Serie: 200 Jahre Darwin (18) Der Stammbaum war einmal

Der Baum gilt als Sinnbild der Evolution. Doch schon Darwin haderte mit dem Symbol und heute zeigt sich: Für die Evolution der Bakterien ist es völlig ungeeignet.

Von Wiebke Rögener

Als Charles Darwin vor 150 Jahren seine Evolutionstheorie vorlegte, startete er unbeabsichtigt einen eigenartigen Wettbewerb. Wer findet das beste Symbol für die Evolution, ein Diagramm, ein intuitiv verständliches Bild? Darwin selbst verglich die Abfolge der Arten mal mit einem Baum, mal mit einer Koralle. Andere Forscher favorisieren Netze, Flüsse, kreisförmige Diagramme oder waagerecht verzweigte Strichzeichnungen.

Evolution im Zeitraffer

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So hat ein regelrechter Daseinskampf der Metaphern begonnen. Im allgemeinen Bewusstsein behauptet hat sich bis heute, gegen heftige Kritik, der Stammbaum des Lebens. Doch je mehr die Forscher über Bakterien lernen, deren merkwürdige Verwandtschaftsbeziehungen sich nicht im Stammbaum darstellen lassen, desto offener erscheint das Rennen.

Darwin hat das Bild des Stammbaums nicht erfunden. Vor allem adlige Familien nutzten Wurzel, Stamm und Äste seit dem 16. Jahrhundert, um ihre weitverzweigten Sippen darzustellen und ihre Herkunft auf einen berühmten Ahnherrn zurückzuführen. Darwin und andere Naturforscher seiner Zeit übertrugen das Bild auf die systematischen Zusammenhänge der Organismen. "Die Ähnlichkeit aller Lebewesen einer Klasse ist manchmal als großer Baum dargestellt worden", schreibt Darwin in seinem Werk "Origin of Species" (Die Entstehung der Arten), das er vor 150 Jahren veröffentlichte. "Ich glaube, dieses Gleichnis spricht größtenteils die Wahrheit."

Gezeichnet hat Darwin allerdings keine Bäume - ohnehin war er mit dem Zeichenstift wenig geschickt. Eine berühmte Skizze zeigt zwar allerlei Verzweigungen, doch an Stamm und kräftigen Ästen fehlt es; auch strebt das Gebilde nicht in die Höhe, sondern rankt eher seitwärts.

"I think", schrieb Darwin daneben, als sei die ungelenke Handzeichnung noch nicht hypothetisch genug. Auch ein umfangreicheres Evolutionsdiagramm aus Darwins Buch zeigt zwar vielfältige Gabelungen, erinnert aber nur sehr entfernt an einen Baum. Vor allem fehlt den Linien der gemeinsame Ursprung. Darwin "überließ die Vollendung seinem Leser. Ihm blieb das Paradox des fehlenden 'origin' (Ursprungs) in 'Origin of Species'", bemerkt Julia Voss dazu in ihrem Buch "Darwins Bilder". Über das erste Lebewesen, das die Wurzel seines Baums bilden sollte, konnte der Naturforscher schließlich nur spekulieren.

Solche Skrupel hielten Darwins deutschen Nachfolger Ernst Haeckel nicht davon ab, den Baum plastisch und selbstgewiss auszuschmücken. Knorrig und reich verzweigt reckt sich der Stammbaum des Lebens in die Höhe, mit dem Haeckel 1874 seine "Anthropogenie", eine Entwicklungsgeschichte der Menschheit, illustrierte.

Das ist nicht einfach irgendein Baum: Wuchsform und Struktur der Rinde machen ihn als Eiche kenntlich, Risse in der Borke sind detailreich ausgeführt. Am breiten Fuß finden sich Amöben und einfachste Urlebewesen. Über Würmer, Fische und Amphibien strebt der Stamm in die Höhe zu den Säugetieren, bis nach ganz oben in den Baumwipfel zum Menschen als Krone der Schöpfung. Anders als in Darwins Abbildungen sei bei Haeckel die Evolution mit dem Menschen zum Stillstand gekommen, bemerkt Julia Voss. "Die Eiche war ausgewachsen. Aus der Evolutionsgeschichte wurde eine Fortschrittsgeschichte von aufsteigenden Stufenfolgen."

Bakterien

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