkommen - je mehr, desto besser. Jedes Weibchen verpaart sich mit bis zu drei Männchen", sagt Wolfgang Goymann vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen.

Brüten ist Männersache

Dem Grillkuckuckmännchen fällt nach der Paarung das Brutgeschäft und die Aufzucht der Jungvögel zu. Anders als der Europäische Kuckuck ist der Grillkuckuck kein Brutparasit. Er brütet seine Eier selbst aus - und das ist bei dieser Art reine Männersache. Währenddessen legt das Weibchen weitere Eier für eines ihrer anderen Männchen oder versucht, weitere Gatten zu gewinnen. "Klassische Polyandrie" nennen Biologen dieses Paarungssystem.

Bei diesem Verhalten könnte das Hormon Testosteron eine Schlüsselrolle spielen. "Die Vermutung lag nahe, dass hier, anders als beim Großteil der Tierwelt, die Weibchen viel, die Männchen wenig Testosteron ausbilden", sagt Goymann. Doch die untersuchten Grillkuckucke wiesen allesamt normale Testosteronprofile auf, mit hohen Werten bei den Männchen und niedrigen bei den Weibchen.

Doch Testosteron führt nur dann zu bestimmten Verhaltensmustern, wenn es an der richtigen Stelle in erhöhter Konzentration ankommt. Hierfür sind Androgenrezeptoren notwendig. Und im Nucleus taeniae der Weibchen - jenem Gehirnbereich, der in die Steuerung von territorialem und Aggressionsverhalten involviert ist - fanden die Forscher mehr Androgenrezeptoren als bei männlichen Vögeln. "Das bedeutet, dass Grillkuckuckweibchen womöglich viel empfindlicher auf geringe Mengen an Testosteron reagieren als Männchen", sagt Goymann.

Gründe für den Rollentausch?

Um die Gründe für die vertauschten Geschlechterrollen besser zu verstehen, erforschen die Max-Planck-Forscher auch den eng verwandten Weißbrauenkuckuck. Dieser lebt monogam, beide Geschlechter kümmern sich um Brut und Aufzucht. Dass beim Grillkuckuck ein einzelnes Elterntier dafür genügt, könnte an der Nahrung des Kuckucks liegen.

Denn Grillkuckucke verfüttern an ihre Jungen fast nur Heuschrecken, die zu ihrer Nestlingszeit in großer Zahl vorkommen. "Weißbrauenkuckucke hingegen haben einen deutlich umfangreicheren Speiseplan und müssen mehr und häufiger auf Nahrungssuche gehen", sagt Goymann.

Bei den Grillkuckucken werde außerdem ein Großteil der Gelege schon kurz nach der Eiablage von Feinden gefressen, was vermutlich den selektiven Druck auf die Weibchen erhöht, in kurzer Zeit so viele Eier wie möglich in mehreren Nestern zu legen. "Da kann es sich nicht noch mit Brüten und Füttern aufhalten", sagt Goymann.

Auch bei anderen Tierarten gibt es verblüffende Abweichungen von der Norm, wonach die Männchen groß und stark, die Weibchen klein und schwach seien. So sind bei den meisten Greifvogelarten, etwa bei Falken, Sperbern, Habichten und einigen Adlern die Weibchen oft bis zu einem Drittel größer als die Männchen.

Warum das so ist, konnten Biologen bis heute jedoch nicht schlüssig beantworten. Eine Interpretation ist, dass die Geschlechter bei unterschiedlicher Größe nicht um die gleiche Nahrung konkurrieren müssen. Die größeren Weibchen können die größere Beute schlagen. Die kleineren Männchen sind dagegen schneller und manövrierfähiger.

Während der Aufzucht der Jungen, in der sie fast alleine für die Futterbeschaffung zuständig sind, können sie so mehr und häufiger erfolgreich Beute schlagen. Andere Forscher argumentieren, die Weibchen seien größer, um nicht von den Männchen gefressen zu werden.

Fürsorgliche Seepferdchen

Bei den Seepferdchen trägt das Männchen die alleinige Verantwortung für den Nachwuchs. In Säckchen schleppen sie die von ihnen befruchteten Eier mit sich herum. Die Weibchen sind, wie bei anderen Fischarten wie Panzerwels und Neonsalmler, aber auch bei Amphibien wie Kröten, deutlich größer als die Männchen. Biologen führen dies darauf zurück, dass ein größeres Tier mehr Eier zu produzieren vermag als ein kleines.

Dass bei den meisten Tieren, vor allem bei Säugern, dennoch die Männchen größer sind als die Weibchen, liegt an der Konkurrenzsituation. Ein größeres Männchen ist gegenüber einem kleineren im Vorteil, weil es sein Weibchen besser verteidigen kann.

Das Größere pflanzt sich fort und gibt seine Gene weiter, und die stärksten seiner Nachkommen werden sich im Zweifel gegenüber schwächeren Männchen durchsetzen. Ist die Konkurrenzsituation nicht gegeben, sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern meist gering.

© SZ vom 13.7.2007
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